Mohammed Azhar möchte Sprachbarrieren überwinden. Wenn es um Übersetzungen aus seiner Muttersprache Urdu oder aus Panjabi geht, springt der 32-Jährige aus Pakistan bei der Stadt Ostfildern gerne als Dolmetscher ein. Das findet er wichtig, „damit sich die Menschen möglichst schnell integrieren“. Der gelernte Altenpfleger möchte „der Stadt, die so viel für mich getan hat, etwas zurückgeben“. Als die Geflüchteten aus der Ukraine nach dem Ausbruch des Kriegs am 24. Februar 2022 in die Körschtalhalle nach Scharnhausen kamen, organisierte er deren Unterbringung mit. Obwohl ihn seine Arbeit im Gradmann-Haus in Ruit stark fordert, nimmt er sich Zeit für sein freiwilliges Engagement.
Azhar Mohammed ist 2015 aus politischen Gründen aus Pakistan geflüchtet, wie er erzählt. Zunächst kam er damals nach Karlsruhe. Da habe er einen jungen Deutschen kennengelernt, der ihn mit der fremden Kultur in Deutschland vertraut machte. Er habe ihm Möglichkeiten aufgezeigt, wie er in Deutschland Fuß fassen kann. Eigentlich wollte der junge Mann weiter in seinem Beruf als Elektrotechniker arbeiten. „In der Pflege werden in Deutschland dringend Fachkräfte gesucht“, hat er damals erfahren. Deshalb entschied sich der Flüchtling aus Pakistan für diesen Werdegang.
„Für mich als Muslim war es anfangs nicht einfach, fremde Frauen zu pflegen“, gibt der junge Mann unumwunden zu. Darüber habe er mit den Kolleginnen und Kollegen auch offen gesprochen. Obwohl es im Pflegealltag nicht immer möglich sei, versuchen die Teams, auch auf die Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzugehen. In Mohammeds Arbeitsalltag ist das nicht immer möglich, denn er arbeitet viel in der Nachtschicht. Da ist er alleine im Einsatz. Inzwischen sehe er den Umgang mit pflegebedürftigen Menschen professionell, sagt er. Dennoch fände er es schön, kultursensible Pflege in möglichst vielen Heimen oder bei Pflegediensten möglich zu machen. „Wichtig ist, dass man Verständnis füreinander hat“, sagt er.
Er will Pflegemanagement studieren
Obwohl ihn anfangs beruflich die Elektrotechnik interessiert hat, kann er sich nun vorstellen, in der Pflege Karriere zu machen. Der Geflüchtete, dessen Deutsch fast perfekt ist, will sich weiterbilden. Er denke über ein Studium im Pflegemanagement nach. Der Stadtteil Nellingen ist seine Heimat geworden. Anfangs halfen ihm die Mitglieder des Freundeskreises Asyl, um in Ostfildern anzukommen. „Azhar Mohammeds Entwicklung im Beruf und im Alltag ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt die Vorsitzende Ursula Zitzler. Dass der 32-Jährige so gut Fuß gefasst hat, freut sie. „Und es ist schön, dass ich auf ihn bauen kann, wenn es um die Unterbringung Geflüchteter geht.“ Im Kontakt mit den Menschen, die aus Angst um ihr Leben fliehen mussten, baut Azhar Mohammed Brücken: „Ich weiß doch selbst am besten, wie sie sich fühlen.“ Ihm habe ein Mentor des Freundeskreises den Einstieg erleichtert.
Mit seiner positiven Lebenseinstellung macht Azhar Mohammed vielen Menschen Mut. Er lächelt viel, und das steckt an. Seinem Gegenüber hört er aufmerksam zu, sucht den Blickkontakt. So motiviert er nicht nur die betagten Menschen im Pflegeheim. Es gelingt dem jungen Mann auch, den Geflüchteten Mut zu machen, die Probleme im neuen Kulturkreis haben. „Es genügt nicht, für Wohnraum und Essen zu sorgen“, weiß der Altenpfleger. Deshalb hat er immer wieder Menschen, die aus der Ukraine vor dem Krieg flüchten mussten, in ihren Unterkünften besucht. Einige dieser Kontakte pflegt er noch heute. „Wenn man jemand hat, der hilft, nach Lösungen zu suchen, fällt vieles leichter.“ Da erinnert er sich noch sehr gut an die Zeit, als er sich selbst in der neuen Lebenswelt zurechtfinden musste.
Anfangs sei ihm auch nicht alles zugefallen, sagt der Altenpfleger. Doch immer wieder habe es Menschen gegeben, die ihm halfen, „weil sie einfach freundlich sind“. Er erinnert sich an eine Situation, als er einem Freund ein Mitbringsel zum Geburtstag kaufen wollte. „Ich war noch nicht lange hier, hatte wenig Geld und verstand die Sprache nicht.“ Da griff er zu einer Karte mit Blumen, und legte das Geld auf den Tisch. Die Verkäuferin habe schnell erkannt, dass er die Sprache nicht beherrscht, und hakte auf Englisch nach, zu welchem Anlass er die Karte brauche. „Da stellte sich heraus, dass ich eine Trauerkarte gekauft hatte“, erzählt er.
Heute lächelt Mohammed über diese Situation. Und doch hat sie für ihn eine tiefere Bedeutung. „Von der Frau habe ich gelernt, dass wir aufeinander Acht geben müssen.“ Solche Aufmerksamkeit möchte er auch anderen schenken. Dass er in Ostfildern so gut integriert ist, macht ihn glücklich. Neben seinem Einsatz für Geflüchtete ist er auch sportlich aktiv. Beim CVJM Esslingen verstärkt er das Volleyball-Team. „Sport ist international.“ Da setze man sich über alle Grenzen hinweg für ein gemeinsames Ziel ein. „Und wir lernen einander beim Spielen noch besser kennen.“
Zehn Jahre Freundeskreis Asyl Ostfildern
Geschichte
Der Freundeskreis Asyl in Ostfildern setzt sich seit zehn Jahren für Geflüchtete ein. Die engagierten Bürgerinnen und Bürger haben viele erfolgreiche Projekte mit auf den Weg gebracht. Dazu gehört das Mentoring-Programm. Dabei betreuen Menschen aus Ostfildern die Geflüchteten individuell und helfen ihnen, sich in dem neuen Kulturkreis zurechtzufinden. Daraus sind viele Freundschaften gewachsen.
Fest
Das Jubiläum feiert der Freundeskreis Asyl am Samstag, 21. September, von 14 bis 17 Uhr in der Nellinger Halle (Esslinger Straße 26). Oberbürgermeister Christof Bolay spricht ein Grußwort. „Wir haben viele Angebote für Kinder und Erwachsene vorbereitet“, sagt Vorsitzende Ursula Zitzler. Für den musikalischen Rahmen sorgen die Band Nevbahar und ein ukrainischer Chor.