Stuttgart - Die von der EU-Kommission formulierten Klimaschutzziele, die unter dem Namen Fit for 55 veröffentlicht wurden, stellt die Industrie nach Ansicht des Zulieferers ZF vor große Herausforderungen. Die Pläne steigern „zwar die Nachfrage nach rein elektrischen Antrieben“, sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider, „doch es wird sehr schwer sein, die Balance zwischen Klimaschutz, Beschäftigung und den Mobilitätsbedürfnissen der Menschen herzustellen“.
So forderte er „einen klaren Plan zum Aufbau der Infrastruktur – von der Stromerzeugung über die Stromnetze bis hin zur Ladeinfrastruktur“. Um die Ziele zu erreichen, müssten in Europa 14 000 Ladesäulen Woche für Woche gebaut werden, rechnet Scheider vor – und dies bis zum Jahr 2030. „Das wird nicht funktionieren ohne die starke Unterstützung aus dem Regierungssektor.“
Die Politik muss helfen
Politischen Handlungsbedarf sieht er auch bei der Erzeugung von regenerativer Energie. ZF ist einer der großen Hersteller von Getrieben für Windkraftanlagen. Die Geschäfte laufen gut, doch es könnte noch besser sein. Aber der Markt in Europa sei reguliert. „Wir sehen einen Stau bei der Genehmigung von Windkraftanlagen“, so Scheider. Nötig seien nicht nur die Windräder, auch die nötigen Stromtrassen würden fehlen.
Die zunehmende Dynamik in Richtung Elektromobilität erhöht allerdings auch den Druck auf die Standorte. Weil ein E-Auto aus weniger Teilen besteht, sind auch weniger Mitarbeiter in den Werken erforderlich. Der – nach Bosch und Continental – drittgrößte Zulieferer in Deutschland hat bereits im vergangenen Jahr mit Betriebsrat und IG Metall einen Tarifvertrag Transformation abgeschlossen. Darin wurde vereinbart, dass bis Ende 2022 tragfähige Lösungen für alle Standorte in Deutschland erarbeitet werden sollen. „Für die meisten haben wir bereits gute Perspektiven entwickeln können“, sagte Scheider, ohne konkreter zu werden. Es würden aber noch Gespräche geführt. Er will allerdings nicht ausschließen, dass es letztlich für einige Standorte vielleicht keine Perspektive geben gibt. Der Konkurrent Bosch in Gerlingen/Stuttgart hat in den vergangenen Wochen bereits das Aus für einige kleinere Standorte verkündet.
Angespannte Versorgungslage
Sorgen bereitet Scheider auch die Versorgungslage mit Halbleitern sowie mit anderen Materialien wie Stahl und Kunststoff: „Auch durch diese Knappheit haben etliche Rohstoffpreise Allzeithochs erreicht, was unsere Einkaufskosten erhöhte.“ Verschärft werde die Lage durch teilweise unterbrochene Lieferketten. Doch anders als etwa Daimler standen bei ZF bisher keine Werke oder Produktionslinien wegen der Chipknappheit still; auch Kurzarbeit gebe es deswegen nicht. Im Gegenteil. Die Standorte seien stark ausgelastet. Vor allem im Bereich Nutzfahrzeuge seien Beschäftigte mit einem zeitlich befristeten Vertrag sogar fest übernommen worden. Halbleiter werden nach Ansicht von Scheider noch bis ins Jahr 2022 hinein knapp sein.
Dagegen reagiert Scheider entspannt auf Äußerungen von Daimler, wieder mehr selber zu machen und nicht mehr zuzukaufen (Insourcing). Dies habe es in der Branche schon immer gegeben. In einigen Fällen produziere der Hersteller Teile im Heimatmarkt selbst; im Ausland übernehme dann der Zulieferer die Teilefertigung. Manchmal komme der Zulieferer auch „nur“ bei einigen Modellen zum Zuge. „Es gibt viele Formen der Zusammenarbeit“, so Scheider.
Gute Geschäfte im Halbjahr
Zufrieden äußert er sich über das erste Halbjahr. Der Umsatz ist um 43 Prozent auf 19,3 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei einer Milliarde Euro – nach einem Minus von 177 Millionen Euro im Vorjahr. Die Ebit-Marge – Ebit bezogen auf den Umsatz – lag bei 5,2 Prozent. Für das gesamte Jahr werden unverändert Erlöse von 37 bis 39 Milliarden Euro und eine Ebit-Marge von 4,5 bis 5,5 Prozent erwartet.