Der junge Tänzer ist Louis Buss, genannt Light, ein 21 Jahre alter Breakdancer, der als Jugendlicher aus der fränkischen Provinz nach Stuttgart kam, um hier seinen Traum zu verwirklichen: Er wollte einer der besten B-Boys werden, jeden Tag mit seiner Breakdance-Crew Tru Cru tanzen und die Hip-Hop-Kultur hautnah erleben. In Stuttgart, der Mutterstadt des Hip-Hops, hat er seine Erfüllung gefunden. „Das Tanzen ist meine Ausdrucksform“, sagt Louis Buss alias Light. „Dafür bekomme ich Respekt und verdiene mir meine Anerkennung.“ Sein Leben ist der Breakdance.
Der Bruder als Vorbild
„Mein älterer Bruder Lukas hat mich zum Tanzen gebracht“, erzählt Louis Buss. Lukas ist ebenfalls in der Stuttgarter Breakdance-Szene aktiv, die beiden wohnen zusammen in einer WG. In jungen Jahren eiferte der Jüngere dem Älteren nach. Louis imitierte die Bewegungen des großen Bruders, und Lukas nahm den damals Zehnjährigen zu Breakdance-Wettbewerben mit, sogenannten Battles. Die Tänzer treten dort alleine oder in Gruppen gegeneinander an, in mehreren Runden zeigen sie ihre besten Tricks und versuchen, das Publikum und die Jury mit möglichst akrobatischen Bewegungen von sich zu überzeugen.
„Auf den Battles habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass Leute mich für das Tanzen respektieren“, sagt Louis. Mit seinem Können beeindruckte er die anderen B-Boys. Im Alter von 14 Jahren nahm sein Leben dann eine entscheidende Wendung: Auf dem damals weltweit größten Kids-Battle in Paris wurde er von Mitgliedern der Stuttgarter Breakdance-Gruppe 711-Crew gefragt, ob er nicht mal in die Kesselstadt kommen wolle, um dort mit ihnen zu trainieren. Er folgte der Einladung und fand schnell Gefallen an der zentralschwäbischen Breakdance-Szene. „Hip-Hop wurde in Stuttgart damals richtig gelebt, das hat mich sehr beeindruckt und gleichzeitig motiviert, noch besser zu tanzen“, erzählt Louis Buss. „Alle waren wie eine große Familie und haben mich gleich aufgenommen.“ Von da an besuchte er die baden-württembergische Landeshauptstadt regelmäßig und hielt engen Kontakt zu den Stuttgarter B-Boys.
Aus der Provinz in die Stadt
Als sein großer Bruder kurz darauf das Heimatdorf Standorf, ein Ortsteil von Creglingen, verließ, war Louis plötzlich auf sich allein gestellt. Eine ungewohnte Situation für den 14-Jährigen, der zuvor alles mit Lukas geteilt hatte. Louis wollte auch weg, um seinen Traum als Profitänzer zu leben. Mit 16 brach er die Schule ab und ging nach Würzburg. Zwei Spielzeiten lang tanzte er am Mainfranken-Theater. Zum ersten Mal konnte er von seinem Hobby leben. Als er etwas Geld zusammengespart hatte, zog er nach Stuttgart – und damit zu seinem Bruder und in die Hip-Hop-Szene.
Seine Eltern waren von dieser Karriere nicht begeistert. Sie schlossen mit dem freiheitsliebenden Sohn einen Kompromiss: Louis bekommt die Chance, seinen Traum wahr zu machen und dem Breakdance sein Leben zu widmen, und holt im Gegenzug in Stuttgart das Abitur nach. „Bis heute spüre ich die Unterstützung durch meine Familie“, sagt Louis.
National und international erfolgreich
Nach dem Abi konzentriert er sich voll aufs Tanzen. Mit den Jungs aus seiner Tru Cru nimmt er an nationalen und internationalen Breakdance-Battles teil. Sein Weg führt ihn nach Japan, in die USA, nach Israel, Jordanien, Russland, Frankreich und viele andere Länder. „Das Tanzen gibt mir alles.“
Daheim in Stuttgart ist er in Werbekampagnen von Unternehmen wie Mercedes-Benz und Bosch zu sehen und wirkt in Theaterstücken und Tanzperformances mit. In Vaihingen trainiert er Kinder, zudem tritt er mit seiner Crew regelmäßig als Straßenkünstler in der Königstraße auf. Längst lebt er vom Tanzen.
Seit sieben Jahren tritt Louis Buss alias Light öffentlich auf, trotzdem ist er noch immer nervös, wenn sich die Augen der Zuschauer auf ihn richten. Er beschreibt das so: Hitze steigt in ihm auf, er spürt ein Kribbeln, und das Licht der Scheinwerfer sticht in den Augen. Dann fokussiert er sich aufs Tanzen. Light wirbelt akrobatisch durch die Luft, nur um Sekunden später aus voller Bewegung plötzlich innezuhalten und in einer bestimmten Position wie eingefroren zu verharren, ein sogenannter Freeze. Dabei stehen seine Beine waagrecht in der Luft, ein Arm ist seitlich ausgestreckt und zeigt auf seinen Battle-Gegner, mit dem anderen angewinkelten Arm stützt er sich auf dem Boden ab, sein ganzes Körpergewicht liegt auf dieser Achse. Wenn man den Tänzer Louis Buss beobachtet, könnte man meinen, er sei nicht nur von den Gesetzen der Schwerkraft befreit, sondern auch von den Konventionen, die ein Arbeitsleben normalerweise mit sich bringt.
Spezielle Tricks und Bewegungen
Jeder professionelle B-Boy hat seine eigenen sogenannten Power-Moves – spezielle Tricks oder Bewegungen, für die er in der Tanzszene bekannt und beliebt ist. Ein Power-Move von B-Boy Light ist der Headspin, den er schon mit jungen Jahren als einen der ersten Tricks meisterte und seitdem zur Perfektion weiterentwickelte. Dabei steht Louis auf dem Kopf und dreht sich blitzschnell um die eigene Achse, die Hände nutzt er dabei, um Geschwindigkeit in seine Drehung zu bekommen. Derartige Bewegungen sind ein unglaublicher Kraftakt für den Körper, ohne Muskelkraft und Körperspannung geht es nicht. Louis trainiert täglich, um seine Ausdauer und Kraft beizubehalten. „Meine Fitness ist mein Kapital, die Work-outs nehme ich daher sehr ernst“, sagt er. „Das Aufwärmprogramm vor jedem Auftritt ist aber mindestens genauso wichtig, sonst ist die Verletzungsgefahr hoch.“
Diese Grundregeln will er auch an die nächste Tänzergeneration weitergeben. Louis ist sich seiner Vorbildfunktion für jüngere B-Boys und B-Girls durchaus bewusst. „Sie schauen zu mir auf, deshalb muss ich darauf achten, wie ich mich verhalte. Ich möchte ihnen die grundlegenden Werte näherbringen“, sagt er. Dazu gehören nicht nur die richtigen Bewegungsabläufe, sondern auch Selbstdisziplin, Respekt, Bescheidenheit und der Wille, niemals aufzugeben. Dinge, die er als Junge selbst von seinen Vorbildern gelernt hat.
Das zentrale Element
In der Hip-Hop-Kultur ist der Zusammenhalt ein zentrales Element. Man unterstützt sich gegenseitig, lernt voneinander und passt aufeinander auf – wie in einer richtigen Familie. Dieser Lebensstil hat Louis Buss reifen lassen, seine Energie, sein Optimismus und seine positive Ausstrahlung wird von seinen Teamkollegen innerhalb seiner Tanzgruppe Tru Cru geschätzt. „Ich bin der Jüngste dort, viele sind bereits um die 30 und planen ihre Zukunft mit Heirat, Kinder und Eigenheim. Davon bin ich aber gerade noch weit entfernt.“
Neben dem Tanzen hat Louis eine weitere große Leidenschaft: Er sammelt Turnschuhe, neudeutsch Sneaker genannt. Viel Geld gibt er für seltene und deshalb begehrte Schuhe aus. Sein neuestes Modelle ist der Air Jordan One Off White von der Firma Nike aus dem Jahr 2017. Über diese Anschaffung hat er sich beinahe so gefreut wie über seinen Sieg beim Battle of the Year 2018, bei dem er als „Deutschlands bester B-Boy“ ausgezeichnet wurde. Doch Louis Buss will noch mehr, bald wird ihn sein Weg nach Berlin führen, um dort künftig mit seinen größten Idolen gemeinsam zu tanzen.