Beim erstes Speed-Dating für Schüler, die kurzfristig noch eine Lehrstelle suchen, treffen sich mehrere hundert Jugendliche und etwa drei Dutzend Arbeitgeber. Im Landkreis sind noch viele offene Ausbildungsplätze gemeldet.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Backnang - Donnerstagvormittag, kurz vor zehn Uhr: beim Backnanger Bürgerhaus stehen ein paar Dutzend Jugendliche, die zum Speed-Dating gehen möchten. Semin, Pascal und Tolga können sich aber noch nicht durchringen, die gute Stube der Murrstadt wirklich zu betreten. Sie sind unsicher, was drinnen abgeht. Den anderen geht es wohl ähnlich. Alle beenden demnächst die Schule. Wie die drei Kumpels suchen sie noch für diesen September einen Ausbildungsplatz. Semin würde gerne Maler oder Lackierer werden. Pascal liebäugelt mit Kfz-Mechatroniker, und Tolga will „irgendwas mit Metall machen“.

 

Die Fachkräfteallianz für dem Rems-Murr-Kreis (Fair) hat zum ersten Speed-Dating für Auszubildende und Arbeitgeber eingeladen. Das Prinzip der Veranstaltung ist denkbar einfach: Im Bürgerzentrum haben rund drei Dutzend Arbeitgeber Tische und Stühle aufgestellt. Im Zehn-Minuten-Takt wechseln die rund 400 Schüler von Tisch zu Tisch. Sobald ein Gong ertönt heißt es: der nächste bitte.

Zwei junge Damen sind schnell zufrieden

Gegen 10.30 Uhr haben sich auch Semin, Pascal und Tolga ins Bürgerhaus gewagt. Ein Berater preist Tolga die Vorzüge des Lehrberufs Fachkraft für die Abwasserwirtschaft an – offenbar nicht der attraktivste Job. „Alle Städte haben noch freie Ausbildungsplätze in diesem Bereich“. Tolga guckt ein bisschen skeptisch.

Zwei junge Damen indes beenden ihren Besuch der Masse bereits. Alexandra, sie will Bürokauffrau werden, und ihre Freundin Juliana, die Einzelhandelskauffrau lernen möchte, haben ihre Bewerbungsmappen schon an den Mann beziehungsweise an die Frau gebracht. Die Firmenvertreter hätten signalisiert, dass sie sich melden wollten. Zufrieden ziehen die beiden ab.

Claus Paal von der IHK spricht von „Leerstellen“

Der Präsident der IHK-Bezirkskammer, Claus Paal, spricht mit Blick auf den Arbeitsmarkt mittlerweile von einem „Leerstellenmarkt“. In nahezu allen Bereichen gebe es noch offene Lehrstellen, selbst für Kfz-Mechatronik. Auch Pascal könnte also noch zum Zuge kommen. Die Jugendlichen, die jetzt noch keinen Ausbildungsplatz hätten, könnten beim Speed-Dating „durch ihre Persönlichkeit überzeugen“, sagt Paal. An diesem Tag gehe es nicht in erster Linie um gute Schulnoten. Der Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper zitiert in seinem Grußwort den Gründer des Christlichen Jugenddorfwerks, Arnold Dannenmann: „Keiner darf verloren gehen.“ Diese Motte gelte auch für das Speed-Dating .

Die Leiterin des staatlichen Schulamts in Backnang, Sabine Hagenmüller-Gehring, bescheinigt allen an der Veranstaltung Beteiligten Kreativität, Mut und Offenheit. Manche Schüler müssen in der Tat allen Mut zusammen nehmen. Während Tolga sich immer noch in einiger Entfernung von den Tischen der Personalleiter herumdrückt, gehen Jannis und Jens auf die potenziellen Arbeitgeber zu. Jannis würde gerne Schreiner werden, Jens Kaufmann.

Alle wollen Kaufmann werden

Ja ja, Kaufmann. Alle wollen sie Kaufmann werden. Gertrud Ritter von den Stadtwerken Schorndorf tut sich indes schwer, ihre beiden Lehrstellen anzupreisen. Wer will schon Fachangestellter für Bäderbetriebe oder Fachkraft für Wasserversorgungstechnik werden? Gleich nebenan sitzt Martin Windmüller vom Backnanger Bettenhaus Windmüller. Er kann sich vor Anfragen kaum retten, sucht indes gar nicht unbedingt einen weiteren Azubi. „Aber wenn eine Perle dabei ist“, dann will er sich die Sache noch mal überlegen. Vom 15-jährigen Marvin jedenfalls ist er nicht ganz überzeugt. Dieser müsse mehr für seine Allgemeinbildung tun, sagt Windmüller. Am Ende des Datings hat auch Tolga sich informiert, und selbst Ritter ein paar gute Gespräche geführt.

Es gibt noch viele nicht besetzte Lehrstellen

Fair
Die IHK, die Handwerkskammer, die Arbeitsagentur und der Verband Südwestmetall haben sich zur Fair zusammengeschlossene, der Fachkräfteallianz im Landkreis. Claus Paal von der IHK sagt: „Der Arbeitsmarkt braucht Akademiker, aber noch höher ist die Nachfrage nach Fachkräften, die unsere duale Ausbildung durchlaufen.“

Lehrstellen
Laut der Auskunft der Arbeitsagentur seien von den knapp 2100 Lehrstellen, die ihr zur Vermittlung angeboten worden seien, Ende Mai noch etwa die Hälfte nicht beziehungsweise nicht endgültig besetzt gewesen. Knapp die Hälfte der 2500 Interessenten, die eine Lehrstelle suchten, hätte bis dahin auch noch keine feste Zusage gehabt.

Beratung
Beim Speed-Dating konnten die Schüler Bewerbungsfotos machen lassen und ihre Unterlagen wurden geprüft. Am Donnerstag, 4. Juli, findet im Berufsinformationszentrum in Waiblingen zudem die Veranstaltung „Fit für den Ausbildungsplatz?“ statt. Wer teilnehmen will, muss sich anmelden, 0 71 51/9 59 15 56.