Bad Cannstatt Hörende und taube Kulturen verbinden

Corina Brosch mit ihrem Erstlingswerk „Stille Verdrängung“ Foto: /Rehberger
Corina Brosch mit ihrem Erstlingswerk „Stille Verdrängung“ Foto: /Rehberger

Die Stuttgarterin Corina Brosch hat ihren ersten Roman „Stille Verdrängung – der taube Psychiater“ geschrieben – und ist damit die erste gehörlose Autorin Deutschlands.

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Bad Cannstatt - Stolz hält sie es in der Hand, das erste Exemplar ihres Romans. „Stille Verdrängung – der taube Psychologe“ heißt das Erstlingswerk. Dass es überhaupt erschienen ist, ist ihrer Tochter Leonia zu verdanken. Sie kam im April dieses Jahres zur Welt. „Als sie sich das erste Mal umgedreht hat, ist mir bewusst geworden, dass es für alles immer ein erstes Mal gibt“, sagt die 33-jährige Mutter. Also sollte auch ihr erstes Buch veröffentlicht werden.

Gehörlos geboren

Bis dahin war es ein weiter Weg. Corina Brosch kam gehörlos auf die Welt, wuchs aber bilingual auf. Das heißt, sie lernte die deutsche Lautsprache und die deutsche Gebärdensprache, kann von den Lippen ablesen und sich lautsprachlich verständigen. Wobei man wissen muss, dass die Grammatik in der deutschen Sprache viel komplizierter und eine völlig andere ist als in der Gebärdensprache. Daher ist es für Gehörlose sehr schwer zu erlernen. Man könnte sagen: Deutsch ist für Gehörlose eine Fremdsprache. Die geborene Mainzerin Brosch meistert dies bravourös, lernt lesen und schreiben und begeistert sich früh für Bücher. „Ich habe schon immer viel gelesen.“

Professor rät ihr zu schreiben

Sie entscheidet sich für ein Psychologiestudium in Mainz, wechselt dann zu Sonderpädagogik auf Lehramt nach Heidelberg. Auch da liest und schreibt sie viel. Die Leidenschaft zum Geschichtenerzählen ist entfacht. Carlo Schäfer, ihr Professor an der Pädagogischen Hochschule, lädt sie in eine Schreibwerkstatt ein. Als Aufgabe soll sie einen Plot schreiben. Der Professor ist begeistert und rät ihr: „Schreib, schreib, schreib!“ Das war vor zehn Jahren.

Sie nimmt seinen Rat ernst und die Arbeit zu einem Buch auf. Doch Studium und dann die Arbeit an einer Gehörlosenschule in Stuttgart lassen ihr wenig Zeit. Nach 50 Seiten unterbricht sie die Arbeit am Buch. Nachdem der Professor verstarb und sie im Job immer unzufriedener wurde, kam sie ins Grübeln. Vor zwei Jahren setzte sie sich daher wieder hin und beendete ihren Roman. „Die Idee und die ersten 50 Seiten waren ja schon da. Ich habe es überarbeitet und fertig geschrieben.“

Nach zehn Jahren fertig geschrieben

In ihrem Roman „Stille Verdrängung – der taube Psychologe“ geht es um einen gehörlosen Psychologen, der auf der Abifeier von Freunden dazu genötigt wird, ein Mädchen zu vergewaltigen. Danach bricht er jeglichen Kontakt zu Familie und Freunden ab, beginnt in einer anderen Stadt ein neues Leben, ist sowohl beruflich als auch privat erfolgreich. Doch eines Tages holt ihn die Vergangenheit wieder ein.

Starker Tobak für einen Erstlingsroman. Corina Brosch lacht: „Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie und komische Ideen.“ Die kommen ihr oft nachts – sie sei eine „Nachteule“. Vor allem das Eintauchen in die Psyche von Menschen und deren Abgründe, die sich gar nicht so sehr vom Hörstatus unterscheiden, faszinieren sie immer wieder aufs Neue. Sie gibt ihr Werk Freunden zum Lesen. „Alle waren sehr angetan.“ Auch ihre Lektorin Heidi Goch-Lange, die selbst Bücher schreibt, ist voll des Lobes. „Ich war aber noch nicht überzeugt.“ Bis sich ihr Neugeborenes zum ersten Mal selbst drehte. „Es ist wichtig, etwas Neues zu probieren.“

Nur Absagen von Verlagen

Sie schickt ihren Roman an die Verlage – und bekommt Absagen. Das Nein vom Rowohlt-Verlag macht der Sonderschullehrerin aber Mut. Sie solle ihren Roman im Selbstverlag veröffentlichen, was Brosch dann auch macht. Ihr Roman ist auf „Book on demand“ oder „www.buecher.de“ erhältlich.

Natürlich ist sie gespannt, wie ihr erstes Projekt ankommt. Dem Erstlingsroman sollen noch weitere folgen. „Ich habe schon Ideen für weitere Bücher“, erzählt sie und ist sehr dankbar. „Ich habe eine Begabung geschenkt bekommen.“ Sie schreibt „einfach nach Gefühl und Lust und Laune“. Es kommt auch vor, dass sie zwei Wochen abtaucht und schreibt und dabei nicht gestört werden darf. Sie freut sich schon darauf, hat sie doch jetzt erste Erfahrungen gesammelt. Aber erst einmal muss sie ihren ersten Roman unter die Leute bringen. Auch das sind neue Erfahrungen für sie. Denkbar seien auch Lesungen mit Gebärdendolmetscher.

Gesellschaft aufwecken

Es sind zwei Welten, die aufeinanderprallen – die taube und hörende Kulturen. Diese gilt es, zu verbinden. Als gehörlose Schriftstellerin erzählt sie aus einer Sicht, die den wenigsten bisher zugänglich war. Denn noch immer gilt das Stigma, gehörlos bedeute auch dumm. „Es gibt also noch viel zu tun und zu wenig Aufklärung.“ In ihrem Roman bringt sie die Welt der Gehörlosen näher: „Ich möchte auch die Gesellschaft ein bisschen aufwecken.“

Dies geschieht aber eher beiläufig und indirekt. „Gehörlose Menschen haben ihre Stärken.“ Vielen sei nicht klar, dass „taubstumm“ als Bezeichnung für Gehörlose beleidigend ist. „Gehörlose können mit ihren Händen sprechen, manche von ihnen sich auch lautsprachlich verständigen.“ In der Coronazeit hat sie erlebt, dass ihre Mitmenschen mit Maske im Gesicht viel mehr mit den Händen gestikuliert haben oder auch aufgeschrieben haben, wenn sie mit ihr korrespondiert haben. „Das hat mir gefallen.“

Taubstumm als Beleidigung

Corina Brosch „Stille Verdrängung – der taube Psychologe“, 303 Seiten, BoD, ISBN 978-3-7543-2561-2, 10,99 Euro, auch als E-Book erhältlich, 2,99 Euro.




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