„Tu dies, lass das, und das musst du auch noch lernen“ – Erwachsene wollen Kindern die Welt erklären, sie erziehen und fit machen fürs Leben. Dass das keine Einbahnstraße ist, sondern umgekehrt auch Eltern noch von ihren Kindern lernen können und ihren Horizont erweitern, das haben unsere Autorinnen und Autoren bei ihren eigenen Kindern erfahren.
„Du bist blöd“ – „Du viel blöder“
Als Einzelkind wünschte ich mir immer Geschwister. Am besten eine große Schwester, mit der ich Barbie und Ponyhof spielen, deren klasse Kleider ich leihen, die mich in der Pubertät auf Partys mitnehmen könnte. Dass ich selbst Kinder bekam, ist durchaus auch Ergebnis meines Einzelkinddaseins.
Und nun das: Schon um 6.30 Uhr reißt der Lärmpegel im Wohnzimmer die zulässigen Grenzwerte einer Großbaustelle. Sohn und Tochter streiten, wer welchen Comic lesen, wer aus welcher Müslischüssel löffeln darf. „Du bist blöd!“ – „Du noch viel blöder!!“ – „Der hat . . .“ – „Die hat . . .!“ Maaaaamaaaaaa!“ Oder kurz vor dem Schlafengehen: Eine dreht auf, der andere mit. Man juckelt sich hoch bis zum großen Geheule.
Aber dann ist da wieder diese große Übereinkunft, diese Nähe-Welle, auf der die beiden surfen, wenn sie versunken „Playmobil-Ritter versus Eldrador-Creatures“ spielen, wenn der Große der Kleinen vorliest, wenn sie sich Gummibärle aus dem Schrank klauen und denken, ich merke es nicht.
Was Geschwistersein bedeutet, habe ich vorher geahnt, aber erst durch meine Kinder wirklich erfahren. Dass man Rivalen und Verbündete ist, beste Freunde und ärgste Feinde. Dass sich im Geschwistersein die ganze Ambivalenz menschlicher Beziehungen spiegelt, ist großartig. Und ich bin froh, dass ich es nun als Mutter miterleben darf.
Lisa Welzhofer (44) hat zwei Kinder (6 und 9 Jahre alt) und arbeitet im Team Familie, Bildung und Soziales.
„Mach ich gleich“
„Kannst du vielleicht . . .?“ „Ja, mach ich gleich“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Und dann, dann passiert erst mal gar nichts, denn gleich ist ein dehnbarer Begriff, der unter Umständen mehrere Tage einschließen kann. So lernt man Gelassenheit. Das Leben ist schließlich nicht dafür da, ständig die Wünsche und Erwartungen anderer zu erfüllen. Zum Teufel mit dem pietistisch-calvinistischen Arbeitsethos. „Ora et labora“ und „Arbeit ist gottgefällig“, Kalendersprüche aus dem letzten Jahrtausend und sicher keine Zutaten für ein erfülltes Leben.
Auf dem Totenbett fällt der Satz „Ach, hätte ich doch nur mehr gearbeitet“ eher selten. Eine ganze Generation stellt die Work-Life-Balance über die Gewinnerwartung des Unternehmens und die Dividende der Shareholder. Irgendwie nachvollziehbar. Nur keine Sorge, liebe Eltern: Irgendwas geht immer, dem Fachkräftemangel und der Geburtenrate sei Dank. Und selbst wenn man Lehre oder Studium abgebrochen und keinen einzigen Tag im Leben gearbeitet hat: Für einen Job als Parteivorsitzende, Influencer oder Spielerfrau reicht es immer noch dicke.
Simon Rilling (47) ist Vater einer 13-jährigen Tochter und Redakteur im Team Wochenende.
„Mama, weißt du eigentlich, was eine Schwalbe ist?“
Für alles Leidenschaftliche empfinde ich tiefe Sympathie. Aber ich muss gestehen, schleierhaft war mir jahrelang, mit welcher Inbrunst Millionen Menschen verfolgen, wie 22 Männer Ball spielen. Warum werden Fußballergebnisse in der „Tagesschau“ gezeigt, fragte ich ketzerisch. Und dann kam mein Sohn. Bälle scheinen ihn magisch anzuziehen. Mittlerweile spielt er täglich auf dem Pausenhof und im Garten, verfolgt mit seinem Vater die Spiele der Bundesliga, unterhält sich über Spielzüge, stellt unzählige Fragen: Warum hat der Torwart oft die Nummer 1, warum hat der Schiedsrichter eine andere Farbe, warum heißt der Strafraum 16er? Wenn ich abends neben seinem Bett sitze, werde ich abgefragt: „Mama, weißt du eigentlich, was eine Schwalbe ist?“
Nick Hornby schreibt: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“ So scheint es meinem Sohn zu gehen. Ich verstehe jetzt auch, wie groß die biografische Komponente der Begeisterung ist, oft eine Verbindung zum Vater, Erlebnisse und Ereignisse, die man nie vergisst und mit Jahreszahlen verbindet. Im Rückblick schäme ich mich ein bisschen für meine frühere Ignoranz.
Eva-Maria Manz (39) hat einen bald achtjährigen Sohn und und ist Reporterin im Team Psychologie und Partnerschaft.
„Ich will einen Fischgrätzopf!“
Von meinen Kindern nicht gerade – aber durch meine Töchter habe ich Flechten gelernt. Und ich meine nicht links rüber, rechts rüber wie die meisten es seit dem Kindergarten können. Eine meiner Zwillingstöchter (heute fast elf, gesegnet mit einem Kopf voll beneidenswerter langer, dunkelbrauner Haare) forderte schon in zartem Alter aufwendige Flechtfrisuren. Nicht meine Stärke. Doch sie bestand auf Holländischen Zöpfen, Französischen Zöpfen, Fischgrätzöpfen – und schleppte das iPad an, auf dass Mutter sich in Youtube-Tutorials weiterbildet.
Die ersten 20 Mal mühte ich mich fluchend, die Strähnen verrutschten, ich war nah am Fingerkrampf, doch das Kind ließ nicht locker. Es trieb mich an, nicht aufzugeben, biss selbst die Zähne zusammen, wenn es ziepte. Inzwischen flechte ich locker-flockig ansehnliche Zöpfe – eben mal zwischen Turnbeutelsuche und Pausenbrotschmieren.
Theresa Schäfer (41) ist Mutter von Zwillingen und schreibt im Team Freizeit und Unterhaltung.
„Warum ist Blau nicht Grün?“
Erwachsene bewegen sich in einer Welt, die größtenteils eben so ist, wie sie ist. Doch Kinder erst schärfen wieder die Sinne für diesen Alltag. Sie interessieren sich für das Besondere und all den Kram, den wir Erwachsene für gegeben halten. Einige dieser Kinderfragen sind natürlich dem blanken Hedonismus geschuldet: „Warum hat die Eisdiele nicht geöffnet?“, fragt das Kind um 8.14 Uhr auf dem Weg zum Kindergarten. Solche Gegebenheiten müssen behutsam erklärt werden und mit Ausnahme des Umstands, dass es tatsächlich ganz erfreulich wäre, vor 9 Uhr bereits Eis zu essen, erklärt sich das leicht.
Aber da sind auch diese Fragen: Wie wird Glas gemacht? Und warum ist das durchsichtig? Eine grobe Ahnung habe ich, doch es ist eben kein richtiges Wissen – und „Dingsbums“ keine akzeptable Antwort. In der Rolle des elterlichen Erklärbären ist konstante Weiterbildung unerlässlich, sich mit möglichen Themen auseinandersetzen, noch bevor Fragen gestellt werden. „Wie alt ist dieser Stein?“ „Welche Sprache sprechen Spinnen?“ „Warum schreit der Sänger von AC/DC immer? Ist der wütend?“
Und dann kommen Fragen, warum Rot eigentlich Rot ist, und wer überhaupt bestimmt hat, dass das jetzt Rot heißt und warum Blau nicht einfach Grün sein kann, da Gelb ja langweilig sei. Ich: „Um 11 Uhr öffnet die Eisdiele. Sollen wir ein Eis essen?“
Michael Setzer (50) hat einen vierjährigen Sohn, gefährliches Halbwissen und ist Editor und Autor im Team Wochenende.
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