Bach in Rohracker Naturnaher Bußbach als Hochwasserschutz
Die Renaturierung des Bußbaches könnte zwei Aufgaben erfüllen: einen besseren Hochwasserschutz und mehr Aufenthaltsqualität für Spaziergänger mit einem breiteren Weg.
Die Renaturierung des Bußbaches könnte zwei Aufgaben erfüllen: einen besseren Hochwasserschutz und mehr Aufenthaltsqualität für Spaziergänger mit einem breiteren Weg.
Rohracker. - Die meisten Stuttgarter registrieren die Hedelfinger Neckarzuflüsse nicht. Ob Dürrbach, Katzenbach, Tiefenbach und Bußbach – Spaziergänger kennen die Bäche meist nur als mickrige, im Sommer nur schwach wasserführende Rinnsale. Nach einem Starkregen zeigte der Bußbach im vergangenen Jahr aber ein anderes Gesicht. Von seiner Quelle in Alt-Sillenbuch an flossen Wassermassen ins Tal. In Rohracker schwoll das mickrige Bächlein schnell an, wurde zu einem reißenden Wasserlauf, der über die Ufer trat und gefährlich nahe an die anliegenden Grundstücke reichte. Die Ursache erkennt jeder. Das einst durchs Tal mäandernde Gewässer wurde in eine enge Rinne gezwängt und verdolt. Bei Hochwasser gibt es keine Überschwemmungsflächen, auf denen der Bußbach ausweichen kann.
Was tun? Die von der Stadtverwaltung beauftragten Landschaftsarchitekten Wiedemann + Schweizer schlagen die Renaturierung des Bachunterlaufs vor. Die Landeshauptstadt würde damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: etwas für den Hochwasserschutz und die Ökologie tun sowie einen lange gehegten Wunsch der Bevölkerung erfüllen.
Seit Jahren fordern die Hedelfinger und Rohracker Bezirksbeirätinnen und -beiräte nämlich, dass der schmale Fußweg, der vom Vereinsheim der SportKultur Stuttgart, der einstigen Dürrbachklause, bis zur Fußgängerbrücke oberhalb der Tiefenbach-Einmündung führt, aufgewertet wird. „Es ist der einzige ebenerdige Spazierweg, den die Bewohnerinnen und Bewohner des Emma-Reichle-Heims aber auch die Rohracker Bevölkerung nutzen können“, betont Hedelfingens Bezirksvorsteher Kai Freier.
Während einer Begehung mit dem Behindertenbeauftragten der Stadt machten auch die Stadtseniorenrätinnen auf den schlechten Zustand des Pfades aufmerksam: Der Weg weist etliche Stolperfallen auf und ist zudem sehr schmal. Menschen, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen und eh unsicher zu Fuß sind, oder auch Eltern mit einem Kinderwagen haben Schwierigkeiten, auf dem rund einen Meter breiten Weg zu bleiben – vor allem, wenn andere Fußgänger oder Radfahrer ihnen entgegenkommen. Dank der Renaturierung des Bachlaufes könnten auch der Pfad aufgeweitet und der Uferbereich deutlich attraktiver umgestaltet werden.
In der Januar-Sitzung des Bezirksbeirats stellte Fabian Becker von den Landschaftsarchitekten Wiedemann + Schweizer die ersten Entwürfe vor. Die Landschaftsplaner wollen den Bachquerschnitt deutlich aufweiten und an einigen Stellen die Hänge abflachen. „Der Bach soll mehr Möglichkeiten bekommen, sich kontrolliert auszubreiten“, sagt Becker. Durch Naturblocksteine wird der Böschungsfuß gesichert, der Hangbereich mit Kokosmatten befestigt. Statt der Betonrinne werden Natursteine dem Wasser den Weg weisen und die Fließgeschwindigkeit drosseln. Der Bußbach soll durch die Umgestaltung auch wieder die Möglichkeit bekommen, mehr zu mäandern, sich durchs Tal zu schlängeln und sich vielleicht an einigen Stellen leicht zu stauen. Die Böschungsbereiche würden durch Büsche, Sträucher und die Vegetation geschützt. Gleichzeitig entstünden durch die Abflachung der Ufer neue Habitate und reizvolle Gelegenheiten, um sich auszuruhen, hinzusetzen oder den Bach besser – gerade in Zusammenhang mit dem Aktivspielplatz Dürrbachtal – erleben zu können. Gleichzeitig könnte der Fußweg auf zwei Meter verbreitert werden.
Becker schenkte den Bezirksbeiräten reinen Wein ein: „Die Umgestaltung ist aus topografischen Gründen allerdings nicht einfach.“ Eine weitere Schwierigkeit kommt auf die Stadt hinzu. In einigen Bereichen werden Randstreifen von Grundstücken benötigt, die nicht in städtischer Hand sind. „Die Stadt muss in Grunderwerbsgespräche mit den privaten Eigentümern treten“, sagt Klaus Hoffmann vom Tiefbauamt. Noch in diesem Jahr will die Stadt eine Info-Veranstaltung anbieten. Zudem will die Behörde eine Flussgebietsuntersuchung anstrengen, die alle Hedelfinger Bäche beinhalten. Auf Basis dieser Ergebnisse will das Tiefbauamt dann die entsprechenden Finanzmittel beantragen, um von Mitte des Jahrzehnts an die Renaturierung des oberen Bereichs anzugehen.
Die Bezirksbeiräte machten den Vertretern der Stadt aber auch klar, dass dies nur ein erster Schritt sein könne. Denn der Schutz vor Überschwemmungen müsste auch für den Bußbach-Abschnitt von unterhalb der Dürrbachklause bis auf Höhe des Hedelfinger Waldheims gelten und der Fußweg entlang des Bußbaches eine Fortsetzung erfahren.