Autowanderung am Albaufstieg Deutschlands schönste Autobahn?

Den Albaufstieg und -abstieg kennen die meisten Autofahrer nur von oben. Für diese Geschichte schauen wir die Drachenlochbrücke von unten an. Die Bildergalerie zeigt eindrückliche Fotos. Foto: Pressefoto Rudel/Horst Rudel

Stef Stagel und Steffen Schlichter recherchieren die dunkle Geschichte des Albaufstiegs. Ihre Erkenntnisse präsentieren sie nun in einer Ausstellung und einem Autowanderführer.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Von unten ist die „schönste Autobahnstrecke Deutschlands“ ein Trümmerfeld. Riesige Betonblöcke liegen im Wald gegenüber dem Dorf Unterdrackenstein, einer wie eine Wegmarke am Straßenrand, mit einem Bänklein davor. Wer ein paar Schritte bergan zur nahen Drachenlochbrücke geht, steckt sogleich knietief in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs.

 

Im März 1945 ließ Adolf Hitler die Brücke als Teil seines Nerobefehls sprengen. Sechs der elf von Paul Bonatz gestalteten und an die Fassade des Stuttgarter Hauptbahnhofs erinnernden, extrem in die Höhe gezogenen Parabelbögen fielen ins Tal und liegen noch heute dort. Würden nicht verrostete Eisenarmierungen herausschauen, könnte man sie fast für eiszeitliche Findlinge halten. In den letzten Schneeresten des Winters treten sie aus dem Waldgrün hervor. Nach dem Krieg wurde die Brücke wiederhergestellt, der 1942 abgebrochene Bau des Albaufstiegs wurde erst 1957 beendet.

Das Künstlerpaar Stef Stagel und Steffen Schlichter aus Kirchheim/Teck berichtet, ihre Recherchen hätten mit den bekannten Schildern am Rande der A 8 angefangen. Die preisen die „schönste Autobahnstrecke Deutschlands“ – den Slogan druckte schon vor mehr als sechzig Jahren der Landesverkehrsverband Württemberg auf eine Broschüre. Ein Schild steht oberhalb der Drachenlochbrücke am Drackensteiner Hang, kurz bevor es Richtung Tal geht, das andere bei Mühlhausen am Albaufstieg.

Der Mythos Autobahn

Wer wie Stagel und Schlichter genauer hinschaut, sieht auf drei Meter sechzig mal zwei Meter vierzig jeweils eine Frau und einen Mann lässig im Cabrio cruisen – bergauf ist sie am Steuer, bergab er. Ebenfalls zu sehen sind die Hänge der Alb und die denkmalgeschützten Verkehrsbauten, aber fast keine Autos – ungewöhnlich auf dieser staugeplagten Strecke. Auch aus anderen Gründen wirken die Schilder auf das Künstlerpaar wie aus der Zeit gefallen. Stef Stagel, aufgewachsen nahe der A 81 in Leonberg, kennt Lärm und Staus seit ihrer Jugend. Ihr Mann Steffen Schlichter denkt an „den Mythos Autobahn und die furchtbaren Umstände, unter denen sie gebaut wurde“.

Man nähert sich der Drachenlochbrücke über steile Waldhänge. Einen Wanderweg gibt es nicht, nur leere Plastikflaschen, von Autofahrern aus dem Fenster geworfen. An der Brücke angekommen, erkennt man, dass der Beton von Hand bearbeitet wurde, damit er wie Naturstein aussieht. Die Autobahn soll sich in die Landschaft einfügen, ihr etwas hinzufügen – das war das Ideal der Zeit, „im Grunde eine Idee der Romantik“, erklärt Stef Stagel. Überwucherte Stufen, sonst nur von Mitarbeitern der Autobahnmeisterei begangen, führen hoch zum Fahrbahnrand.

Straßen für den Führer

Dieser Ort ist wie so vieles in Deutschland nur beinahe ein Idyll. Was hinter der Schönheit dieser Verkehrsbauwerke steckt, studierten Stagel und Schlichter während der Pandemie. Sie hatten Zeit, Archive zu besuchen und zu wandern. Die Autobahn war so leer wie auf den braunen Schildern.

Sie fanden auch eine Radiosendung vom September 1933, Spatenstich für die erste Reichsautobahn bei Frankfurt am Main. Stef Stagel steht vor der Drachenlochbrücke und spielt die Aufnahme ab. Ehe Adolf Hitler ins Mikro bellt, spricht der spätere Verkehrsminister Julius Dorpmüller. Er übergibt ihm einen Spaten als „Erinnerungsstück für Sie in späten Tagen“ – an das Straßennetz, das der Führer über Deutschland legen ließ. Ob Hitler sich daran erinnert hat, als er die Brücke sprengen ließ? Wer denkt heute noch an die Zwangsarbeiter, die am Lämmerbuckel lebten und Flugzeugmotoren bauten? Welchem Daimler-Mitarbeiter ist bewusst, dass das Bildungszentrum am Lämmerbuckel auf den Grundmauern eines 1943 von einem Regierungsinspektor so bezeichneten „Aufpäppelungslagers für sowjetische Kriegsgefangene“ steht?

Ausstellung und Autowanderführer

Autofahrern wird lediglich mitgeteilt, sich auf Deutschlands schönster Autobahnstrecke zu befinden. Sie sei „historisch betrachtet ein Kunstwerk“, sagte der Verkehrsminister Winfried Hermann 2018. Daran zweifeln auch Stef Stagel und Steffen Schlichter nicht grundsätzlich. Aber sie wollen zeigen, dass links und rechts der Strecke ganz andere Geschichten zu erzählen sind.

Sie tun das mit den Mitteln der Künstler. Eine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein dokumentiert ihre Recherche. Außerdem haben sie mit Uli Schwinge vom Verlag Edition Randgruppe einen Autowanderführer gedruckt. Das Heftchen mit Hochglanzumschlag enthält Wissenswertes und eine tatsächlich fahr- und wanderbare Tour. Und es hinterfragt den von den Nazis kreierten und nach dem Krieg nur allzu gern aufgegriffenen „Mythos Autobahn“.

„Kann es sein, dass das ewig so weitergeht?“

Die Künstler sind Mitte fünfzig. Sie fahren einen VW Caddy, Stef Stagel auch Motorrad. Der Mobilität sind sie nicht abgeneigt. Und doch ist die automobile Fortbewegung, gerade auf den in den 1920ern geplanten und von den Nazis gebauten Autobahnen nie wirklich unschuldig, von der Klimabilanz ganz zu schweigen. Politisch ist dieser Auto(bahn)kult mittlerweile hochumstritten. „Für die ältere Generation gibt es wenig Schlimmeres, als nicht mehr Auto fahren zu können“, vermutet Stef Stagel. Sie hält es daher für möglich, dass mancher den Autowanderführer als Wiederauferstehung einer in Stau und Abgasen untergegangenen Form des Reisens und Unterwegsseins versteht.

Im Kastenwagen geht es vom Trümmerfeld am Drachenloch steil hinauf zur Behelfsausfahrt Hohenstadt. Bei einem verlassenen Bauernhof hält man an und nähert sich der einstigen Daimler-Produktionsstätte Lämmerbuckeltunnel. Man kommt an einem Steinbruch vorbei, wo vielleicht das Material für das Relief „Alles für Deutschland“ geschlagen wurde, das bis 1963 nahe der Kirchheimer Autobahnmeisterei hing. Zwischendurch bietet die Tour dem ansonsten nur Durchreisenden immer neue spektakuläre Blicke auf die Alb und die Autobahn.

Ohne den Stau auf der Rückfahrt wäre eine Autowanderung nicht komplett, jedenfalls im Jahr 2022. Im Schritttempo rollend fragt man sich, wie aus dem einst auch als Naturerlebnis gedachten automobilen Vorankommen eine auf Effizienz und immer breitere Straßen getrimmte Karikatur dieser Idee werden konnte. Stef Stagel und Steffen Schlichter erklären zumindest diese Moderne mit ihrem Projekt ganz bewusst zum Fall fürs Museum. „Kann es sein, dass es immer so weitergeht?“, fragen sie. Jeder weiß, dass es darauf nur eine Antwort gibt.

Broschüre Den auf 300 Stück limitierten Autowanderführer „Edle Strecken und Kunstbauwerke“ gibt es bis 1. Mai im Württembergischen Kunstverein zu kaufen, danach im Buchhandel und bei der Edition Randgruppe. Drei geführte Autowanderungen sind ausgebucht.

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