Autos und Emotionen Endlich ist die alte Kiste weg – wenn es nur so einfach wäre

Der kleine C1 wird verkauft – jetzt aber echt. Foto: Privat

Am ersten selbst gekauften Auto hängt man besonders. Unsere Autorin hat ihren kleinen C1 fast zwei Jahrzehnte lang gefahren. Die Trennung fiel schwerer als gedacht.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Ich schaue aus dem Fenster und dann steht da doch glatt mein Auto. Direkt vor meinem Haus! Es sieht natürlich nur aus wie mein Auto. Mein Auto gehört mir nicht mehr. Aber jemand aus der Nachbarschaft fährt das gleiche Modell: einen C 1 älteren Baujahrs in knallrot. Das weiß ich schon länger, aber bisher hat der Wagen noch nie vor unserem Haus geparkt. Nun war offensichtlich die genau passende Parklücke frei.

 

Der Anblick versetzt einen Stich und das ist irritierend. Ich hatte gedacht, ich wäre erleichtert, wenn der Verkauf erst mal hinter mir liegt. Den Besitz eines Autos konnte ich schon lange nicht mehr vor mir selbst rechtfertigen. Seit Jahren bin ich kaum noch gefahren. Der C 1 stand meist wochenlang nur rum und belegte unnötigerweise einen, wenn auch kleinen, Parkplatz. Seit ich ein E-Bike habe, erledige ich nahezu alles mit dem Fahrrad. Mein Mann hat nicht mal einen Führerschein, aus Überzeugung. „Ich muss dieses Auto verkaufen“, keine Ahnung, wie oft ich den Satz ausgesprochen habe. Doch in Angriff habe ich es dann doch nicht genommen. Auch, weil dieses Auto über die Zeit eben zu mehr geworden ist. Man kann offensichtlich auch zu Dingen eine emotionale Bindung aufbauen – gerade zu Autos.

Die Nachbarin hat ihr Auto „Octi“ genannt

Meine Nachbarin hat vor einigen Monaten ihren geleasten Skoda zurückgegeben, ohne ihn zu ersetzen. Während sie versuchte, die letzten Harzflecken von der Karosserie zu entfernen, kamen wir ins Gespräch. Sie erzählte mir, wie schwer es ihr falle, sich zu trennen. Sie vermisse diesen blauen Kombi (Spitzname „Octi“) quasi jetzt schon. Das werde noch hart. Dabei hatte sie „Octi“ nur vier Jahre lang – und nicht 19 Jahre wie ich meinen C1 (Spitzname „Auti“).

Der Zweitürer wurde zum Familienauto. Foto: vv

Der rote Kleinwagen war das erste Auto, das ich mir von meinem Geld gekauft habe – im Frühsommer 2006, ein paar Monate, nachdem ich nach Stuttgart gekommen war. Der C 1 sah ganz anders aus als sein Vorgänger. Den hatten mir meine Eltern fürs Volontariat besorgt, scheinbar ein echtes Schnäppchen. Über ein Geschenk soll man nichts sagen. Ich musste damals trotzdem schlucken, als ich den tiefergelegten Golf in Schwarzmetallic mit Alufelgen, Doppelscheinwerfern, Spoiler und Boxen im Kofferraum zum ersten Mal sah. 210 000 Kilometer hatte er auf dem Tacho (und ein chronisches Problem mit dem Kühler). Der Verkäufer war ein junger Kollege meines Vaters. Letztlich war es vor allem für ihn ein guter Deal.

Aus der Waschanlage flogen die Buchstaben von der Heckklappe heraus

Nachfolger wurde dann also der knuffige, rote C 1, der mir so ans Herz wachsen sollte. Mit ihm ging es noch im ersten Sommer nach Frankreich, später in die Schweiz und an den Bodensee – immer mit röhrendem Motor, denn der C 1 klingt, wie Jahre später ein Freund meines Sohnes bemerkte, „wie ein Traktor“. Ich bin mit ihm umgezogen (mit umgeklappter Rückbank ist der kleine Flitzer überraschend geräumig) und zu dritt zelten gewesen. Als das Kind kam, wurde der Zweitürer unser Familienauto. Unvergessen die Fahrt bei Minus 10 Grad vom Kinderarzt nach Hause, als der Kleine extrem hoch fieberte. Ich sollte ihn nur im Body transportieren, hatte mir der Arzt eingeschärft, um seine Temperatur runter zu bringen. Ein Wunder, dass niemand die Polizei rief. Vor ein paar Jahren dann stand ich einmal vor der Waschanlage und beobachtete fasziniert, wie nach und nach silberne Buchstaben nach draußen flogen: das „I“, das „O“, das legendäre „Ë“ mit den zwei Punkten. Die Buchstaben von der Heckklappe habe ich noch.

Autos lösen viele verschiedene Emotionen aus

Je mehr Erinnerungen wir mit etwas verbinden, desto schwerer fällt es, sich von diesen zu trennen. Das gilt sicher nicht für jeden, aber man muss nur einmal „emotionale Bindung zu Gegenständen“ googeln und merkt – das ist offenbar ein Thema für viele Menschen. Die Soziologin Christa Bös hat sogar ihre Dissertation über die emotionalen Bedeutungen von Autos geschrieben. Im Prinzip könne jedes Auto Emotionen hervorrufen, schreibt sie: Man könne sich in den kleinen Stadtflitzer verlieben, das Elektroauto mit gutem Gewissen fahren, aber auch Aversionen gegen luxuriöse SUVs empfinden. Die emotionalen Reaktionen auf Autos seien vielfältig und hingen immer davon ab, welche Person auf welches Auto trifft. Ich frage mich jedenfalls, ob nicht viel mehr Menschen autofrei leben würden, wenn diese Maschinen ähnlich viel in einem auslösen würden wie ein Wasserkocher.

2020 war ich schon einmal sehr nah dran gewesen am Verkauf. Die potenzielle Käuferin, die Verwandte einer Freundin, war sehr nett. Sie hatte sogar eine Blume für mich dabei. Sie hätte den Wagen mit Kusshand genommen, den ich ihr für wenig Geld überlassen wollte. Mit ihrem verbeulten VW konnte sie nicht mehr lang fahren. Das Getriebe war hinüber. Wie es dazu kommen konnte, war mir nach der Probefahrt klar. Sie kann nicht schalten. Einen Monat höchstens hätte der kleine C1 bei dieser Fahrerin überlebt. Es ging nicht. Ich habe ihr abgesagt.

20 Prozent der Haushalte in Deutschland haben kein Auto

Und dann, vielleicht 2500 Kilometer später beim Kilometerstand von 49 235, ging es eben doch. Den Ausschlag hat der Knopf für die Warnblinkanlage gegeben. Den hatte ich erst vor zwei Jahren ersetzen lassen und dann hat er plötzlich schon wieder nicht mehr funktioniert. Es war das kleine Ding zu viel, das den Ausschlag gab. Zusätzlich zu den offensichtlichen Mängeln, die ich auch hätte vor dem nächsten TÜV reparieren lassen müssen. Noch mal Geld investieren in ein Auto, das doch nur rum steht? Es wäre absurd gewesen.

So saß ich Tage später abends mit Erkältung vor dem Rechner. Wenn, dann musste es schnell und schmerzlos gehen. Eine Freundin empfahl ein Verkaufsportal im Internet, das sei seriös. Also gut: Die Daten waren in Kürze eingegeben, schon war das Angebot da. Es lag 200 Euro unter den angegebenen Vorstellungen, war aber akzeptabel. Abgabetermin beim Händler: 8.15 Uhr am nächsten Morgen. Noch einen Klick, dann war klar – diesmal gilt’s. Erst Auto putzen, dann noch einmal schlafen, dann würden wir kein Auto mehr haben. So wie 20 Prozent der deutschen Haushalte.

Das alte Auto darf jetzt noch mal richtig Gas geben

Der C 1 sah lange nicht mehr so gut aus wie an dem Morgen, als er ein letztes Mal auf unsere Straße setzte. Er leuchtete regelrecht. Das Moos, das am Dach zu wachsen begonnen hatte, fiel nur bei näherem Hinsehen auf. „Goodbye“ stand auf dem Display des Radios, eine kleine Botschaft von meinem Mann. Dem Autohändler war das alles komplett egal. „Das hätten Sie nicht putzen müssen“, meinte der sehr nette junge Mann. Die Mühe sei nicht nötig gewesen. Ich hätte ja „keine Ahnung“, in welchem Zustand manche Autos bei ihm ankämen. Einmal sei sogar ein Messie bei ihm vorgefahren – der Wagen habe ausgesehen, als habe er darin gehaust. Platz sei nur noch auf dem Fahrersitz gewesen. „Erst ausladen, dann wiederkommen“, habe er dem Mann klar gemacht. Dass ich zuletzt nur 300 Kilometer im Jahr gefahren bin, konnte der Händler kaum fassen. „Soviel fahre ich am Tag!“

Ein letzter Gruß auch vom Autoradio Foto: Privat

Er muss gespürt haben, dass in diesem Fall ein bisschen Zuspruch nötig war. „Da wird sich jemand sehr freuen“, versicherte er, als alles unter Dach und Fach war. Die Deutschen wüssten solch ein Auto gar nicht zu schätzen. Der Wagen komme jetzt auf den Balkan oder nach Afrika – und dann fahre er noch mal seine 100 000 Kilometer. Eine tröstliche Vorstellung: dass der kleine Flitzer nach so viel Zeit des Rumstehens im hohen Alter noch mal richtig Gas geben darf. Und doch – immer wenn ich in den folgenden Wochen einen C1 sehe (wieso fahren davon plötzlich eigentlich so viele herum?) erfasst mich ein Gefühl von Wehmut. Auch wenn es besser wird. Zumindest, wenn nicht gerade der Nachbar vor meinem Haus parkt.

Dieser Artikel ist am 16. Juni 2025 das erste Mal erschienen.

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