Backes und Elstner in der Liederhalle Talkmeister unter sich

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Wenn zwei, die was vom Sprechen verstehen, sich treffen, dann kann das durchaus heiter werden: Frank Elstner hat im Abschiedsreigen vom „Nachtcafé“ Wieland Backes befragt – und es wurde geredet, geredet, geredet.

Profis: Frank Elstner lässt Wieland Backes (re.)  in der Liederhalle den Vortritt. Foto: Horst Rudel
Profis: Frank Elstner lässt Wieland Backes (re.) in der Liederhalle den Vortritt. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Wieland Backes fühlt sich bedroht. Von 1200 Augen, die ihn anstarren. Abschirmende und das Publikum ausblendende Kameras schenken ihm jetzt keine Sicherheit. Kokett ist er also aufgelegt der Altmeister des Talks. Denn wie er später am Abend selbst zugeben wird, besitzt er ein „heimliches Selbstbewusstsein“. Das bleibt dem Zuschauer aber nicht verborgen. 600 Zuschauer sitzen ihm am Mittwoch „markant nahe“ im Mozartsaal der Liederhalle gegenüber, sind bereit, wollen mitgenommen werden auf eine Tour de Backes, ins Labyrinth der Erinnerungen eines Mannes, der fast eins geworden ist mit seinem Beruf, seiner Sendung, dem „Nachtcafé“.

Die Rolle des Lotsen spielt das TV-Ur­gestein Frank Elstner, der gleich zu Beginn die Richtung vorgibt: „Als ich Backes zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, sagte ich zu meiner Frau, ‚stell Dir vor, dieser Sender stellt Psychiater ein!’“, erzählt Elstner, um gleich darauf festzuhalten, dass er Zitate gar nicht mag – obwohl er hier auch Backes’ neues Zitatebuch vorstellen soll.

Und so begeben sich die beiden, die über sich nicht lesen wollen, dass „zwei eitle Dinos sich gegenseitig beweihräuchern“, gemeinsam auf Backes’ Lebensweg. Ganz der galante Profi lässt Elstner dem Jüngeren stets den Vortritt, lässt sich geduldig bei den Fragen unterbrechen und wirft seinem Nebenmann auch mal Stöckchen in den Weg, über die Backes – eben auch der Profi – mit großen Schritten hinweggeht. So ein Buch (Backes’ Zitatebuch) würde bei ihm auf dem Klo liegen, provoziert Elstner. Anderer Satz: „Ich bin bei Ihrer Sendung schon eingeschlafen.“

Wie Waldorf und Statler

Wäre es nicht ein wenig uncharmant, könnte man sagen, dass die beiden manchmal wie Waldorf und Statler bei den Muppets brummelig und schelmisch, aber nie albern in Backes’ Vergangenheit umherstreifen. Die unerwartetsten Wendungen sind die Abstecher in Backes’ Privatleben, das er sonst so bedeckt hält. Wie er als Nachzügler einer Flüchtlingsfamilie mit fünf Söhnen doch noch das Licht der Welt erblickte, obwohl ein Militärarzt seiner schwangeren Mutter anbot: „Das können wir auch anders lösen“, worauf diese nur sagte: „Es bleibt“. Wie er überhaupt von seiner Mutter als seinem Felsen schwärmt und von seinem Vater, der zu ihm einmal sagte: „Die Sendung, die behältst du, das ist dein Ding.“ An dieser Stelle kann Elstner es sich nicht verkneifen zu bemerken: „Wenn ich so einen Vater gehabt hätte, würde ich heute noch ‚Wetten, dass..?’ moderieren.“

Weiter geht es auf der Tour de Backes zu seiner Karriere beim SWR, wie aus dem Gymnasiallehrer für Chemie und in spe doch ein Fernsehmensch wurde, der beim Sender anfangs zu kämpfen hatte – auch mit seinem Ruf als Revoluzzer. Ein Redakteur sei in einer Besprechung einmal auf­gestanden, habe mit dem Finger auf ihn gezeigt und gesagt: „Geben Sie zu, dass Sie Marxist sind!“ Was er daraufhin gemacht habe, will Elstner wissen. Backes: „Ich habe im Lexikon nachgeschlagen.“

Pausen legen die beiden bei ihrem Gedankenausflug auch ein, dann rezitieren Nachwuchsmoderatoren aus der Backes-Schmiede Zitate und die Talkmeister studieren ihre Kärtchen, damit sie wissen, wo es noch hingehen soll an diesem Abend und hinter welcher Ecke vielleicht noch ein Späßchen lauern könnte.

Im Klartext heißt das „Jein“

Am Ende sitzen sie da und schauen zurück auf Nachtcafé-Gäste wie Dietmar Schönherr, den früheren Generalbundesanwalt Kurt Rebmann und den RAF-Anwalt Klaus Croissant, und Backes liest aus seinem Buch voller Nachtcafé-Erinnerungen von 2009 die Anekdote um Dieter Wedels Abgang vor, die ist ja „alt­bekannt“, sagt Backes. Doch Backes wäre nicht Backes, würde er nicht nachschieben: „Aber die wird ja immer wieder gern gehört.“ Auf die Frage nach unbeliebten Gästen hält er sich bedeckt, nur den Schriftsteller Akif Pirinçci nennt er. Den habe man ob seiner radikalen Ansichten tatsächlich nicht einladen wollen.

Bei der so ziemlich letzten Frage – ob Backes etwas im Leben falsch gemacht habe – gibt der eine für ihn so typische Antwort: „Ich lebe heute konsequenter so, wie ich will.“ Im Klartext: jein.

Ganz zum Schluss lockt der Geehrte, der sich im Mittelpunkt sichtlich wohl fühlt – „ich wirke immer nur bescheiden“ – die Zuschauer noch kurz auf ein falsche Fährte: „Jetzt gebe ich mein Privatleben preis“, sagt er lockend und grinsend und liest dann einen Text vor mit dem Titel „Meine ständige Begleiterin“. Es geht – wie kann es bei einem Arbeitstier wie Backes anders sein – um seine Arbeitsplatte, der er originell, maßvoll und bis in jede Ecke huldigt, mit einer Stimme, der man zuhören muss.

Endpunkt der ergötzlichen Reise kann an so einem Abend natürlich nur ein Zitat sein. „Das bitte ich nicht auf mich zu münzen“, schickt Backes voraus, „das wäre ein Ausbund an Arroganz.“ Ausgewählt als Schlusswort hat er folgendes: „Man muss nicht unbedingt dabei sein, wenn man unsterblich wird.“ Nachdem sie mit ihm durch den Abend gegangen sind, verabschieden sich seine Gäste mit Standing Ovations für Wieland Backes.




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