Wie hat man früher auf der Schwäbischen Alb Weihnachten gefeiert? Gudrun Mangold erzählt im Interview, was unterm Baum lag und welche Rezepte mit wenigen Zutaten funktionierten. Foto: Gudrun Mangold
Gudrun Mangold nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Kindheit auf der rauen Alb. Wo „Machen“ Trumpf war, Bredla schöner klingt als Plätzchen und ein Apfel unterm Baum ein Fest bedeutete.
Warme Socken statt Parfüm: Gudrun Mangold erinnert sich an Weihnachten auf der rauen Alb, wo „Machen“ Trumpf war. Und verrät, warum „Bredla“ schöner klingt als „Plätzchen“
Frau Mangold, wie sagen Sie denn zu Weihnachtsgebäck?
Kommt drauf an, mit wem ich grade rede. Auf der Alb oder im Gespräch mit Leuten aus Württemberg insgesamt sage ich „Bredla“. In meinem Wohnort Heidelberg, wo mein Großvater herstammte, der mir von klein auf zur Zweisprachigkeit verhalf, also Älblerisch und Kurpfälzisch, sage ich „Gutsl“. Das Wort „Plätzchen“ will mir allerdings nicht über die Lippen. Das ist wahrscheinlich ungerecht, denn das Hochdeutsche hat ja auch seine Berechtigung. Trotzdem – Dialekt ist einfach schöner. Ganz besonders, was das Weihnachtsgebäck betrifft. Deshalb rede ich lieber von der „Bredlesbachete“ und gebacken werden unter anderem „Sprengrla“, „Spitzbuaba“ und „Zemat-Steara“.
Gudrun Mangold Foto: Philipp Rothe
Wie hat man denn früher auf der rauen Alb Weihnachten gefeiert?
Also, einfach einen Tag vor Heiligabend schnell noch ein Parfümfläschle kaufen, das ging nicht. Erstens hatten die meisten sowieso kein Geld. Zweitens gab es auf dem Land oft weit und breit keinen Laden, in dem man so etwas hätte erstehen können. Aber kaufen war sowieso nicht angesagt. Es ging vielmehr ums „Machen“. Sobald die Arbeit auf dem Feld getan war und es kälter wurde, saßen die Frauen und Mädchen jeden Abend in der Lichtstube zusammen und spannen, stickten, strickten. Es wurden nicht nur neue Sachen hergestellt. Alte, löchrige Wollpullis der Männer zog man wieder auf, von den so erhaltenen Wollfäden, grade wenn sie wegen der Löcher kurz waren, strickte man dann bunte Ringelpullis für die Kinder. Und warme Socken waren auf der eiskalten Alb absolut kein Verlegenheitsgeschenk, sondern bei allen sehr begehrt. Die Männer hingegen machten ihren Kindern Schlitten oder Skier aus Fassdauben oder stellten ein selbst geschreinertes Holzzügle unter den Christbaum. Die Mädchen bekamen vielleicht ein paar Möbelchen für ihre Puppenstube. Das war alles vor der so genannten Wirtschaftswunderzeit.
Wie war es, als die Leute kaum etwas hatten, das sie unter den Christbaum legen konnten?
Wen man auch fragt – einhellig heißt es, früher sei das Fest so viel schöner gewesen. Manches Kind erhielt nur einen Apfel, vielleicht sogar eine Orange, ein Teller voller Bredla stand auf dem Tisch – an Wertschätzung brauchte man damals niemand erinnern, sie war selbstverständlich. Vor allem aber ging es nicht in erster Linie um die Geschenke, sondern um eine ganz besondere Zeit. Es war alles anders als sonst. Immens wichtig war, dass die ganze Familie zusammenkam. Vor den Feiertagen hatte man geschlachtet. Also hatte man ausnahmsweise auch einmal genügend Fleisch und Würste. Auch das erste Mostfass mit dem heurigen Apfel- und Birnenwein wurde zu Heiligabend angestochen. Die Kinder erhielten jetzt ihr Spielzeug, das ansonsten das ganze Jahr auf dem Dachboden verstaut war. Die empfindliche Puppe, der Kaufladen mit den kleinen Schubladen, für die man sich ein paar Erbsen oder Linsen erbat. Die kleine Eisenbahn ... Und man machte Besuche bei Verwandten in den umliegenden Dörfern. Weil es jetzt in jedem Haus den frischen Most gab, der überall anders schmeckte, sagte man, man begebe sich an den Feiertagen auf „Mostreise“.
Eine kleine Weihnachtsgeschichte von Gudrun Mangold. Foto: GM
Womit hat man den Bredlesteller gefüllt, wenn schon Zutaten wie Eier, zumal im Winter, Mangelware waren?
Man begann mit den Weihnachtsvorbereitungen eben bereits im August. Etwa zur Zeit der Getreideernte reiften auch die damals an Ackerrainen wachsenden „Reamala“, kleine, süße Birnen, die man trocknete und aus denen man die allerbesten Hutzla machen konnte und somit auch das wunderbare „Hutzlabrot“. Sobald die Hagebutten reif waren, sammelte man auch die, um das köstliche „Häga-Mark“ herzustellen. Ebenso machte man sich auf die Suche nach Nüssen und Bucheckern. Die wurden vorsichtig auf den Teig gedrückt der vogelförmigen „Ausstacherla“ – so erhielt das „Vegala“ ein Auge.
Welches sind die beliebtesten Rezepte, die heute noch gebacken werden?
Leider gibt es nicht mehr viele Häuser, in denen im Spätsommer noch Birnen oder auch Zwetschgen getrocknet werden fürs Hutzlabrot an Weihnachten. Die Tradition der „Bredla“ hat sich besser erhalten. Klar, die Hauptzutaten Mehl, Butter, Eier und Zucker, aber auch Nüsse, Mandeln oder Schokolade kauft man heute ganz einfach. Somit haben „Vanill-Bredla“ oder „Bärentatze“ weiterhin Saison. Für die „Spitzbuben“, eine Art Doppelkekse, nimmt man heute gerne irgendeine Marmelade, sei es Johannisbeer oder Himbeer oder Aprikose, Und das alles schmeckt ja auch sehr gut. Aber wenn früher das selbstgemachte „Hägamark“ aus dem mit einem Fingerhut ausgestochenen Guckloch aus den „Spitzbuben“ leuchtete, war das doch eine andere Klasse. Man könnte sagen, das war 3-Sterne-Bäckerei – obwohl oder grade, weil sie ohne Geld auskommen musste.
Und welche dürfen bei Ihnen nicht fehlen?
Schusters Kinder haben die schlechtesten Schuhe an! Viele Sorten gibt es nicht. Aber wenn es irgend geht, müssen es die „Spitzbube“ sein, gefüllt mit selbst gemachtem „Gsälz“, am liebsten aus Quitten.
Zur Person Gudrun Mangold ist Autorin und Filmemacherin mit Schwerpunkt auf der regionalen Kulturgeschichte Süddeutschlands. Als Tochter des Obstbaupioniers Helmut Palmer vermittelt sie zudem den Palmer-Schnitt im Streuobstbau in verständlicher Form. Sie ist die Halbschwester von Boris Palmer. Zu ihren Veröffentlichungen gehören der SWR-Dokumentarfilm „Laichinger Leinenweber“ sowie mehrere Bücher, darunter „Hunger ist der beste Koch“, „Trollinger & Co“, „Der originale Palmer-Schnitt“ und eben „‚s Christkendle uff dr Alb – eine kleine Weihnachtsgeschichte – mit Originalrezepten“. Weitere Informationen online unter: www.gudrunmangold.de