Backnanger Theaterprojekt zu Euthanasie-Morden Grausige Geschichte im Blick

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In dem neuen Stück „Kannst Du schweigen? Ich auch!“ erzählt ein Laienensemble des Backnanger Bandhaus-Theaters von der Ermordung 27 Backnanger Bürger im Jahr 1940. Die Premiere steigt am 24. Oktober – eine Stippvisite bei den Proben.

Mit ihrem Stück wollen die Theatermacher den 27 Ermordeten ein Gesicht und eine Stimme geben Foto: Horst Rudel
Mit ihrem Stück wollen die Theatermacher den 27 Ermordeten ein Gesicht und eine Stimme geben Foto: Horst Rudel

Backnang - Eine Schwester mit weißer Haube tritt aus der Menschengruppe nach vorne. Auf der Bühne wird sie vom Scheinwerferlicht eingefangen. Im Raum indes ist es stockfinster. Dann erzählt sie von Patienten, die im Bus geschrien hätten. In einem der Busse, die kranke und behinderte Menschen in den Tod nach Grafeneck transportiert haben, damals im Jahr 1940. Eine Patientin habe davon springen wollen, doch zwei Männer hätten sie gepackt und fortgerissen. „Unaufhörlich hallte ihr Weinen und Schreien durch den Hof.“

Kurze Pause, nächste Szene. Ein Text von Band aus dem Off: „Innigst geliebter Vater, leider ging es nicht anders. Meine Abschiedsworte aus diesem irdischen Leben in die ewige Heimat muss ich also heute an Dich richten. Es wird Dir und den Meinen viel Herzweh bereiten. Aber denke daran, dass ich als Märtyrerin sterben darf.“ Erneut eine kurze Pause, Besprechung mit der Regisseurin und den Männern am Mischpult.

„Wir wollen den Ermordeten Gesicht und Stimme geben“

An diesem Herbsttag steht das Laienensemble des Backnanger Bandhaustheaters wieder bis tief in den Abend hinein auf der Bühne. Die Mimen proben das neue Stück „Kannst Du schweigen? Ich auch!“, das am Freitag, 24. Oktober, Premiere hat. Die Darsteller bringen den grausigsten Teil der jüngeren Backnanger Lokalhistorie auf die Bühne. Sie erzählen von der Ermordung 27 Backnanger Männer und Frauen, die in Nazideutschland umgebracht wurden, weil sie krank oder behindert waren – oder weil man von ihnen behauptete, sie seien es.

Die Regisseurin Jasmin Meindel vom Bandhaustheater und der Dramaturg Christian Muggenthaler haben sich durch ungezählte alte Dokumente gearbeitet und daraus das Stück gemacht. „Wir wollen den Ermordeten Gesicht und Stimme geben“, sagt Jasmin Meindl in einer Probenpause. In dem Stück gehe es um das Gedenken, aber auch „um die Aufklärung über die Motive und Mechanik auf der Seite der Täter: Wie kann so etwa geschehen? Wie können Menschen so etwas tun?“ Hilflose Männer und Frauen kaltblütig ermorden – und die Taten verschleiern.

Bis dato unbescholtene Bürger werden zu Täter

Nächste Szene, die Anstalt – eine Schlossführung. Eine Sekretärin tritt ins Scheinwerferlicht, sagt freundlich: „Guten Tag, meine Damen und Herren.“ Dann erklärt sie im Plauderton, wo welche Räume zu finden sind: dort die Verwaltungsbüros und das Standesamt, hier der Speisesaal und die Wohnräume, und dort der Vergasungsraum und die Verbrennungsöfen. Die Botschaft ist klar: Es waren größtenteils ganz gewöhnliche, bis dato unbescholtene Bürger, die zu Handlangern der Täter wurden, manche gar selbst zu Mördern.

„Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenige, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen.“ Diese Worte von Primo Levi – einem italienischen Schriftsteller, der den Holocaust überlebt hat – werden zu Beginn der Vorführung an die Wand projiziert. Ungezählte dieser „normalen Menschen“ waren wohl auch an der Ermordung von Ernst Körner beteiligt. Er war einer der 27 Backnanger, die 1940 in der Mordanstalt Grafeneck kaltblütig umgebracht wurden.

In Grafeneck mit Giftgas ermordet

Ein Schauspieler tritt nach vorn, erzählt vom Leben und Sterben des Ernst Körner. Der 1922 geborene Bub „wurde für schwachsinnig erklärt, so nannte man das damals“. Am 12. Juli 1935 kam er in die Heil- und Pflegeanstalt Stetten. „Dort blieb er – ohne jemals wieder heimzukehren.“ Am 10. September wurde Ernst Körner nach Grafeneck transportiert und am selben Tag mit Giftgas ermordet.

Zwischen manchen Szenen tritt Bernd Hecktor auf. Der Mann von der Backnanger Stolperstein-Initiative zitiert Historiker und liest aus alten Dokumenten, sagt zum Beispiel, dass „die Geschehnisse in Grafen­eck möglichst geheim bleiben sollten“.

Die meisten Täter kehrten in die Gesellschaft zurück

Nächste Szene. Ein Mann berichtet von den Gaskammern, er sagt: „Die Arbeit als Desinfektor ist anstrengend und nervenzerrüttend. Wir bekommen pro Tag einen Viertelliter Schnaps.“ Immer wieder frage ihn die Freundin nach den Rauchschwaden, die aus dem Kamin kommen. „Ich sage zu ihrer Beruhigung stets: ‚Kannst Du schweigen? Ich auch!’“

Nach dem Krieg, vor Gericht. Der Anstaltsarzt sagt: „Ich habe nur Befehle ausgeführt.“ Es sei kein Unrecht gewesen, „Menschen, die unheilbar krank waren, den Gnadentod zu gewähren“. Das Finale. Bernd Hecktor erklärt, dass lediglich ein verschwindend kleiner Teil der Täter vor Gericht gestellt und bestraft worden sei. „Die meisten kehrten in die Gesellschaft zurück, aus der sie gekommen waren“ – und führten ein ganz normales Leben.