Über Gewicht: Heide Fuhljahn stellt ihr Buch „Allein unter Dünnen“ am Donnerstag in der Stadtbücherei Esslingen vor. Mit 14 „Mutproben“ will sie auch den Leserinnen und Lesern Mut machen.

Einmal fühlte sich Heide Fuhljahn echt gut. Ein wahres Erfolgserlebnis, damals beim Selbstverteidigungskurs: Während die Idealfrauen des Body Mass Index (BMI) jeder Trainingsangriff umhaute, hielt sie mit ihrem Gewicht den heftigsten Attacken stand. Ein Gefühl von „Mir kann keiner was“. Einer der raren Momente von Stolz, weil und nicht obwohl sie so ist, wie sie ist. Sonst kommt sich Heide Fuhljahn oft allein vor, wenn sie unter Menschen ist: Allein unter Dünnen.

 

So lautet der Titel ihres Buchs, aus dem die Publizistin und frühere Mitarbeiterin unserer Zeitung an diesem Donnerstag in der Esslinger Stadtbücherei liest. Seit ihrem zwölften Lebensjahr gilt sie als zu dick. Heute, als 50-Jährige, leidet sie an Adipositas.

Die immer gleichen Vorurteile gegen Übergewichtige

Die Gebetsmühlen der Vorurteile kennt sie aus eigener leidvoller Erfahrung. Das Mantra lautet stets: Wer zu dick ist, ist selber schuld. Übergewicht wird ausschließlich zur Folge mangelnder Disziplin erklärt: beim Essen, beim Sport, beim Lebensstil. Fast alles falsch, sagt Fuhljahn, die selbst viel Sport treibt und für ihr Buch ausgiebig medizinische Fachliteratur gewälzt hat. „Fehlernährung ist nur bei einer kleinen Minderheit der Übergewichtigen die Ursache. Bei allen anderen sind es Genetik, seelische Erkrankungen oder sozioökonomische Faktoren.“ Prekäre Verhältnisse, Stress etwa durch Schichtdienst oder hohen Arbeitsdruck können – teils in Verbindung mit ungesunder Ernährung und billigen, aber minderwertigen Lebensmitteln – zu Fettleibigkeit führen. Doch statt die gesellschaftlichen Ursachen anzuerkennen, wird „den Betroffenen die Verantwortung selbst in die Schuhe geschoben“, sagt Fuhljahn. Eine bequeme Problementsorgung, die sich in der „ungenügenden medizinischen Behandlung“ spiegelt.

Die Therapie von Adipositas, obwohl längst als Krankheit klassifiziert, ist ein Privileg für die, die sie sich leisten können. Die wirksamen Abnehmspritzen – Kostenpunkt: 300 Euro pro Monat – bezahlt die Krankenkasse nicht. Sie müssen über lange Zeiträume, teils lebenslang verabreicht werden.

 

Mutproben für Übergewichtige: Stärke und Selbstakzeptanz entdecken

„Allein unter Dünnen“ ist jedoch keineswegs nur Klage und Anklage. Mit 14 „Mutproben“, denen sie sich unterzogen hat, will die Autorin den Leserinnen und Lesern Mut machen. Nicht immer ging’s so aufmunternd aus wie beim Selbstverteidigungskurs. Bauchtanz war der pure Frust. Dass schon die unverzichtbaren Paillettentücher allesamt zu eng waren, signalisierte wieder mal, dass umfangreichere Menschen nicht dazugehören. Mutig auch der Kurzurlaub auf Amrum, den Fuhljahn gezielt nicht allein unter Dünen verbrachte, sondern am FKK-Strand.

Übergewicht – Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Übergewicht als medizinisches, Body Shaming als gesellschaftliches Thema: Heide Fuhljahn legt Wert darauf, beides zu differenzieren. „Nicht alle Übergewichtigen sind krank, so wie nicht alle Dünnen gesund sind.“ Wer krank ist, so das Fazit der Autorin, sollte sich dringend behandeln lassen; wer nicht, sein Anderssein akzeptieren – und den Anderen Akzeptanz abverlangen. Ohne Häme, Verachtung und Vorwürfe. Aber mit Selbstironie, die „Allein unter Dünnen“ auch zu einem Lesevergnügen macht. Fuhljahn ist überzeugt, dass Humor, auch wenn’s eigentlich nicht zum Lachen ist, zur Lösung weist: locker sehen. Geht heute allerdings auch leichter, sagt die Autorin, „weil es inzwischen mehr Toleranz und viele Communities gibt, wo man angenommen wird, auch wenn man nicht den Normen entspricht.“

Heide Fuhljahn liest an diesem Donnerstag, 3. April, im Kutschersaal der Esslinger Stadtbücherei (Eingang Webergasse) aus ihrem Buch „Allein unter Dünnen“. Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.