Babykonzert in Bad Cannstatt Klassik auf der Krabbeldecke

Die Cellistin Lena Khodak und die Pianistin Natasha Harper möchten die Freude, die ihnen klassische Musik macht, an junge Familien weitergeben Foto: Christin Hartard

Bach und Beethoven gespielt für Babys und Kleinkinder. Bei einem Konzert in Bad Cannstatt sollen schon die Kleinsten klassische Musik live erleben. Wie kommt das an?

Als Natasha Harper und Lena Khodak auf die Bühne kommen, scheint sie erst einmal keiner zu bemerken. Im Saal wird geplaudert, ein Baby schreit und am Flügel stehen zwei kleine Mädchen, die mit ihren Fingern unbeholfen auf die Tasten patschen. Eines weint, als es den Platz am Klavier für Natasha Harper freimachen muss.

 

Lena Khodak streicht die ersten Töne auf dem Cello, eine Melodie von Bach erklingt. Babys, noch so klein, dass sie ihre Köpfe kaum hochheben können, bekommen große Augen, das Mädchen, das eben noch geweint hat, hört aufmerksam zu. Man könnte fast sagen, es kehrt Ruhe ein im Kleinen Kursaal in Bad Cannstatt – so viel Ruhe wie eben einkehren kann, wenn sich um die 70 Familien mit Babys und Kleinkindern versammeln.

Es ist ein besonders Konzert. Eins, wie es die Musikerinnen Natasha Harper und Lena Khodak für gewöhnlich nicht spielen. Statt Stühlen sind da auf dem schicken Parkettboden Krabbeldecken in allen Farben aneinandergereiht, statt Abendrobe tragen die Zuhörer Mickey-Maus-Shirts und Stoppersocken. Und wirklich still sitzt hier auch niemand.

Wie ist die Idee entstanden?

Und genau so hat sich das die Gründerin der Babykonzert-Reihe auch vorgestellt. Klassische Musik live gespielt von Profi-Musikern für Babys und Kleinkinder, das ist die Idee. Saskia Dürr hat sie vor zwölf Jahren nach Deutschland gebracht, wie sie erzählt. Damals, als ihr Sohn selbst noch ein Baby war.

Dürrs Schwester lebt in der Schweiz und erzählte ihr damals von klassischen Konzerten für Babys dort. „Ich wäre so gerne hingefahren, aber mein Sohn war als Baby nicht transportfähig“, sagt Dürr, die in einem kleinen Ort in Oberbayern wohnt. Weil ihrem Sohn beim Autofahren immer schlecht wurde, war ein Konzertbesuch in der Schweiz undenkbar. „Also habe ich die Babykonzerte eben selbst organisiert.“

Neben ihrem eigentlichen Job als Rhetoriktrainerin beginnt sie also Konzerte für Babys zu veranstalten. Die ersten Konzerte in München waren sofort ausverkauft, also folgten weitere Städte. Mittlerweile sind es neun in ganz Deutschland.

Der 15 Monate alte Arthur steht auf Musik

Was Dürr bei den Konzerten ganz besonders wichtig ist: eine entspannte Atmosphäre für Kinder und Eltern. Hier soll keiner komisch angeguckt werden, wenn das Kind mal weint oder quengelt. Essen ist sogar ausdrücklich erlaubt, Tanzen und Mitsingen auch. Damit müssen auch die Musikerinnen klarkommen. Beim ersten Konzert, da habe sie bei der Probe extra Staub gesaugt, um zu sehen, o9b die Musiker das aushalten.

Im Kleinen Kursaal in Bad Cannstatt singt Natasha Harper „A Whole New World“ aus dem Disneyfilm Aladdin. Die Musikerin hat wieder Besuch auf der Bühne bekommen. Ein Mädchen tanzt direkt neben ihr. Die verträumte Melodie verzaubert nicht nur die Babys und Kinder, auch viele Eltern summen leise mit und schunkeln im Takt. Natasha Harper liebt das hier, Musikmachen für Kinder, ihnen den Spaß an der Musik weitergeben. Die Kinder auf der Bühne sind für sie kein Störfaktor. „Ich sehe Kinder, die sich für mein Musikinstrument interessieren, die neugierig sind und vielleicht selbst einmal Musiker werden“, sagt die Musikstudentin. Vor Konzerten sei sie eigentlich immer aufgeregt, aber bei dem Babykonzert verschwinde die Angst immer ganz schnell, wenn sie die kleinen fröhlichen Zuhörer sieht.

Der neun Monate alte Tommy gönnt sich ein Schläfchen auf Papas Bauch. Foto: Christin

Einer davon ist Arthur. Arthur ist 15 Monate alt, liebt Musik und rennt vor der Bühne auf und ab. Immer hinterher Mama Laura Peter. Sie selbst ist mit klassischer Musik aufgewachsen, hat als Kind Opern über den Plattenspieler gehört, erzählt sie. Arthur kennt klassische Musik bisher nur aus Büchern – die, die Musik abspielen, wenn man draufdrückt. Aber live scheint es ihm gleich noch besser zu gefallen. „Er ist total fasziniert, vor allem vom Gesang und den Instrumenten“, sagt seine Mutter – und schon ist sie wieder weg, den kleinen Musikliebhaber verfolgen.

Leises Winken statt lautes Klatschen

Als das Stück zu Ende ist und die Melodie verklingt, heben Laura Peter und Arthur die Arme und winkt den Musikerinnen zu. Leises Winken statt lautes Klatschen, so funktioniert das hier. Denn erfahrungsgemäß schlafen immer auch ein paar der ganz kleinen Zuhörer ein – und die sollen ja auf keinen Fall geweckt werden.

Der neun Monate alte Tommy Jade hat es sich zum Beispiel gerade auf dem Bauch seines Papas gemütlich gemacht. Die Ärmchen und Beinchen hat er zu allen Seiten ausgestreckt, der kleine Mund steht etwas offen. Seine Mutter Jana Fridrova genießt die Pause und lauscht „Für Elise“ von Beethoven. Fridrova ist selbst sehr musikalisch, hat früher im Chor gesungen, Altsaxophon, Keyboard und Klarinette gespielt.

Auf der Klarinette habe sie ihrem Sohn auch mal etwas vorgespielt. „Das hat ihm nicht so gefallen“, erzählt sie und lacht. Fridrova ist mit ihrem Sohn schon zum zweiten Mal bei einem Babykonzert. Gerade für die ganz Kleinen gebe es nicht so viele Aktivitäten, sagt sie. Da ist man dankbar für alles, was man unternehmen kann. „Außerdem ist unser Kleiner manchmal schwer zu beruhigen“, erzählt die Mutter über ihren Sohn. Da wollten die Eltern mal testen, wie so ein Live-Konzert mit klassischer Musik wirkt. Und siehe da, es scheint sich auszuzahlen.

Viel Barock und Klassik, aber auch etwas neue Popmusik

Während die einen schlafen, hopsen die anderen von einem auf den anderen Fuß. Dort, wo eigentlich die Jacken über die Theke zur Garderobe gegeben werden, hat die Veranstalterin eine Wickelstation samt Feuchttüchern und Windeln eingerichtet. An den großen Fenstern stehen Eltern, die ihr Baby in der Trage wippen. Auf einer Krabbeldecke macht sich ein Langfinger an der Bäckerstüte einer anderen Familie zu schaffen und präsentiert seiner Mutter stolz das ergaunerte Croissant. Woanders wäre man vielleicht peinlich berührt, hier lächelt man sich nur verständnisvoll zu. Von Eltern zu Eltern.

45 Minuten dauert das Konzert. „Das ist perfekt für Babys, alles andere wäre zu lang“, sagt Saskia Dürr. Die Musik: eine Mischung aus verschiedenen Epochen – viel Barock und Klassik, aber auch etwas neue Popmusik zum Mitsingen. Nicht zu laut, nicht zu leise, Hauptsache fröhlich. „Denn die Stimmung der Musik überträgt sich ganz schnell auf die Babys“, sagt Dürr. Ein Mal da haben sie Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ gespielt. Im Stück wird auch ein Gewitter musikalisch dargestellt. „Alle Babys haben geweint“, erinnert sich die Veranstalterin.

In Kleinen Kursaal in Bad Cannstatt endet das Babykonzert mit Hans Zimmer „He’s a Pirate“ – das Lied, das vermutlich jeder aus dem Film „Fluch der Karibik“ kennt. Winken statt Klatschen: Beim Schlussapplaus sind dann alle so euphorisch, dass diese Regel doch irgendwie vergessen wird und die meisten applaudieren. Zumindest die, die gerade die Hände frei haben und kein Kind tragen, stillen oder wickeln.

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