Émilie Bovigny (links) und Florian, alias Didi Divalicious, haben Spaß am Backen und vermitteln das in Kursen, zum Beispiel bei der Volkshochschule. Foto: Gottfried Stoppel
Émilie Bovigny ist 23, Innenarchitektin und in Paris geschulte Pâtissière. In der Freizeit weiht sie andere in die Kunst der Feinbäckerei ein, bisweilen mit Hilfe der Dragqueen Didi.
Annette Clauß
16.04.2026 - 17:00 Uhr
Gleich nach ihrem Abitur, das sie mit 17 Jahren ablegte, hat sich Émilie Bovigny einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Die in Korb (Rems-Murr-Kreis) aufgewachsene junge Frau ging nach Paris, um dort an der renommierten und traditionsreichen Hochschule für Kulinarik Ferrandi eine Ausbildung zur Pâtissière zu machen. Die hat sie mit Bravour bestanden.
Beste Voraussetzungen, um andere in die hohe Kunst der französischen Feinbäckerei einzuweisen. Das tut Émilie Bovigny auch. In Kursen an der Volkshochschule Unteres Remstal und der Volkshochschule Stuttgart zeigt sie, wie man fluffige Brioche und knusprige Croissants macht, worauf bei der Herstellung von Éclairs und Tarte Tatin zu achten ist und wie „die Diva der französischen Pâtisserie“, das Baisergebäck Macaron, gelingt.
Recht neu im Programm ist ein queerer, veganer Backkurs, der ebenfalls gut ankommt und sogar Teilnehmende von außerhalb der Region Stuttgart anzieht. Warum dieses Angebot? „Es braucht einfach mehr Events für die Community“, sagt Émilie Bovigny und betont, dass im Kurs auch nicht-queere Menschen herzlich willkommen sind. „Der Kurs ist ein Regenbogen-Backkurs und einfach für jeden und jede gedacht, der kommen möchte.“
In den Backkursen verrät die Expertin Tipps und Tricks und zeigt, wie das Baisergebäck Macarons hergestellt wird. Foto: Alicia Hoffmann (cf)
Bei diesem Kurs hat die junge Pâtissière die Unterstützung eines speziellen Helfers, der Glanz und Glamour in die Küche bringt. Florian aus Stuttgart hat sich in den vergangenen Jahren als Dragqueen „Didi Divalicious“ einen Namen in der Szene gemacht – unter anderem ist er einer der Gastgeber des „Drag Bingo“, das monatlich im Lokal Oscho in Stuttgart stattfindet und Junge, Alte, queere und nicht-queere Menschen zusammenbringt.
Backkurs trifft Dragqueen: Tanz zwischen Küchengeräten
Didi Divalicious und Émilie Bovigny mit Leckereien aus dem veganen Backkurs, der von Edeka Petermann in Korb gesponsert wurde. Foto: Alicia Hoffmann cf
„Gerade die Tatsache, dass ein Backkurs und eine Dragqueen auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, hat mir gefallen“, sagt Florian, der selbst gerne backt. Beim Kurs sorgt er mit zwei Showeinlagen für Stimmung: im pinkfarbenen Outfit „American Housewife“, ausgestattet mit Nudelholz und einer Spritztülle als Mikrofon, tanzt er zwischen den Küchengeräten und findet es klasse, dass er seine langjährige Erfahrung in Jazz- und Showdance sowie Hiphop einbringen kann. Die Transformation von Florian in Didi Divalicious dauere jedes Mal mindestens zwei bis drei Stunden, sagt der 27-Jährige, der um die 20 Perücken besitzt.
Émilie Bovignys Passion ist seit jeher das Backen. Ihr Motto: „Je ausgefallener desto besser.“ Schon als Teenie stand sie oft bis in die Nacht hinein in der Küche, hat Rezepte wieder und wieder probiert: „Irgendwann klappt es dann.“ Trotzdem wollte sie nach Paris und bei Ferrandi alles von Grund auf lernen. Während des Auswahlverfahrens reiste sie mehrmals nach Paris, führte Vorstellungsgespräche und reichte Mappen mit Arbeitsproben ein – mit Erfolg.
„Ein Jahr voller Herausforderungen und Chancen in Paris“
„Sie haben gemerkt, dass ich richtig Lust habe“, sagt Émilie Bovigny, die direkt nach dem Abitur und mitten in der Coronazeit nach Paris ging. Die einzige Unterkunft, die sie fand, war ein kleines Zimmer in einem Kloster. Dank ihres Abiturs konnte sie die dreijährige Ausbildungszeit auf zwei Jahre verkürzen. Wegen Corona wurde aus zwei Jahren eines – „eines, das es in sich hatte“. Schließlich absolvierte die 17-Jährige während der Zeit auch drei Praktika bei bekannten Pariser Pâtisserien.
Ein echter Kraftakt, wie sich schnell zeigte. „Ich hatte es mir sehr romantisch vorgestellt, es war aber nicht so“, erzählt Émilie Bovigny. Die Pâtisserie ist ein von Männern dominierter Beruf, der Umgangston ist rau. Die Zutaten, etwa 25-Kilo-Säcke mit Zucker oder Mehl, musste die junge Frau selbst aus dem Keller in die Backstube tragen. Die Zubereitung ist kräftezehrend und geschieht in großen, schweren Behältern. Auch die Wechsel zwischen Backstube und Kältekammer waren nicht ohne. „Ich war oft krank. Es war ein heftiges Jahr, eine echte Herausforderung. Aber trotzdem war es wunderschön und ich konnte meine Persönlichkeit entwickeln.“
„Hol den Hühnerarsch“: Sprachbarrieren in der Pâtisserie
Selbst beim Vokabular lernte Émilie Bovigny, die zweisprachig aufgewachsen ist, dazu. „Ich dachte, ich kann Französisch, aber dann stand ich am ersten Tag in der Küche und jemand sagte zu mir ,Hol den Hühnerarsch’, da war ich ratlos.“ Inzwischen weiß Émilie Bovigny, dass ein „Cul-de-poule“ eine halbkugelförmige Rührschüssel mit abgerundetem Boden ist und die rötliche Variante aus Kupfer auch als „Affenarsch“ bezeichnet wird.
Besonders gut gefallen hat ihr das Praktikum bei Stohrer, der ältesten noch existierenden Pâtisserie in Paris aus dem Jahr 1730. „Die haben es drauf und dort herrscht auch eine tolle Stimmung.“ Ihren ursprünglichen Plan, als Pâtissière in Paris zu arbeiten, hat Émilie Bovigny nach der Ausbildung nicht weiter verfolgt. Sie studierte Innenarchitektur und arbeitet nun in diesem Beruf. „Ich wollte, dass die Pâtisserie mein Hobby bleibt.“
Mehrere Backkurse
Termine Bei der VHS Stuttgart gibt es für 49 Euro Kurse zu Éclairs und Réligieuses (2. Mai), Macarons (26. April), Tarte Tatin (31. Mai) und Tartelettes au Citron (12. Juli).
Vegan Ein queerer, veganer Backkurs findet am 14. Juni bei der VHS Unteres Remstal statt. Er kostet 44 Euro.