Trotz heftigen Widerstands der Bevölkerung will der Schweinebauer Urban Messner in Bad Dürrheim eine riesige Ferkelzuchtanlage bauen.
Bad Dürrheim - Wenn heute ein Landwirt seinen Betrieb ausweiten will, sollte sich die Gesellschaft freuen, findet Urban Messner. In Oberbaldingen, einem Ortsteil des Kurortes Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis), aber freut sich niemand. Dabei gibt es in dem 800 Einwohner zählenden Dorf neben Messner noch zwei weitere Bauern - einen weiteren Vollerwerbslandwirt und einen Milchviehhalter im Nebenerwerb. Und ihn, den Schweinezüchter. Als er angefangen habe, seien es noch ein Dutzend Bauern gewesen, erzählt Messner. Nur weil er erweitern wolle, habe er "mächtig Ärger".
Das ist noch untertrieben. Der 48-Jährige hat mit seinen Plänen gleich den ganzen Kurort gegen sich aufgebracht. Messner will seinen Betrieb von gegenwärtig 255 Zuchtsauen auf 1362 Muttertiere und 5544 Ferkelplätze vergrößern. Jedes Jahr würden fast 35.000 Ferkel produziert. Sein Hof würde so einer der größten Schweinezuchtbetriebe im Land werden. Nur im Landkreis Biberach befindet sich ein noch größere Anlage mit 3000 Zuchtsauen.
Einen Tag vor Heiligabend des vergangenen Jahres hat er mit zwei Ordnern voller Unterlagen die Genehmigung dafür beim Regierungspräsidium Freiburg beantragt. Mit seiner Großinvestition möchte Bauer Messner sich und seinen fünf Kindern eine Zukunft ermöglichen. Seine Frau ist Agrardiplomingenieurin, zwei seiner Söhne, 20 und 18 Jahre alt, machen eine landwirtschaftliche Ausbildung, seine 21-jährige Tochter studiert an der Universität Hohenheim Agrarwissenschaft. Die zwei anderen Kinder gehen noch zur Schule.
Aldi-Inhaber legt ein Veto gegen den Bauern ein
Den Gegnern stinkt der Bau gewaltig. 14.000 Unterschriften hat eine Bürgerinitiative gegen Massentierhaltung gesammelt, 4000 Flugblätter gegen das Projekt verteilt. Eine Facebook-Seite ist eingerichtet worden. Der Gemeinderat von Bad Dürrheim sowie der Ortschaftsrat von Oberbaldingen haben sich gegen das Vorhaben ausgesprochen.
Auch das Golfhotel Öschberghof hat ein Veto eingelegt. Es gehört Karl Albrecht, dem Eigentümer von Aldi Süd und laut "Manager Magazin" der reichste Mann Deutschlands. Der Discounter sei, merkt die "Frankfurter Allgemeine" kritisch an, "durchaus verantwortlich für den Wettbewerbsdruck, auf den Urban Messner ja eigentlich eine Antwort finden will".
Allen voran steht Bürgermeister Walter Klumpp, der für Messner bald ein noch mächtigerer Gegner werden könnte, da er sich Ende März im Schwarzwald-Baar-Kreis zum Landrat wählen lassen will. Wegen der Gülle fürchten die Gegner der Anlage um den guten Ruf des Luftkurorts. 9000 Kubikmeter Fäkalien fallen laut Messner jedes Jahr an. 220 Hektar Ackerland benötigt er, um die Gülle als Pflanzendünger sinnvoll zu verwenden. Messner will die Gülle auf seinen Feldern und in der näheren und weiteren Region ausbringen.
Der Schweinezüchter ist optimistisch
Auf diese Art werde die Atemluft "verpestet" und die Trinkwasserversorgung gefährdet, schreibt Rainer Stolz, für die Bürgerinitiative in einem Brief an alle Landtagsabgeordneten. Auch Feinstaub und Antibiotikaresistenzen bedrohen angeblich die Bevölkerung. Stolz stammt aus Wiesbaden und ist seit 2001 Geschäftsführer des zwei Kilometer entfernt gelegenen Feriendorfes Öfingen, wo 130 Wohneinheiten zu vermieten und 40 Arbeitsplätze zu verteidigen sind. Nach der Eingabe des Bauantrags hat er zum "Kampf gegen dieses Wahnsinnsprojekt" aufgerufen.
Die Behörde in Freiburg ist durch den Protest wachsam geworden. Das Projekt gilt als sensibel. Der Sprecher der Behörde verweist darauf, dass es sich um ein umfangreiches Bauvorhaben handle mit Lage- und Grundrissplänen und einer Prüfung nach den Vorschriften des Emissions- und Immissionsschutzgesetzes.
Der Landwirt rechnet sich trotz allem Widerstand gute Chancen aus. Noch in diesem Jahr will er mit der Massenzucht beginnen. Die Anlage würde direkt am Autobahndreieck Bad Dürrheim entstehen - einen Kilometer von der nächsten Bebauung entfernt. 440 Meter würden schon genügen. Am kommenden Montag soll die Prüfung der Behörde nach einem Monat abgeschlossen sein. Bis zur endgültigen Entscheidung vergehen weitere sieben Monate. Wenn keine Einsprüche zu erwarten sind. Aber das nimmt hier niemand an.
Schweinezucht ist im Südwesten eine Angelegenheit mittelständischer Betriebe
Land Die Schweinezucht ist in Baden-Württemberg traditionell durch eine mittelständige Landwirtschaft geprägt. Gegenwärtig existieren 8500 Betriebe, die 2,1 Millionen Schweine halten. Ein Hof hat in der Regel hundert Zuchtsauen und erzeugt jedes Jahr gut 2500 Ferkel. Die Schweinehaltung konzentriert sich im Südwesten auf den nordöstlichen Landesteil, Teile des Ostalbkreises, Hohenlohe, Schwäbisch Hall, den Alb-Donau-Kreis und die Kreise Sigmaringen und Biberach. Großbetriebe mit 1000 Zuchtsauen gibt es bis jetzt nicht.
Markt Die Ferkelproduktion ist in Baden-Württemberg im Vergleich zu Betrieben in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen nur unterdurchschnittlich entwickelt. Der Südwesten kann seinen Bedarf an Schweinefleisch nur zu etwa 60 Prozent decken und muss den Rest einführen. Besonders die Konkurrenz aus den Niederlanden und Dänemark macht den heimischen Schweinezüchtern zu schaffen. Liegt die durchschnittliche Betriebsgröße hierzulande bei 90 Zuchtsauen, kommt man in Holland auf 350 und in Dänemark auf 650 Muttertiere.
Wandel Die Schweinehaltung unterliegt auch hierzulande einem starken Strukturwandel. In den letzten 20 Jahren gaben vier von fünf Landwirten ihren Betrieb aufgrund schlechterer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen auf. Der Bestand an Schweinen blieb dabei konstant. Dennoch konnte der Verlust an erzeugenden Betrieben nicht vollständig kompensiert werden. So sank in den vergangenen zehn Jahren der Bestand an Zuchtsauen jedes Jahr um etwa 10.000 Stück. Gegenwärtig gibt es 2300 Halter von Zuchtschweinen mit 211.000 Zuchtsauen.