Autos Der sanfte Admiral

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Opel wird französisch. Doch jahrzehntelang war der Autobauer eine Tochter des amerikanischen GM-Konzerns. Das bescherte uns zeitweise waschechte Straßenkreuzer aus deutschen Landen. Ein nostalgischer Rückblick.

Der Admiral und seine Schwestermodelle Diplomat und Kapitän (von links) Foto: Opel
Der Admiral und seine Schwestermodelle Diplomat und Kapitän (von links) Foto: Opel

Stuttgart - Immer nachmittags schwebte der goldmetallicfarbene Straßenkreuzer ­nahezu lautlos über den Parkplatz vor dem Kindergarten. Am Steuer die ältere Schwester, die fachkundig die Lenkradschaltung bediente. Innen gab es Platz ohne Ende – erst recht für einen Jungen im Vorschulalter. Die riesige Rückbank glich dem gemütlichen Sofa in Großmutters Wohnzimmer, in das man sich so schön hineinfallen lassen konnte.

Der erste Opel Admiral meines Vaters war eine beeindruckende Erscheinung. Mit der Gelassenheit eines Ozeandampfers glitt der eingedeutschte Amischlitten aus Rüsselsheim über die Straße und schwankte in den Kurven leicht hin und her. Kein Wagen zum Schnellfahren, sondern zur souveränen Fortbewegung in bewegten Zeiten. Unter der langen Haube schnurrte ein Reihensechszylinder – butterweich und ohne spürbare Vibrationen. „Wie schnell läuft der denn?“, wollte der Wirtssohn in unserem ­Tiroler Urlaubsort wissen, der einen aufgemotzten NSU Prinz fuhr. „180“, entgegnete mein Vater – „aber auch bergauf.“ Nach dem Benzinverbrauch habe ich nie gefragt, aber der Tankwart war immer sehr freundlich.

Opel fahren war noch nicht peinlich

In den sechziger Jahren war es noch nicht peinlich, einen Opel zu fahren. Deshalb blieb mein Vater auch beim nächsten Autokauf der Marke mit dem Blitz treu und entschied sich für das Nachfolgemodell Admiral B – dieses Mal in Silbergraumetallic. Im Zuge des Modellwechsels hatten die Designer den ausladenden General-Motors-Barock etwas zurückgebaut und sich für mehr glattes Blech entschieden. Das verlieh dem Admiral fast schon eine nüchterne Eleganz, die sich von den verschnörkelten Formen abhob, die etwa Mercedes-Benz seinerzeit bevorzugte. Und der Motor war noch leiser als beim ersten Admiral – und viel kultivierter als bei den Konkurrenzprodukten mit dem Stern.

Der 230er-Mercedes, den mein Vater sich in den siebziger Jahren zulegte, hatte zwar ebenfalls sechs Zylinder, konnte dem Admiral aber in puncto Laufruhe nicht das Wasser reichen. Lob gab es in der Fachwelt nicht nur für die Motoren der zweiten Generation des Admiral, sondern auch für das moderne Fahrwerk und viele weitere technische Verbesserungen. Auch die umfangreiche Ausstattung und die kundenfreundliche Preisgestaltung stießen auf positive Resonanz.

Das Technikmagazin „Hobby“ (Untertitel: „Die Zukunft miterleben“) zeigte sich angesichts des Modellwechsels im Jahr 1969 dennoch skeptisch: „Es fragt sich nur, aus welchen Gründen die Mehrheit der Käufer in dieser großen Klasse entscheidet. Sind es technische Überlegungen, oder ist es der Prestigewert?“

Enttäuschende Verkaufszahlen

Die Antwort der Käufer war eindeutig: Die Verkaufszahlen des großen Opel blieben auch in der zweiten Generation enttäuschend. Sie erreichten nicht mal annähernd das Niveau der Marke Mercedes-Benz, die schon damals mit einem hervorragenden Image punkten konnte. Im Juli 1977 wurde die bei Opel KAD genannte Baureihe eingestellt. Zu ihr gehörten neben dem Admiral auch der mit einem US-Achtzylinder ­bestückte Diplomat sowie der Kapitän, der bereits früher vom Markt genommen worden war.

Auch nach dem Aus für Admiral und Co. wollte Opel zunächst nicht von höheren ­Marinedienstgraden lassen. Das ebenfalls sechszylindrige Rekord-Schwestermodell Commodore wurde noch bis 1982 gebaut. Doch in die Oberklasse hat es Opel nie mehr zurückgeschafft. Autoexperten sehen darin einen entscheidenden Faktor für den Niedergang der Marke. Denn mit Kompakt- und Mittelklassewagen lässt sich längst nicht so viel verdienen wie mit hochpreisigen Nobelgefährten. Das heutige Opel-Spitzenmodell Insignia gehört trotz seines Namens nicht gerade zu den Insignien der Macht. Es gilt als typisches Vertreterauto. Vielleicht hat der neue Opel-Eigentümer Peugeot-Citroën ja eine Idee, wie man das Image der 1862 von Adam Opel begründeten Marke wieder aufpolieren könnte. Dass dabei ein Nobel-Opel à la française herauskommt, der auf dem Kindergartenparkplatz so eine gute Figur macht wie der gute alte Admiral, ist aber unwahrscheinlich. C’est la vie.