Bachakademie Stuttgart Zukunft im Rückwärtsgang

Hans-Christoph Rademann wird Rillings Nachfolger. Foto: StZ
Hans-Christoph Rademann wird Rillings Nachfolger. Foto: StZ

Hans-Christoph Rademann soll 2013 sein Amt antreten. Noch hat er seinen Vertrag nicht unterschrieben. Derzeit ist der Dresdner Chef des Rias-Kammerchors.

Leben: Götz Thieme (göt)
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Stuttgart - Hans-Christoph Rademann soll Nachfolger von Helmuth Rilling als künstlerischer Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart (IBA) werden. Rademann ist Leiter des von ihm 1985 gegründeten Dresdner Kammerchors und seit 2007 Chefdirigent des Rias-Kammerchors. Noch ist der Vertrag nicht unterschrieben, aber seit Ende der vergangenen Woche war klar, dass Rademann der Kandidat der Findungskommission ist. Der 46-Jährige selbst ließ am Freitag gegenüber der Stuttgarter Zeitung durchblicken, dass die Verhandlungen komplex seien. Das Büro von Berthold Leibinger , dem Vorstandsvorsitzenden der Bachakademie und Leiter der Findungskommission, verbreitete die Zuversicht, Anfang des Jahres Abschließendes melden zu können.

Besiegelt ist, dass der Vertrag von Christian Lorenz, dem Intendanten der Bachakademie, nicht verlängert wird ( Stuttgarter Zeitung vom 17. Dezember). Und das ist die wichtigere Nachricht als die Personalie Rademann, bei der sich die meisten uneingeschränkt einig sind, dass der Sachse eine gute Wahl wäre. Etwas anderes als ein erstklassiger Künstler, ein Chordirigent von Format, aufgeschlossen gegenüber historischer Aufführungspraxis und von geradezu biografischem „Geworfensein“ in Johann Sebastian Bachs Geisteswelt – Rademann war Mitglied des Dresdner Kreuzchores – wäre auch gar nicht in Frage gekommen als Nachfolger von Helmuth Rilling. Wenn Rilling im Mai 2013 achtzig wird, soll der Wechsel an der Spitze der Stuttgarter Akademie vollzogen werden.

Der Strippenzieher heißt Leibinger

Der Vorstand hat die Machtkarte gezogen

Der Vertrag von Lorenz endet im Februar 2013. Welchen Weg diese Akademie von da an nimmt, ist zwar offen, aber eine dezidierte Richtungsänderung ist mit seinem Rausschmiss durch den Vorstand vorgenommen worden. Namentlich muss hier Berthold Leibinger genannt werden. Der 81-jähre Unternehmer aus Ditzingen, der mit der nach ihm benannten Stiftung seit 1992 kulturelle, wissenschaftliche, kirchliche und soziale Einrichtungen und Projekte sowie die IBA mit Millionenbeträgen unterstützt, hat die Machtkarte gezogen.

Seltsam ist Leibingers Vorgehen auf jeden Fall, woran es sich orientiert ist offenkundig: dem Wunsch, die Bachakademie als eine Art theologisches Musikinstitut zu bewahren. Rilling-Konzerte mit Bachs h-Moll-Messe oder der Matthäuspassion als musikalische Gottesdienste, in deren Anschluss in die weihevolle Stille gerne mal ein zerknautschtes „Dank, Dank, Dank“ gehaucht wird – daraus etwa speist sich trotz aller gegenteiliger Lippenbekenntnisse das Ideal. Dass das längst an demjenigen vorbei geht, der die lebendige Ursache von allem ist, Helmuth Rilling, haben die Entwicklungen der vergangenen zwölf Monate deutlich gemacht.

Helmuth Rilling ist gekränkt

So wurde Rilling – daran sei noch einmal mit aller Deutlichkeit erinnert: er ist der Gründer der Bachakademie, 1981 rief er sie ins Leben – mit Hilfe eines lächerlichen Verweises auf einen Satzungspassus nicht in die Kommission zur Findung seines Nachfolgers aufgenommen. Der stets moderate Dirigent wird da deutlich: „Das hat mich gekränkt. Ich hätte es für selbstverständlich gehalten, mich da einzubinden.“ Befremdlich muss auf den Beobachter zusätzlich wirken, dass Christian Lorenz, Rillings Mann, demontiert worden ist und damit indirekt Rillings Strategie als künstlersicher Leiter seit dem Amtsantritt des Intendanten Lorenz 2008 diskreditiert worden ist. Dass gerade ein Bessermeinender ein Lebenswerk ignoriert, mag pathetisch formuliert sein – aber staunen darf man wohl, was hier passiert.

Lorenz hat versucht, die Veranstaltungen der IBA zu öffnen, hat das Programm der Akademiekonzerte erweitert und – vor allem – das jährliche Musikfest umgekrempelt. Neue Spielorte und Konzertformen haben erwiesenermaßen neues und jüngeres Publikum angelockt. Gewiss, darunter war für manch eingefleischten IBA-Anhänger Abstruses wie Synchronschwimmen zu Bachmusik im Mineralbad Leuze. Doch hatten Leibinger und die Kollegen im Vorstand damals, als sie sich für Lorenz entschieden, nicht überzeugt, dass er Erfahrung mit Jugendorchestern und jungen Zuhörern vorwies?

Intendant Lorenz hat „vorzügliche Arbeit geleistet“

Helmuth Rilling hat den neuen Kurs loyal unterstützt und gutgeheißen, selbst nachdem jetzt das Ende von Lorenz’ Amtszeit feststeht: „Er ist ein vorzüglicher Mann, der vorzügliche Arbeit leistet.“ Für Rillings ehrliche Überzeugung spricht, dass er sich mit dem langjährigen IBA-Intendanten Andreas Keller überworfen hat, der den Amtsnachfolger kritisiert hatte. Die Freunde, die das Haus gemeinsam großgemacht haben, sprechen seit zwei Jahren kein Wort miteinander.

Veränderungen sind notwendig?

Natürlich hat Rilling auch gefallen, dass Lorenz jüngst die Reise der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegiums nach China eingefädelt hat, es im kommenden Jahr eine Südamerika-Tour gibt sowie Planungen für ein Indien-Gastspiel. Zudem habe Lorenz nach Rillings Angaben weitere Sponsoren gewonnen. Insbesondere die vom Intendanten gesetzten Akzente beim Musikfest unterstützt der 78-Jährige: „Da wurde neues und zukunftsweisendes Interesse bei Kreisen geweckt, die uns früher nicht so geschätzt haben.“ Genau darum wird es verstärkt gehen von 2013 an, in der Nach-Rilling-Ära. Denn die Gläubigen bei musikalischen Hochämtern werden naturgemäß weniger.

Wo sind die Alternativen?

Leibinger, der von vielen gefürchtet wird, da er ein wichtiger Geldgeber der IBA ist, scheint das nicht zu sehen. Ihm soll Lorenz einfach zu wenig christlich gewesen sein, heißt es aus Kreisen der IBA. Doch wie soll eine Alternative aussehen? Schließlich wurde auch in Lorenz’ Amtszeit nicht auf geistliche Musik in den Programmen verzichtet. Leibingers Fundamentalismus scheint selbst Rilling zu irritieren: „Ich bin traurig, dass er den Weg, den ich für richtig halte, nicht für wichtig hält.“

Vor gut einem Jahr klagte Leibinger im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich habe den Eindruck, dass man sich in Deutschland mit Veränderungen schwertut. Die Fähigkeit zur Anpassung an andere Gegebenheiten ist nicht besonders hoch ausgebildet. Veränderungen sind aber immer notwendig.“ An seinen eigenen Worten gemessen: Berthold Leibinger geht gerade, was die Zukunft der Stuttgarter Bachakademie betrifft, in eine andere Richtung.




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