Bachfest in Altdorf Platsch: Warum Bürger in die Würm springen

Große Sprünge machen in Altdorf auch die Kleinen. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Beim seltsamsten Festritual im Landkreis Böblingen hüpfen elf tapfere Altdorfer in die Würm. Was etwas Besonderes mit dem Gemeinschaftsgefühl macht.

Wenn man schon einen Bach im Dorf hat – weshalb nicht ab und zu einmal in ihn hineinspringen? Das sagt man sich in Altdorf. Der Bach ist die Würm. Die Vorstellung, in sie einzutauchen, ist nicht wirklich reizvoll. Aber in Altdorf ist der Bachsprung Ehrensache, seit 45 Jahren schon.

 

Elf Kandidaten stehen am Sonntag bereit. Sie wollen die Würm von innen sehen. Um sie herum wird gefeiert.

Ein Volksfest auf 150 Metern

Der Altdorfer Bachsprung ist Höhepunkt des Altdorfer Bachfestes. Er ist der eigentliche Grund dafür, dass dieses Fest stattfindet. Rund um den Bachsprung verwandelt sich die Bachstrasse auf einer Strecke von rund 150 Metern in ein buntes Volksfest, dieses Mal bei allerschönstem Wetter, mit voll besetzten Garnituren: Menschen, dicht an dicht in ausgelassen sonniger Stimmung. Es gibt Jahrmarktsbuden, Zuckerwatte, alles Drum und Dran.

Das Schöne, Eigentümliche, Besondere am Altdorfer Bachfest, sagt Holger Hornisch, der 1. Vorsitzende des TV Altdorf, sei, dass sich hier Jung und Alt einträchtig zusammengesellten: „Am Samstag haben wir immer ein sehr junges Publikum“ – am Sonntag dann ziehen die Familien aufs Fest. Das Mittagessen, das der Verein anbietet, ist heiß begehrt und fast schon ausverkauft.

Man sitzt, man isst, man plaudert, genießt das Leben – und schaut erwartungsvoll hinüber zum Wehr, als der Zeiger der nachmittäglichen Zwei entgegenrückt, die Stunde des Sprunges gekommen ist.

Badeanzüge, wie sie vor 100 Jahren modisch waren

Heiko Olligschläger und Matthias Elsässer, Jugendleiter im Verein, sind die ersten Kandidaten. Sie sind längst älter schon als 50 Jahre und doch für jeden Unfug gern zu haben, wie es scheint: Mit Strohhut und in langen, rotgestreiften Badeanzügen, die möglicherweise vor 100 Jahren modisch waren, erklettern sie das Wehr, strecken die Arme aus und hüpfen, auf drei, hinab ins schlammig braune Wasser. Der Strohhut schwimmt erstmal alleine weiter, die Springer retten sich mit einer Leiter aus den trüben Fluten. „Grandios, grandios! Zwei Seehunde endlich mal bei uns im Fluss!“, jubelt ihnen der Moderator ihnen zu.

Heiko Olligschläger und Matthias Elsässer klettern aus der Würm. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Dann kommen die Kinder, die Jugendlichen. Sie treten einzeln an. Colin, neun, zieht die Knie an und klatscht ins Wasser. „Das sieht doch schon viel besser aus, als bei den Ü 50ern!“ Es folgt Luna, acht, und ringförmig breiten sich die Wellen aus, wo sie auf die Wasseroberfläche trifft. Nele gilt als routinierte Springerin, breitet die Arme aus, als sie sich der Schwerkraft übergibt, hält sich die Nase zu. Leon ist sieben und Romy, die Jüngste beim Bachsprung 2025, ist gerade fünf Jahre alt, steigt tapfer auf das alte Gerüst, das sich über die Würm spannt, und hüpft tapfer hinab.

Kalt und eklig? Egal!

„Jetzt kommt Paul!“, lautet die Ankündigung, denn Paul, zehn, ist ein geübter Bachspringer. Lilly ist acht, ihr Bruder Matti ist sieben – auch sie meistern den Altdorfer Bachsprung. Felix schließlich, ein junger Bachsprungprofi, ist so cool, dass er mitsamt seiner Badeschlappen in die Würm springt.

Ein Weilchen später sind sie alle wieder trocken. Nele und Felix, beide zwölf, sind froh, den Sprung hinter sich zu haben. Spaß hat er ihnen schon gemacht. „Irgendwie ist es lustig, da reinzuspringen“, sagt Nele, die gar nicht mehr weiß, wie oft sie schon gesprungen ist. Für Felix war es das zweite Mal. Die Würm hat ihnen großen Spaß gemacht – obwohl: „Kalt und eklig ist es schon!“

Erfunden wurde er Altdorfer Bachsprung von Helmut Wendel und Walter Böhringer, die zu sehr später Stunde aus der Krone kamen, einer Gaststätte, die sich einst am Würmufer befand. Die beiden waren guter Dinge und sagten sich: „Warum springen wir nicht einmal in den Bach?“ Sie taten es, und eine Tradition war geboren.

Ein echter Altdorfer – nach dem Bad im Bach

Seither findet das Bachfest samt Bachsprung statt – die Familien Kuhn und Hermann, denen das Gelände an der Würm gehört, stellen es freundlich zur Verfügung, der TV Altdorf baut mit großem Fleiß in jedem Jahr ein hölzernes Überdach auf, die Gemeinde Altdorf hebt noch eine Woche vor dem Sprung das Bachbett gründlich aus. Insgesamt rechnet Holger Hornisch mit rund 4000 Besuchern beim Fest, an zwei Tagen.

Die Blödelei, die Schnapsidee zu später Stunde, gehört längst ganz und gar zu Altdorf – so sehr, diese Geschichte ist unvergessen, dass einst ein betagter Zugezogener auch in die Würm springen musste. „Seine Frau bestand darauf“, erzählt Holger Hornisch. „Sie glaubte, man könne kein echter Altdorfer werden, wenn man nicht im Bach gewesen sei.“

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