Anzeige Bachwoche in Stuttgart Ein Blick hinter die Kulissen

Von gab 

Bei den Vorbereitungen zur Bachwoche entdecken 60 Nachwuchsmusiker aus 24 Nationen den Komponisten Georg Philipp Telemann. Und mehr noch: wie aktuell die historische Aufführungspraxis für junge Menschen heute sein kann.

Das Junge Stuttgarter Bach Ensemble 2019  Foto: IBA/Roberto Bulgrin 10 Bilder
Das Junge Stuttgarter Bach Ensemble 2019 Foto: IBA/Roberto Bulgrin

Schreit er oder schreit er nicht? Der drollige Puttenengel, der von der Decke eines Übe-Zimmers im Kloster Ochsenhausen von der Decke schaut. Gerade beißt ihn ein Krebs mit seiner Schere kräftig in die Hand. Aber das bekommen die jungen Menschen im Saal der barocken Klosteranlage in Ochsenhausen gar nicht mit. Sie sind vertieft in die Musik.

Der kleine Engel und sein frecher Gefährte sind Zaungäste bei der Akademiewoche der Internationalen Bachakademie in Stuttgart. Diese ist seit 2011 eine schöne Tradition – dennoch ist das, was im Vorfeld der Bachwoche in Stuttgart in diesem Jahr stattfindet, in gewisser Weise auch eine Premiere. Erstmals geht es nämlich um die Werke zweier Komponisten im Dialog. Vor allem aber musiziert das Junge Stuttgarter Bach Ensemble auf historischen Instrumenten oder entsprechenden Nachbauten.

Ein Who’s who der Aufführungspraxis

Das Besondere: Das 60-köpfige, internationale Ensemble teilt sich auf in Chor und Orchester, und die Mitglieder sind alle zwischen 18 und 30 Jahre jung. Sie kommen aus 24 verschiedenen Nationen.

Die Liste der Dozenten liest sich wie ein Who’s who im Bereich der historischen Aufführungspraxis: Emma Kirkby, Kai Wessel, James Gilchrist, Peter Kooij, Kathy Saltzman Romey, Stephan Mai, Andreas Helm, Jaroslaw Thiel, Jos van Veldhoven und natürlich Hans-Christoph Rademann. Bei den Podiumsgesprächen und Vorträgen stehen Experten wie Dr. Carsten Lange, der Leiter des Telemann-Zentrums in Magdeburg, Professor Dr. Peter Wollny, der Direktor des Bach-Archivs in Leipzig, oder Professor Dr. Wolfgang Hirschmann von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg auf der Bühne.

„Bach im Dialog mit Telemann“

Natürlich werden während der Akademiewoche die Werke erarbeitet, die dann auch im Rahmen der Bachwoche in Stuttgart aufgeführt werden. Die Teilnehmenden nehmen aber noch eine ganze Menge aus den Meisterkursen mit.

„Bach im Dialog mit Telemann“, das steht 2019 im Zentrum des Interesses. „Telemann ist für mich eine ganz neue Entdeckung“, staunt einer der Meisterkurs-Teilnehmer während der Akademiewoche. Und ein anderer freut sich, dass er mit den Koryphäen für historische Aufführungspraxis arbeitet: „Hier lerne ich ganz neue Möglichkeiten des Verzierens kennen.“ Nicht zuletzt haben die Chormitglieder den Hinweis von Hans-Christoph Rademann verinnerlicht, den Text der aufgeführten Kantaten von Bach und Telemann noch viel mehr zu sprechen. Denn so dürfte es auch zu Lebzeiten von Bach und Telemann gewesen sein.

Schöpferischer Prozess

Bei den Konzerten, die während der Bachwoche vom 14. bis 21. März in Stuttgart stattfinden, präsentieren die Nachwuchstalente, was sie in Ochsenhausen erarbeitet haben. Was aber vielleicht noch viel wichtiger ist: Dadurch, dass die jungen Menschen sich während der Bachwoche intensiv mit der historischen Aufführungspraxis beschäftigen, schließt sich der Kreis zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Die geschichtlichen Hintergründe werden auf schöpferische Weise ins Heute getragen, der Geist des Barocks in die Aktualität transportiert. Unverändert berührend und faszinierend sind die tiefen, menschlichen Gefühle – die Affekte – und die Freiheit bei deren musikalischer Ausdeutung. Das hat vielleicht auch den kleinen Puttenengel von den Schmerzen abgelenkt, die ihm der gemeine Krebs auf dem Deckengemälde im barocken Kloster Ochsenhausen zugefügt hat. Denn gehört haben die jungen Musiker – außer wunderschöner Musik – nichts.

Alle Informationen zur Bachwoche gibt es hier