Backnang Faszination Großkaliber

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Der Büchsenmacher Ralf Merkle will Journalisten aus ganz Deutschland von seinem Sport überzeugen. Doch die zeigen bisher wenig Interesse.

Ralf Merkle feilt an einer neuen Waffe. Foto: Gottfried Stoppel
Ralf Merkle feilt an einer neuen Waffe. Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Beruflich hat er eigentlich nie etwas anderes werden wollen als Büchsenmacher – abgesehen von Tennis- und Skilehrer vielleicht. Doch weil schon sein Großvater Wilhelm Merkle Messerschmiedemeister war und dessen Sohn Willi den 1925 in Backnang gegründeten handwerklichen Betrieb einst im Sinne seines Vaters weiterführte, fügte sich auch der Enkel, Ralf Merkle, und lernte zunächst die Kunst des Messerschmiedens. Kurz nach der Vernunftlehre aber machte sich der junge Mann, der schon als Jugendlicher leidenschaftlich gern mit dem Vater zur Jagd gegangen war, auf nach Ferlach in Österreich, dem Mekka der traditionellen Handwaffenherstellerzunft. Dort und später in Weinheim erlernte er das spezielle Handwerk und begab sich danach auf Wanderschaft, um von erfahrenen Büchsenmachern noch mehr zu lernen.

Heute ist Ralf Merkle, inzwischen 48-jährig, selbst ein anerkannter Experte in der Waffenmacherbranche. Zwar führt er in dem elterlichen Betrieb, den er vor 22 Jahren übernahm, nach wie vor auch klassische Messerschmiedeprodukte, der Schwerpunkt aber liegt auf der Herstellung, der Wartung und dem Verkauf von Jagd- und Sportwaffen. Seine „ganze Leidenschaft“ indes gilt, wie er dies auch auf seiner Internetseite öffentlich macht, „dem Schießen von 1500 und IPSC“.

Das Schießen nach Regeln der International Practical Shooting Confederation, so beschreibt es das Internetlexikon Wikipedia, ist ein „sportliches Bewegungsschießen, bei dem sich der Schütze mit einer geladenen Waffe im Raum bewegt und nach einem vorgegebenen Parcoursaufbau Schüsse abgibt“. Geschossen wird mit einem Kaliber von mindestens neun Millimetern. Das ist spätestens nach dem verheerenden Amoklauf von Winnenden, bei dem ein 17-Jähriger mit der Sportwaffe seines Vaters ein Blutbad anrichtete, kein Thema, mit dem man Werbung machen kann. Doch genau das will Ralf Merkle zusammen mit seiner Frau Sylvia tun. Die beiden haben Journalisten aus ganz Deutschland zu einem Tag auf der Schießsportanlage des Bunds Deutscher Schützen (BDS) nach Philipsburg eingeladen – um sie von der „Faszination Groß­kaliberschießsport“ und der „Faszination Waffen & Technik“ zu überzeugen.

Eines vorweg, sagt Sylvia Merkle, bei einem Gespräch mit unserer Zeitung, in dem sie sich auf verbale Argumente für den Gebrauch von Sportwaffen beschränken muss. Sie könne die Reaktionen der Eltern, die ihre Kinder bei dem Amoklauf verloren haben, absolut verstehen, auch wenn sie diese inhaltlich nicht für zielführend hält. „Wäre eines unserer Kinder etwa von einem älteren Menschen überfahren worden, wäre ich wahrscheinlich die Erste, die ein Führerscheinverbot für Rentner fordern würde.“ Und noch eine Vorbemerkung fügt ihr Mann Ralf an: „Es geht mit unserer Aktion nicht um ein kommerzielles Interesse. Ich habe zwei Berufe erlernt, ich kann auch etwas ganz anderes machen.“ Es gehe darum, einen zuletzt immer stärker spürbaren Trend gegen den Schießsport zu stoppen.

Schützenvereine hätten eine jahrhundertealte Tradition, sagt Ralf Merkle. „Früher war wie selbstverständlich der Bürgermeister Mitglied im Schützenverein.“ Auch heute komme man beim Schießen mit honorigen Menschen zusammen. Pfarrer, Schulrektoren, das ganze reale Leben bilde sich auf dem Schießstand ab. Dort gehe es darum, auf einer Pappscheibe möglichst genau in die Mitte zu treffen – um nichts anderes, sagt Merkle. „Die Schützenvereine haben schon immer Millionen von Mitgliedern gehabt, und heute sollen sie alle potenzielle Mörder sein?“ Er sei ein Friedens- und Gerechtigkeitsfanatiker, sagt Merkle über sich selbst. „Ich höre Hannes Wader und Konstantin Wecker – und gehe trotzdem gern schießen.“ Ihn fasziniere, wie die meisten seiner Mitschützen, die Technik, ähnlich etwa wie einen Uhrenliebhaber ein fein aufeinander abgestimmtes Räderwerk.

Warum dann nicht Uhren? „Das ist nicht vergleichbar, da fehlt der Wettkampf“, sagt Merkle. Auch ein elektronisches Zielspiel hat für ihn nichts mit Schießsport zu tun. Zum einen fielen dabei Einflüsse weg, die den Schießsport so reizvoll machten: Wind, Wetter, Ballistik, „das ganze Tuning eben“, wie Merkle erklärt. Ein ernsthafter Sportschütze gehe nicht nur auf die Schießbahn, er beschäftige sich immer wieder stundenlang damit, die Patrone auf das Gewicht abzustimmen, an Visier, Griff oder Balance zu feilen. Er selbst mache zudem fast täglich Trockentraining, arbeite an der Atemtechnik und der Muskulatur. Deshalb, sagt der Mann, der schon für das Nationalteam geschossen hat, sei für ihn wichtig, sein Sportgerät stets griffbereit zu haben. Unabhängig davon sei eine zentrale Aufbewahrung in den Schützenhäusern, wie sie von manchen gefordert werde, auch viel gefährlicher. „Die liegen meist abgelegen an einem Waldrand. Sie wären ein leichtes und lohnendes Ziel für Profibanden.“ Biathleten trainierten das halbe Jahr über daheim mit ihren Sportgeräten. Über diese rege sich niemand auf, weil der Sport gesellschaftlich akzeptiert sei und medial gut in Szene gesetzt werde.




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