Backnanger Wirtschaftsgespräche Heimspiel für Jens Weidmann

Von art 

Der Bundesbankpräsident Jens Weidmann fordert als Hauptredner bei den 12. Backnanger Wirtschaftsgesprächen weitere Reformen – nicht nur in den Krisenländern sondern auch in Deutschland.

Der freundliche Herr  Weidmann von der Bundesbank (Mitte) beim Smalltalk mit OB Nopper (rechts) und Harro Höfliger Foto: Gottfried Stoppel
Der freundliche Herr Weidmann von der Bundesbank (Mitte) beim Smalltalk mit OB Nopper (rechts) und Harro Höfliger Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Der groß gewachsene Mann trägt ein freundliches Lächeln im Gesicht, schwätzt hier ein bisschen, schüttelt dort Hände. Beim Stelldichein zu Beginn der 12. Backnanger Wirtschaftsgespräche am Donnerstagabend auf dem Areal der ehemaligen Spinnerein Adolff kommt Jens Weidmann nur langsam durch die Menschenmenge. Für den Bundesbankpräsidenten ist die Stippvisite in der Murrstadt ein Heimspiel. Weidmann hat seine Kindheit und Jugend in Backnang verbracht, im Jahr 1987 hat er am Taus-Gymnasium Abitur gemacht.

Während der Wirtschaftsgespräche, welche die Stadt, der Industrieverein und der Gewerbeverein ausrichten, trifft Weidmann viele bekannte Gesichter. Ein alter Nachbar grüßt, ein paar Kumpels von damals sagen Hallo. Seine ehemalige Deutschlehrerin schleppt den jüngsten Bundesbankchef aller Zeiten – Weidmann ist Jahrgang 1968 – zu einstigen Mitschülern. Jens Weidmann mag der am stärksten eingespannte Volkswirt der Nation sein, für diesen Termin in der schwäbischen Provinz nimmt er sich trotzdem Zeit.

Backnnang, „eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“

Oberbürgermeister Frank Nopper sagt mit Blick auf den hohen Besuch, Backnang sei „eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“. Dann berichtet er breit grinsend, dass es ihm kürzlich bei einem zufälligen Treffen mit einer älteren Dame gelungen sei, den Bundesbankpräsidenten nach Backnang zu lotsen. Direkt vor dem Rathaus habe ihn Jens Weidmanns Mutter begrüßt und erklärt: „Hallo Herr Nopper, ich soll sie herzlich vom Jens grüßen.“ Der Schultes hat die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, Frau Weidmann gebeten, den Gruß „freundlichst“ zu erwidern und auszurichten: „Wir bräuchten den Jens unbedingt als Hauptredner für die nächsten Wirtschaftsgespräche.“ Frau Weidmann habe gesagt: „Das finde ich auch.“ Ein paar Tage später habe die Bundesbank zugesagt.

In Backnang spricht Jens Weidmann über das Thema „Herausforderungen auf dem Weg zu einer stabilen Währungsunion“. Zunächst erklärt er den knapp 900 Gästen im Festzelt aber, dass er wohl künftig aufpassen müsse, „was meine Mutter so verspricht“. Sein Vortrag ähnelt jenem Referat, das der CDU-Wirtschaftsrat vor ein paar Tagen zu hören bekommen hat. Weidmanns Kritik an der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung ist leise, aber nicht zu überhören. Von der Aufweichung der Rente mit 67 hält er nichts. Dass er auf den neuen Mindestlohn lieber verzichtet hätte, das sagt er in Backnang nicht, doch viele Gäste – die meisten aus der lokalen Wirtschaft – wissen es ohnehin: Der Besuch in Backnang ist auch in diesem Sinne ein Heimspiel.

Lemberger und Laugenbrötchen

Die Wirtschaftskrise, erklärt der Bundesbankchef, habe den Euroraum vor eine „massive Bewährungsprobe“ gestellt. Die Staaten seien zwar auf einem recht ordentlichen Weg, doch die Reformen – speziell in den Krisenländern – dürften nicht gedrosselt, sie müssten fortgeführt werden. Weidmann erinnert auch daran, dass Deutschland im Jahr 1999 als „der kranke Mann Europas“ gegolten habe und nur mit Hilfe harter Reformen zurück gefunden habe zu alter wirtschaftlicher Stärke.

Heute sollten „wir aber nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen“, das Wall Street Journal habe kürzlich getitelt, dass Deutschland der nächste Reformkandidat sei. Und das, so scheint es, sehen Weidmann und viele der Zuhörer ähnlich. Nach ein paar müden Fragen aus dem Publikum geht der offizielle Teil der Veranstaltung zu Ende. Weidmann nippt noch ein bisschen am Lemberger und schnappt sich ein Laugenbrötchen. Dann verschwindet er in Richtung Frankfurt.