Autozulieferer ZF kommt bei Windkraft zügig voran

Blick in die Produktion von Getriebekomponenten für Windräder im belgischen ZF-Werk Lommel. Foto: ZF
Blick in die Produktion von Getriebekomponenten für Windräder im belgischen ZF-Werk Lommel. Foto: ZF

Der Autozulieferer ZF will verstärkt mit Getrieben für Windräder punkten und damit das Industriegeschäft außerhalb vom Automobil ausbauen. Noch in diesem Jahr soll die erste 9,5-Megawatt-Anlage gebaut werden.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)
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Lommel/Witten - Das Baby wiegt mehr als 70 Tonnen, hat riesige Zähne und strotzt vor Kraft. Es geht um ein Getriebe für ein Windrad mit einer Leistung von acht Megawatt, das später in einem Meereswindpark Strom erzeugen soll. Ulrich Reinders, Werkleiter im ZF-Getriebewerk Witten im Ruhrgebiet, spricht gern vom „Acht-Megawatt-Baby“ und ist beim Werksrundgang sichtlich stolz, dass man gerade das 100. Getriebe mit dieser Leistungsstärke gefertigt hat.

Im Jahr 2015 ist ZF in die Serienproduktion von Acht-Megawatt-Getrieben eingestiegen – und inzwischen weltweit führend. Künftig denkt man in noch größeren Dimensionen, denn ein Getriebe-Prototyp für Windräder der 9,5-Megawatt-Klasse ist noch für dieses Jahr geplant. Die Fabrik ist gar für Riesen mit bis zu zwölf Megawatt ausgelegt. Die Windkraftsparte wächst – Hoffnung setzt man vor allem auch auf Windparks, die im Meer errichtet werden.

Strategische Zukäufe im Windkraftmarkt

Rückblick: Vor zehn Jahren ist ZF in den Windkraftmarkt eingestiegen – mit Wartung und Service von Windkraftgetrieben anderer Hersteller, dann mit eigenen Getrieben. 2011 eröffnete der Zulieferer aus Friedrichshafen ein eigenes Werk in den USA und landete im gleichen Jahr mit der Übernahme des belgischen Getriebeherstellers Hansen (Sitz in Lommel gut 60 Kilometer von Antwerpen) einen weiteren Coup. Doch dann folgten schwierige Zeiten, denn die Windbranche geriet in die Flaute. ZF musste herbe Umsatzeinbußen hinnehmen in der Sparte, an die man allerdings glaubte.

2015 ging der Autozulieferer erneut auf Einkaufstour und übernahm die Großgetriebesparte von Bosch-Rexroth mit Sitz in Witten. Damit stieg ZF zu einem der ganz großen Spieler im Windkraftmarkt auf – neben Siemens und dem chinesischen Getriebehersteller Ninjiang Highspeed.

Intelligenz ins Getriebe bringen

„Unser Ziel ist, als Technologieführer zu agieren“, sagt Klaus Geißdörfer, Chef der ZF-Industrietechnik, zu der die Windkraftsparte gehört. Dabei will man vor allem vom Know-how Dabei will man vor allem vom Know-how und Technologietransfer aus dem Automobilbereich profitieren – etwa wenn es darum geht „Windräder schlauer zu machen“, in dem man verschiedene Daten sammelt, analysiert und Produkte und Funktionen mit dem Internet in der ZF Cloud vernetzt. „Wir wollen Intelligenz ins Getriebe bringen“, beschreibt es Manager Reinders. So könnten Sensoren etwa den Zustand des Getriebes erfassen und teure Ölwechsel und Reparaturen überflüssig machen, weil Schäden erst gar nicht entstehen, wenn man frühzeitig eingreift. Zuverlässigkeitsentwicklung heißt das Zauberwort.

Vor allem im Offshore-Bereich – also auf See – will man mit Großgetrieben punkten. Zwar ist der Bau von Windrädern im Meer komplizierter, doch lassen sich dort größere Anlagen als an Land bauen. Zudem bläst der Wind auf See meist verlässlich und stetig. Das mache die Offshore-Windräder wirtschaftlicher und verlässlich für Grundlasten wie sie sonst nur von klassischen Großkraftwerken bereitgestellt würden, sagt Werner Höner von Windtest Grevenbroich, ein Spezialist für Expertisen und Vermessungen in Sachen erneuerbarer Energien.

Meereswindparks ohne staatliche Zuschüsse

Der Ausbau der Meereswindparks etwa in Nord- und Ostsee spielt hier zu Lande bei der Umstellung der Stromversorgung auf regenerative Energien eine wichtige Rolle, wenngleich die noch fehlenden Leitungen, um den Windstrom in den Süden abzutransportieren, erst noch gebaut werden müssen. Auch die Tatsache, dass Windräder auf See künftig erstmals ohne staatliche Zuschüsse Strom produzieren könnten, sorgt für eine frische Brise in der Branche. Beispiel Nordsee: Bei drei von vier Projekten, die aber erst 2025 realisiert werden, kam der dänische Dong-Konzern zum Zug, beim vierten die EnBW, die im April stolz meldete, man werde mit dem Zuschlag über 900 Megawatt „zu den weltweit ersten Offshore-Windparks ohne Förderung“ gehören. Das sorgte für Furore, nachdem zuvor bereits ein Projekt in Dänemark mit einem extrem niedrigen Preis – 4,99 Cent staatlicher Zuschuss je Kilowattstunde – für Aufsehen gesorgt hatte.

Hintergrund in Deutschland ist die Reform der Förderung erneuerbarer Energien. Erstmals wurden die Zuschüsse nicht pauschal vergeben, sondern in einem Bieterverfahren ausgeschrieben: Die Windpark-Betreiber, die am wenigsten Geld forderten, sollten von der Bundesnetzagentur den Zuschlag bekommen. Das hat Einfluss auf die Preise. Jan Willem Ruinemans, Chef der ZF-Windsparte, spricht von einem dramatischen Preisverfall – und sinkenden Energiekosten. „Offshore-Anwendungen werden zunehmen“, sagt er. Diese Entwicklung dürfte sich auch auf die Windturbinenhersteller auswirken. Der Branche, zu der europäische Konzerne wie Enercon, Siemens, Vestas oder beispielsweise GE (USA) oder Goldwind (China) gehören, sagt er eine weitere Konsolidierung voraus. Als Zulieferer wird ihm aber trotz des drohenden Preisdrucks nicht bang, weil man weiter an der Effizienz der Produkte arbeite und weltweit Kunden beliefere.

Mehr als 28 000 Windräder in Deutschland

Künftig dürfte die Musik vor allem in Asien spielen, allen voran China. Das Land hat bereits Europa als größten Windkraftmarkt überholt. Bis 2025 dürften allein auf China rund 40 Prozent des weltweiten Windkraftmarktes entfallen, sagt Ruinemans und stützt sich dabei Markteinschätzungen von Experten. ZF ist dort bereits mit zwei Werken vertreten, einem weiteren in Indien.

In Deutschland drehten sich laut Bundesverband Windenergie im vergangenen Jahr 28 217 Windräder, der Großteil davon an Land, lediglich 947 auf dem Meer. Damit summiert sich die gesamte installierte Leistung auf gut 50 000 Megawatt, was einem Anteil von 12,3 Prozent an der deutschen Stromproduktion entspricht.

Im vergangenen Jahr hat ZF rund 5000 Windkraftgetriebe produziert – von 0,85 Megawatt bis acht Megawatt, in den Werken Gainesville (USA), Coimbatore (Indien), Tianjin und Peking (beide China), in Witten und am Hauptsitz der Windkraftsparte im belgischen Lommel. Der Windkraft-Umsatz von ZF kletterte 2016 um 27 Prozent auf 820 Millionen Euro. In der Krise 2013 lag er bei knapp 200 Millionen Euro. In Summe wurden bis Ende 2016 mehr als 55 000 ZF-Getriebe in Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 100 Gigawatt weltweit installiert. Das entspricht einem Viertel des Gesamtmarkts von Windrädern mit Getrieben in Höhe von 400 Gigawatt, weitere 100 Gigawatt entfallen auf getriebelose Windräder, die 20 Prozent des Weltmarkts ausmachen.

Trend geht zu mehr Leistung

Offshore gehe der Trend zu immer mehr Leistung, sagt Ruinemans. Dabei hat das „Acht-Megawatt-Baby“ schon gigantische Dimensionen. Allein das Rotorblatt eines Windrades mit dieser Leistung ist rund 80 Meter lang und könnte im Inneren neun Doppeldeckerbusse verstauen. Und mit der produzierten Energie von rund 192 Megawattstunden pro Tag können bis zu 15 000 Haushalte versorgt werden.

Die Branche ist im Aufwind – auch wenn Windkraft entzweit. Für die einen bedeutet sie saubere Energie, die Atomkraft und Kohle ersetzen und das Klima retten soll, für die anderen steht sie für die rücksichtslose Zerstörung von Naturlandschaften und für Profite Einzelner auf Kosten der Allgemeinheit. Für ZF-Vorstand Wilhelm Rehm steht allerdings fest: „Die Weiterentwicklung der Elektromobilität im Automotive-Bereich und die nachhaltige Energieerzeugung mit Windkraft im Industriebereich ergänzen sich strategisch gut.“

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