Axel Prahls Konzert im Theaterhaus Traumerfüllung durch urbane Seemannslieder

Von Michael Werner 

Im „Tatort“ überzeugt Axel Prahl als Kommissar Thiel. Jetzt hat der Schauspieler in Stuttgart mit seiner Band ein schönes Konzert gegeben. Und sein Leibesumfang fußt auf einem Trick.

Axel Prahl überzeugt auch als Singer/Songwriter. Foto: Veranstalter
Axel Prahl überzeugt auch als Singer/Songwriter. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Was für ein Glückspilz: Axel Prahl darf im beliebtesten „Tatort“-Ermittlerduo der Republik, dem aus Münster, den coolen Kommissar Thiel im Totenkopf-T-Shirt spielen, der den Schnösel Boerne im Anzug immer so lustig auflaufen lässt. Und dass ein gestandener Mann deutlich nach seinem fünfzigsten Geburtstag noch seine allererste Pop-CD veröffentlicht und sie in gut gefüllten Hallen präsentieren darf, ist mehr als nur ein Hoffnungsschimmer für alle gescheiterten Musiker des Landes. Wobei: Wer als Brotjob beispielsweise nur den Pommes-Frittes-Brutzler des Monats gibt, wird sich mit ähnlich rundem, aber auch nicht gerade sensationellem Songmaterial schwer tun, die Massen für sich einzunehmen.

Thiel, Verzeihung, Prahl, macht seine Sache gut: Mit kunstvoll aufgerauter Stimme und perfekt sitzenden Strauchelgesten präsentiert er schroffe Innerlichkeit in Form urbaner Seemannslieder: Vor der Pause singt er Klassiker („Summertime“, „With a little Help from my Friends“) und eigenes Unveröffentlichtes. Nach der Pause präsentiert er das Album „Blick aufs Mehr“ (2011) mit gedämpfter Reiseschwermut („Passagier“), nachvollziehbarer Alltagspoesie („Liebe hat den Tisch gedeckt“) oder auch naheliegender Gesellschaftskritik („Blablabla“): Die Totenkopfflagge weht auf Halbmast, aber sie flattert durchaus potent im Orkan des Lebens.

Axel Prahls alter Kumpel Danny Dziuk (der auch selbst schöne Lieder schreibt) hat die Songs des Schauspielers hübsch federnd für eine neunköpfige (!) Band namens Inselorchester arrangiert, die im Theaterhaus souverän retroaffin das unternimmt, was in den achtziger Jahren als folkverliebte Klangreise in Mode kam. Und so darf Axel Prahl mit all seiner Hingabe, mit all seiner gekonnt in den Vordergrund gerückten Traumerfüllung ein wenig so klingen, wie man sich Klaus Lage vorstellt, nachdem der eine ganze Nacht lang Konstantin Wecker zugehört hat.

Eine Bereicherung des Kulturbetriebs

Dabei ist Axel Prahl längst nicht so beleibt wie der Deutschrocker zu seinen populärsten Zeiten, auch wenn Prahl – neben Scherzen zu Stuttgart 21 und zur FDP – auch mit seiner Körperfülle kokettiert. Die rührt im Scheinwerferlicht des Theaterhauses jedoch in erster Linie von den seltsam ausgestopft wirkenden Taschen seiner Fischerweste her. Und die wiederum illustrieren das künstlerische Problem des Abends, das schreiende Zuviel: Zu große Gesten für kleine Chansons, zu viel musikalische Opulenz für nette Nebenbei-Beobachtungen. Und wenn die Streicher dann noch schlagerhaft in eigentlich sehr schlau zwischen Lakonie und Leidenschaft verortete Liebesschwüre hineingrätschen, dann schwappt das Zuviel auch mal über – in Form von Kitsch.

Aber das ändert nichts: Unser Lieblings-„Tatort“-Kommissar ist auch als Sänger eigener Weisen eine echte Bereicherung des hiesigen Kulturbetriebs, selbst wenn er nicht auf Anhieb unser Lieblingsmusiker geworden ist. Er spielt herrlich unprätentiös Gitarre. Er plant, mit 55, seine zweite CD. Er wird, so glauben wir, seine Zeit auf der Konzertbühne künftig weniger als Rolle interpretieren, und die diebische Freude, auf ihr zu stehen, wird noch ansteckender die großen Säle fluten. „Denn im Leben, ist uns eben, leider vieles nicht gegeben“, singt er. Okay, jetzt flunkert dieser nimmersatte Talentjongleur. Aber auch darin ist er ja unglaublich begabt.