Der Wahlkreis Backnang/Gmünd wird erstmals von drei politischen Lagern im Bundestag vertreten. CDU, AfD und Grüne schicken je einen Abgeordneten. Aber ist das ein Gewinn für die Region?

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Die Bundestagswahl im Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd bringt Bestätigung und Brüche: Inge Gräßle (CDU) verteidigt ihr Direktmandat mit deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegenden 36,6 Prozent der Erststimmen, doch die AfD ist der große Gewinner. In sieben Gemeinden ist sie inzwischen die stärkste Kraft.

 

Seit der Gründung des Wahlkreises im Jahr 1965 dominiert die CDU das Direktmandat – so auch dieses Mal. Doch ein Selbstläufer war es nicht. Inge Gräßle, die bereits 2021 erfolgreich antrat, konnte ihr Ergebnis um fast sechs Prozentpunkte steigern. Besonders stark schnitt sie im Ostalbkreis ab, mit 47,5 Prozent in Heuchlingen als Spitzenwert. Im Backnanger Raum lag ihre Höchstmarke bei 39,5 Prozent in Auenwald.

Neben Gräßle ziehen zwei weitere Abgeordnete aus dem Wahlkreis in den Bundestag ein: Ruben Rupp (AfD) – Wahlmotto: „Sicherheit durch konsequente Remigration“ – sicherte sich mit 23,4 Prozent das zweitbeste Erststimmenergebnis und zieht über die Landesliste in den Bundestag ein. Ricarda Lang (Grüne), bis Herbst vergangenen Jahres die Vorsitzende ihrer Partei, erreichte nur 10,7 Prozent – ein Rückgang gegenüber 2021, als sie allerdings auch nur eher bescheidene 11,5 Prozent holte. Ihr Mandat ist dennoch durch Platz zwei auf der Landesliste gesichert. Die eigentliche Zäsur dieser Wahl: Die AfD verfestigt ihre Position. In sieben Gemeinden, darunter Spiegelberg (35,6 Prozent), Großerlach (35,4) und Althütte (31,0), wurde sie zur stärksten Kraft. Mit 23,3 Prozent der Zweitstimmen liegt sie weit über ihrem Bundesergebnis und mehr als doppelt so hoch wie vor vier Jahren (damals 11,8 Prozent). Ruben Rupp profitierte von dieser Entwicklung und erzielte in manchen Gemeinden sogar höhere Werte als Gräßle.

AfD verfestigt ihre Position

Die CDU legt zwar bei den Zweitstimmen um 6,7 Prozentpunkte auf 32,7 Prozent zu, bleibt jedoch weit hinter früheren Ergebnissen zurück. 2013 hatte sie hier noch 48,4 Prozent geholt. Die SPD erleidet mit 13,8 Prozent einen massiven Einbruch. 2021 waren es noch 21,7 Prozent. Auch die Grünen verlieren leicht und kommen auf 10,7 Prozent.

Besonders dramatisch ist der Absturz der FDP: Die Liberalen fallen von 15,9 auf 5,4 Prozent – ein Verlust von fast zwei Dritteln ihrer Wählerschaft. Die Linke hingegen kann sich leicht verbessern und verdoppelt ihr Ergebnis auf 5,8 Prozent, bleibt aber weiterhin eine Randerscheinung.

Neue politische Realitäten

Die Bundestagswahl hat gezeigt, dass die einstige Dominanz der CDU bröckelt und sich die politischen Verhältnisse verschieben. Der Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd, früher eine tiefschwarze Hochburg, sieht sich mit einer starken AfD konfrontiert.

Die Wahlbeteiligung lag mit 83,4 Prozent auf einem hohen Niveau. Damit liegt der Wahlkreis im Bundestrend. Vor vier Jahren betrug die Beteiligung noch 77,0 Prozent. Experten werten dies als Zeichen dafür, dass politische Polarisierung zu einer erhöhten Mobilisierung der Wähler führt.

Inge Gräßle bleibt zwar die Abgeordnete des Wahlkreises, doch ihre Partei steht vor der Herausforderung, die Wähler langfristig zu binden. Ruben Rupp muss hingegen beweisen, dass er mehr kann als polarisieren. Seine Kritiker werfen ihm vor, sich vor allem durch Protesthaltung und weniger durch konkrete Lösungsvorschläge zu profilieren. Und Ricarda Lang steht vor der Aufgabe, sich nach dem Rücktritt als Parteichefin als starke Stimme aus der Region zu profilieren. Ihre bisherige Präsenz vor Ort war eher begrenzt, doch sie hat bereits angekündigt, sich künftig verstärkt um lokale Themen kümmern zu wollen.

Gräben oder ziehen an einem Strang?

Mit drei Abgeordneten unterschiedlichster Couleur hat der Wahlkreis nun eine breite politische Vertretung in der Hauptstadt. Ob daraus auch konkrete Verbesserungen für die Region resultieren, wird sich zeigen. Wichtige Infrastrukturprojekte wie der Ausbau der Murrbahn oder Ortsumfahrungen in der Region stehen auf der Agenda. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die neu gewählten Abgeordneten diese Themen gemeinsam vorantreiben oder ideologische Gräben die Zusammenarbeit erschweren werden.