Während der Ferienfreizeit der Awo auf Korsika sind die Jugendlichen von ehrenamtlichen Teamern betreut worden (Symbolbild). Foto: imago/Dreamstime/Bernie
Nicht genug Essen, Liegestütze in der prallen Sonne, überforderte Betreuer – Jugendliche und Eltern beschweren sich über eine Ferienfreizeit der Arbeiterwohlfahrt Württemberg. Der Veranstalter räumt eigene Fehler ein, kritisiert aber auch einzelne Teilnehmer.
Am Ende der zwölf Tage auf Korsika war wohl keiner glücklich. Die Jugendlichen nicht und auch nicht der Veranstalter, das Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt Württemberg. „Unsere Kinder haben schon viele Freizeiten mitgemacht“, schreibt eine Mutter, „aber so etwas haben sie bisher noch nicht erlebt“. Sie wirft dem Veranstalter vor, die Kinder seien nicht satt geworden. Zu trinken habe es das gechlorte Wasser aus dem Hahn gegeben, während es für die Betreuer Mineralwasser aus Flaschen gegeben hätte. „Überhaupt“, so heißt es weiter „waren die Betreuer nicht wirklich am Wohlergehen der Kinder interessiert.“
Es sind massive Vorwürfe. So hätten die Betreuer die Jugendlichen Liegestütze bei 35 Grad im Schatten machen und so viel Wasser wie möglich in kurzer Zeit trinken lassen. Die Bewertungen, die die Jugendlichen noch auf der Heimfahrt im Bus über einen Fragenkatalog abgaben, spiegeln den Frust vieler Teilnehmer wieder, sagt David Scherer. Der Geschäftsführer des Jugendwerks der AWO Württemberg mit Sitz in Stuttgart sagt offen: „In dieser Freizeit war von Anfang an der Wurm drin. Ich kann mich dafür nur im Nachhinein entschuldigen.“ Das habe er auch den Eltern gegenüber getan. Zwei Beschwerden, eine von Eltern und auch von Jugendlichen, seien bei ihm eingegangen.
Mit einem Tagebuch rekonstruiert Scherer, was passiert ist
Was aber ist auf Korsika genau geschehen? Scherer hat sich mit den Teamern kurzgeschlossen, wie die 20- bis 30-jährigen Begleiterinnen und Begleiter der Freizeit heißen. Um das Geschehene zu rekonstruieren, kann er neben ihren Erzählungen auch auf das Tagebuch zurückgreifen, das die Teamer wie üblich geführt haben. Dort wird notiert, was während der Freizeit geschieht – von Einkäufen bis zu etwaigen Zwischenfällen.
Ein Vorwurf: gechlortes Wasser Das Beach Camp auf Korsika, als das es beworben wurde, stehe auch für die Idee der Nachhaltigkeit. Deshalb die Abkehr von gekauftem Wasser. Das Wasser auf dem Campingplatz gelte als Trinkwasser – freilich versehen mit Chlor mit dem entsprechendem Beigeschmack. Die Teamer versichern, selbst auch das Wasser aus dem Hahn getrunken zu haben. Wenn der Eindruck entstanden sei, sie hätten Mineralwasser getrunken, „kann ich mir das nur so erklären, dass ihnen bei einem Ausflug das Wasser ausgegangen sei und sie eine Wasserflasche nachgekauft haben“, erklärt Scherer. Nach den Beschwerden, die auch bei den Eltern in Deutschland via Handy einliefen, gab es schließlich Mineralwasser aus der Flasche.
Ein weiterer Vorwurf: Das Essen hat nicht ausgereicht. Die 100 Euro Taschengeld, die sie ihrem Sohn zusätzlich mitgegeben habe, seien für den Kauf zusätzlicher Nahrungsmittel draufgegangen, kritisiert die Mutter. An drei Abenden, so vermerkten es die Teamer laut Scherer in ihrem Tagebuch, sei in der Tat das Essen ausgegangen. Er beschönigt das nicht, erklärt jedoch: „Wir haben in der Vergangenheit oft zu viel gekocht und mussten viel Essen wegschmeißen.“ Deshalb arbeite man nun mit einer App, die Essenspläne und Einkaufslisten erstelle. „Es hat nicht am mangelnden Budget gelegen“, versichert er. „Wir haben blöderweise ein bisschen zu knapp gekocht.“ Als man in den folgenden Tagen mehr gekocht habe, habe man wieder viel Essen wegwerfen müssen.
Liegestütze in der Sonne und zunehmende Aggressivität
Und noch ein Vorwurf: Die Jugendlichen mussten Liegestütze in der Sonne machen. Scherer ordnet diese Übung als misslungene Challenge ein, die als 50-Minuten-Wette unter Jugendlichen bekannt sei. Dabei gehe es laut Scherer darum, in 50 Minuten etwa fünf Liter Wasser zu trinken oder eben so viele Liegestütze wie möglich zu machen. Dazu werde aber ausdrücklich niemand gezwungen, sagt er – wohlwissend, dass sich nicht jeder traue, nein zu sagen. „Das war keine so gute Idee. Das machen wir jetzt nicht mehr.“
Seit 13 Jahren macht Scherer seinen Job, ist für Ferienfreizeiten verantwortlich, war selbst Betreuer. Wenn man ihm zuhört, bekommt man den Eindruck, als versuche er einerseits, die Vorwürfe aufzuklären, erzählt aber gleichzeitig auch von einer gesellschaftlichen Entwicklung, die Jugendfreizeiten pädagogisch immer anspruchsvoller mache. Als sei dort auf der französischen Mittelmeerinsel ein Konflikt eskaliert, der viel mit gesellschaftlichen Entwicklungen im Allgemeinen zu tun habe.
Bis zu 25 Reisen bietet das Jugendwerk jährlich an. Für Scherer geriet diese Reise schon in Schieflage, als sich zwölf Teilnehmer, also fast ein Drittel der 42-köpfigen Reisegesellschaft, als Gruppe anmeldeten. Die Zwölf kannten sich also bereits, traten dann in Korsika als Einheit auf. „Da traut man sich mehr“ gegenüber den Betreuern zu, die die Verantwortung für die Freizeit haben und auch Anweisungen geben müssten, so Scherer. Auch Teilnehmer, die nicht zu der Zwölfergruppe gehörten, hätten die gruppendynamische Schieflage bemängelt.
Was lief schief in Korsika? Foto: dpa/Philipp Laage
Generell beobachtet der AWO-Vertreter eine nach Corona gewachsenen Aggressivität bei Jugendlichen. „Wir überlegen, Freizeiten künftig mit einem hauptamtlichen Freizeitpädagogen zu begleiten.“ Das sei eine bundesweite Überlegungen vieler Verbände. Die Kinder und Jugendlichen brächten immer mehr Sorgen mit in die Freizeit. Dies sei für die jungen und ehrenamtliche Betreuer eine Herausforderung. Von den sechs Teamern auf der Freizeit hätten alle sechs eine Juleica – also eine sich über mehrere Wochenenden erstreckende Jugendleiterausbildung und ein erweitertes Führungszeugnis vorgelegt. Anders könne man bei der AWO keine Jugendfreizeit begleiten.
Mutter fordert Kostenerstattung
Es werde aber immer schwerer, überhaupt Ehrenamtliche zu finden, sagt Scherer. Und vor kurzfristigen Absagen von Teamern sei man nicht gefeit. Bei dieser Freizeit habe ein Teamer drei Tage vor Beginn der Reise abgesagt. So etwas komme immer häufiger vor. Eine Handhabe dagegen gebe es nicht. „Sie können niemanden zwingen, der ehrenamtlich arbeitet“. Die Teamer bekommen für die Betreuung lediglich eine Aufwandsentschädigung, die bei etwa 120 Euro liege. Es gibt lukrativere Ferienjobs. Statt sieben haben dann, so Scherer, nur noch sechs Teamer die Gruppe in Korsika begleitet. Das entspreche aber immer noch dem vorgeschriebenen Schlüssel. Man plane, wenn möglich, grundsätzlich mit einer Person mehr. Wenn ein Konflikt von den Teamern nicht zu lösen sei, „gibt es zwei hauptamtliche Freizeitpädagoginnen, die sie jederzeit anrufen können“. Was auch geschehen sei. Eine hauptamtliche Begleitung vor Ort mache die Reisen jedoch teurer. Diese habe 730 Euro gekostet.
Bisher pocht laut Scherer eine Mutter auf Erstattung des Geldes. Der Fall ist in Stuttgart in der Klärung.
Trotzdem bekommen alle Teilnehmer nun einen Reisegutschein für eine der Ferienfreizeiten im Sommer 2025. „Wir wissen, dass alle unsere Freizeiten besser bewertet werden als diese Korsikafreizeit“, sagt Scherer.
Die Rückmeldung der misslungenen Fahrt kommt aber nicht nur von den Jugendlichen. In dem Tagebuch, das die ehrenamtlichen Teamer führten, haben sie auch vermerkt, dass sie von Jugendlichen noch nie so oft beleidigt und beschimpft worden seien wie bei dieser Ferienfreizeit. Eine Beobachtung, die auch der Jugendliche bestätigt, dessen Mutter sich bei Scherer beschwert hat. Ein Teil der Teamer hat aus dieser Entwicklung offenbar Konsequenzen gezogen. „Vier der sechs Teamer haben mir geschrieben, dass sie nie mehr eine Freizeit betreuen werden“, so David Scherer.