Mit ihrem Erfolgsroman „Die Wut, die bleibt“ machte die österreichische Autorin Mareike Fallwickl im Jahr 2022 weibliche Care-Arbeit und ihre Unsichtbarkeit zum Thema. Die Protagonistin des Romans stürzt sich während eines Abendessens vom Balkon, eine kinderlose Freundin springt als Ersatzmutter ein, deren Selbstverwirklichung zerbricht an der Fürsorgearbeit. Männer sind indes meist abwesend oder passiv. In ihrem aktuellen Essay plädiert sie dafür, Männer im Kampf gegen das sogenannte Patriarchat miteinzubeziehen, nicht als Gegner zu sehen. Hier erklärt sie, wie das gemeint ist*.
Sie schreiben, dass Feminismus ohne die Miteinbeziehung von Männern nicht erfolgreich sein kann. Warum ist das so?
Ich erlaube mir, direkt aus dem Essay zu zitieren: „Männer brauchen den Feminismus, damit sie befreit werden von all den vergifteten Vorstellungen, wie sie zu sein haben und wie sie leben müssen. Aber der Feminismus braucht umgekehrt auch die Männer. Weil wir nicht vom Fleck kommen, wenn wir gegen die männliche Übermacht anbrüllen. Wer immer wieder gegen eine Tür aus Eisen läuft, rennt sich auf Dauer den Schädel ein. Es muss einen anderen Weg geben, um diese Tür zu öffnen. Und der Schlüssel sind die Männer der nächsten Generation. Ich wünsche ihnen so sehr eine Welt, in der sie jene Eigenschaften leben können, die nichts anderes sind als zutiefst menschliche: Anteilnahme, Verbundenheit, Empfindsamkeit. Ich wünsche ihnen, dass sie das Recht haben, sanft zu sein.“
Ein zentrales Problem ist, so argumentieren Sie im Buch, dass Jungs und Männern ihre Gefühle abtrainiert werden. Wie passiert das?
Die patriarchale Sozialisierung ist ein engmaschiges, hocheffizientes Netz, das Kinder sehr früh einfängt und ihnen einprägt, wie sie sich den Geschlechterrollen entsprechend zu verhalten haben. Daran sind aber nicht allein die Eltern und die nahen Bezugspersonen beteiligt, sondern die gesamte Gesellschaft: Das Patriarchat geht mit in den Kindergarten, es steckt in sämtlichen Zeichentrickserien und Büchern, es prägt jede menschliche Interaktion, färbt Spielzeug und T-Shirts und Duschgels, sitzt bei Hochzeiten in der ersten Reihe und dominiert den Internet-Content, den wir selbst und unsere Kinder konsumieren. Es ist nicht möglich, zu entkommen.
Die Erwartung kennen auch Kinder: Liebe Mädchen, starke Jungs
Wie wirkt sich das Ihrer Meinung nach aus?
Spätestens, wenn die Kinder sechs Jahre alt sind, haben sie verstanden, welches Verhalten die Welt von ihnen erwartet, pauschal gesagt: hübsche, liebe Mädchen, durchsetzungsfähige, starke Jungs. Aber das „Training“ hört dann nicht auf, im Gegenteil: Uns alle in diese Schablonen zu pressen, ist ein langwieriger, quälender und mit unzähligen Verletzungen verbundener Prozess. Das Gegeneinander, der „Kampf der Geschlechter“, ist nicht unser natürlicher Zustand. Deshalb muss er mit gigantischem Aufwand und sehr viel Gewalt aufrechterhalten werden.
Wer hält diesen Kampf aufrecht?
Teil dieser gigantischen Maschinerie sind eben Bücher, Filme, Serien, Internetvideos, die Werbung, die Medien, die in einer Endlosschleife tradierte Rollenmuster reproduzieren und zementieren und dadurch die reale körperliche, psychische und emotionale Gewalt gegen Frauen, queere und trans Menschen legitimieren. Daran sind wir alle beteiligt, jeden einzelnen Tag.
Über Männer wird oft als Problemfälle diskutiert, als Bildungsnachzügler, Gewalttäter, Frauenunterdrücker, die für all das selbst verantwortlich sind. Haben wir zu lange eine systemische Ebene ausgeblendet?
Die Verantwortung für ihr Verhalten liegt auf jeden Fall bei den Männern selbst, davon können und werden wir sie nicht befreien. Denn wir alle haben die Möglichkeit und die Wahl, die patriarchalen Muster zu durchschauen und zu durchbrechen. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass wir diese Probleme nicht werden lösen können, wenn wir die systemische Ebene weiterhin ignorieren: Femizide und Gewalttaten sind eben keine „Einzelfälle“. Bei Männern kommt es wesentlich häufiger als bei Frauen zu Alkoholmissbrauch und Suizid, männliche Wut führt zu Misshandlungen und Gewalt und in weiterer Folge dazu, dass die Tatverdächtigen bei Raub, Mord und Wirtschaftskriminalität zu 80 Prozent männlich sind, dass 93 Prozent der Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung von Männern begangen werden, dass 94 Prozent sämtlicher Gefängnisinsassen männlich sind. Und wir wären auf jeden Fall in der Lage, das alles zu verhindern, wenn wir wollten.
Wie könnte man das verhindern?
Wir hätten das Wissen, die Kompetenz und das Geld, um eine völlige Umgewichtung im Umgang mit männlicher Gewalt durchzuführen: Wir könnten Jungs dazu erziehen, keine Täter zu werden, wir könnten umfassende Aufklärung und antipatriarchale Kompetenz für alle vermitteln, die in Kontakt mit Kindern und Jugendlichen sind, wir könnten die Gesetze ändern und Missbrauch hart bestrafen, statt Vergewaltiger davonkommen zu lassen, wir könnten den Betroffenen uneingeschränkt glauben, ihnen Schutz und Unterstützung bieten, wir könnten die Berichterstattung und unsere Narrative dahingehend ändern, dass die Scham tatsächlich auf der Seite der Täter liegen würde und nicht auf der Seite der Opfer.
„Das Patriarchat ist ein Versprechen an Männer, das nie eingelöst wird“
Wenn auch Männer unter einem patriarchalen System leiden: Inwiefern wirkt sich das auf die Demokratie aus?
Aktuell ist viel von „Backlash“ und der „male loneliness epidemic“ (Epidemie der männlichen Einsamkeit, Anm.) die Rede: Beides geht damit einher, dass Männern beigebracht wurde, sie hätten ein Anrecht auf die emotionale, körperliche und sexuelle Verfügbarkeit von Frauen – und darauf, mit Gewalt zu reagieren, sobald ihnen diese Verfügbarkeit verweigert oder entzogen wird. Daraus resultiert ein Nach-rechts-Rutschen von Männern, die sich übersehen und betrogen fühlen. Aber Frauen sind nicht zuständig dafür, dass Männer Verbundenheit, Zuneigung und Partnerschaft leben können, sie müssen das selbst leisten. Das Patriarchat ist ein Versprechen an die Männer, das letztlich nie eingelöst wird. Und der Schmerz, den sie fühlen, resultiert daraus.
Hätten Männer nicht trotzdem schon längst die Möglichkeit gehabt, sich zu ändern, eine eigene Bewegung zu starten, um sich aus den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien?
Natürlich hatten sie diese Möglichkeit, und sie haben sie auch weiterhin – heute wahrscheinlich mehr denn je, weil es viel mehr Aufmerksamkeit für diese Themen gibt, viel mehr Wissen, Forschung und Diskursräume. Ich fordere Männer sehr direkt und explizit dazu auf, die eigene Verantwortung wahrzunehmen, die eigenen Privilegien zu erkennen – und sich dem feministischen Kampf anzuschließen. Es ist nicht die Aufgabe der Frauen, dass Männer sich befreien.
Wie können Männer in einem „Feminismus des Miteinanders“, den sie im Buch beschrieben, mitgenommen werden?
Für unsere Generation ist es zu spät, wir werden keine Gleichberechtigung mehr erleben. Aber Bewusstwerdung ist immer der erste Schritt für Veränderung. Und wir haben Kinder. Wir haben Kontakt zu Jugendlichen, zur nächsten Generation. Es ist unsere Pflicht als Eltern, als Pädagog:innen, als Medienverantwortliche, generell als gesamte Gesellschaft, antipatriarchales Wissen weiterzugeben und jungen Menschen den Weg freizuräumen für eine bessere Zukunft. Das bedeutet einerseits natürlich, die Mädchen zu bestärken. Und es bedeutet andererseits, den Jungs zu erlauben, offen, empathisch und liebevoll zu sein und zu bleiben.
*Das Interview wurde schriftlich geführt.
Die Autorin
Stücke
Mareike Fallwickls, Jahrgang 1983, lebt in der Nähe von Salzburg. Mehrere ihrer Bücher wurden für die Bühne angepasst, eine Theaterfassung von „Die Wut, die bleibt“ etwa 2023 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.
Essay
An die Regisseurin des Stücks, Jorinde Dröse, richtet sie sich in ihrem aktuellen Essay „Liebe Jorinde oder warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen“.