Die Tieferlegung der B 27 führt eine Gemeinde zusammen: Vor dem Bau eines Lärmschutztunnels wurde Dusslingen in eine Ost- und eine Westhälfte getrennt. Nun gewinnt die Stadt an Ruhe und baut sich auf dem Tunneldach einen Bürgerpark.

Dusslingen - Rund 30 000 Autofahrer fahren Tag für Tag auf der Bundesstraße 27 durch Dusslingen im Kreis Tübingen – der Ort war von der Straße buchstäblich geteilt. Seit einigen Wochen führt nun ein 486 Meter langer Tunnel durch den Ort, dem sich dadurch ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Bürgermeister Thomas Hölsch spricht von einer „städtebaulichen Chance“ und einer „ganz und gar anderen Wohnqualität“ in den Gebäuden, die bisher am Rand der viel befahrenen Bundesstraße lagen. In den Häusern wohnten einige ältere Leute, die Immobilien seien aber kaum noch neu vermietbar gewesen. „Doch jetzt wird investiert, die Wertsteigerung ist bereits deutlich spürbar“, berichtet Hölsch. Jetzt gibt es den direkten Weg – und viele Wege werden kürzer.

Die Bundesstraße hat den Ort mit 5800 Einwohnern schmerzhaft durchschnitten, auffallend waren die beiden Ortsteile südlich und östlich der stark befahrenen Straße. Dennoch ist es historisch nicht ganz korrekt, von einer Wiedervereinigung Dusslingens zu sprechen. Der Bürgermeister erklärt im Rathaus vor einem Luftbild der Stadt, warum das so ist. Zum einen wurden viele der im Osten gelegenen Häuser von Aussiedlern erbaut, als die B 27 schon auf dieser Trasse verlief. Um 1950 herum wuchs die Stadt „auf einen Schlag“, wie Hölsch sagt, von 2400 auf 4000 Einwohner. Die Aussiedler seien jedoch lange unter sich geblieben, es vergingen viele Jahre, bis sie sich auf Sportvereine, Sängerkranz oder Trachtenverein einließen. „Und schauen Sie, nicht nur die Bundesstraße zerschneidet den Ort, sondern auch die Zollernbahn Tübingen–Balingen und unser Fluss, die Steinlach“, weist Hölsch auf weitere markante Trennlinien hin. Die Bahnlinie wird bleiben, der Fluss aber soll „erlebbarer gemacht werden“, beispielsweise durch Schrittstufen an den Uferböschungen. „Ein Bach zieht an“, sagt Hölsch.

Dusslinger Bürgermeister: „Alles ist da, wie in Tübingen“

Außerdem verweist der Bürgermeister auf das gute Schulangebot: „Alles ist da, wie in Tübingen.“ Die Unistadt sei mit Bahn und Bus und Auto sehr schnell erreichbar, aber in den Grundstückspreisen unterschieden sich Stadt und die Gemeinde. „300 Euro je Quadratmeter und eine viel niedrigere Grundsteuer“, nennt Hölsch Dusslingens Trümpfe. „Wir leben in einem Ort, wo man die Leut’“ kennt“, legt er nach. Neue Wohnungen entstehen bereits. Am Rand der B 27 liegen Brachen und sogar auf den ersten Blick abrissreife Gebäude. Jetzt nach der Tieferlegung der Bundesstraße lohnen sich Neubauten. „Ohne große Neubaugebiete auszuweisen, wollen wir um 500 Einwohner wachsen, dann lässt sich die Infrastruktur halten“, führt der Bürgermeister aus.

Dusslingen hat schon vor dem Umbau der B 27 eine große Chance genutzt. Gegenüber dem Bahnhof – in dem der neue Käufer griechische Hochzeitstorten herstellen will – befand sich das 4,5 Hektar große Gelände des Landmaschinenherstellers Jakob Rilling („Irus“). Der Standort wurde 1985 aufgegeben, 1999, Thomas Hölsch war da schon fünf Jahre im Amt, erwarb die Gemeinde das Areal und erschuf sich eine neue Ortsmitte. 2003 wurde das neue Rathaus erbaut, daneben eine Anlage, in der jüngere Bewohner ältere im Auge behalten sollen. Und auf dem Grundstück der Betriebsgärten der ehemaligen Bahnbediensteten entstand 2009 eine gut ausgestattete Bücherei und Mediothek, deren heller Zweckbau samt Innenhof mit mehreren Architektenpreisen ausgezeichnet wurde.

Hier kennen sich die Leut’

„Herr Bürgermeister, können Sie mir bitte helfen?“ Beim Gang durch den Ort wird Thomas Hölsch von einem älteren Landwirt angesprochen, der sich am Griff des Rasenmähers zwar ebenso gut halten kann wie am daneben abgestellten Rollator, doch zu viel mehr reicht seine Kraft nicht. Hölsch zieht drei-, viermal kräftig am Seilzug des Mähers, dann springt der Motor an. Die Wiese kann gemäht werden. „Danke, Herr Bürgermeister.“ Es stimmt also – hier kennen sich die Leut’.

Nicht weit von hier, mitten im Ort, ist der Vorläufer der B 27 verlaufen. Die „Schweizer Straße“ wurde schon Mitte des 18. Jahrhunderts als erste Straße Württembergs zur Chaussee ausgebaut. Sie erstreckte sich von Cannstatt über Stuttgart, Tübingen, Hechingen und Balingen bis Dotternhausen. Das alte Dusslingen dehnte sich zur Straße aus, Wohn- und Wirtshäuser entstanden am Rand der Fahrbahn. Fernverkehrsstraße 27 wurde sie 1932 genannt, 1936 wurde sie als Reichsstraße 27 auf die neue Trasse verlegt, als eine Art Ortsumgehung von Dusslingen, doch wieder zog der Ort nach. Der nun vollzogene Ausbau auf der „Mitteltrasse“ mit Lärmschutztunnel wurde schon Anfang der 1970er Jahre im Grundsatz beschlossen.

Auch die Älteren sollen mitmachen können

Vier Jahrzehnte später ist das Gespräch mit Thomas Hölsch an dieser Stelle problemlos möglich, die Straße – nun erstmals vierspurig – ist samt ihrem Lärm versenkt worden. „Ein Bürgerpark entsteht direkt über der B 27“, sagt Hölsch und zeigt auf die Baggerarbeiten. 30 000 Blumenzwiebeln werden gepflanzt, ein Spielplatz mit Geräten zum Thema Tunnel für 120 000 Euro ist einsatzbereit, ein Platz mit Pavillon und Pergola für Musikkapellen samt leicht installierbarem Ausschank wird eingerichtet, eine Boule-Bahn – und alles wird barreierefrei. „Alle werden älter, und alle wollen mitmachen können“, sagt Hölsch dazu.