„Bad Influencer“ Lia von Blarer Feminismus ist nichts für Weicheier!
In der SWR-Serie „Bad Influencer“ spielt Lia von Blarer („Eldorado KaDeWe“, „Kafka“) eine wütend-trotzige Frau, die die Social-Media-Welt aufmischt.
In der SWR-Serie „Bad Influencer“ spielt Lia von Blarer („Eldorado KaDeWe“, „Kafka“) eine wütend-trotzige Frau, die die Social-Media-Welt aufmischt.
Nachdem Donna einen One-Night-Stand mit einem selbst ernannten Manfluencer hatte, beschließt sie den Social-Media-Macho mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und wird zum feministischen Instagram-Riot-Girl. Wir haben die großartige Lia von Blarer, die die Hauptrolle in der SWR-Comedyserie „Bad Influencer“ spielt, in Berlin zum Interview getroffen.
Frau von Blarer, wie viele Follower haben Sie bei Instagram?
Oh! Das weiß ich gar nicht genau. Ich glaube, so um die 5000 – eine überschaubare Zahl.
In „Bad Influencer“ sind Sie Donna, die es auf 1,5 Millionen Follower bringen will, um sich an einem erfolgreichen Pick-up-Artist zu rächen. Die Serie behandelt Follower-Zahlen wie eine kostbare Währung. Ist das übertrieben?
Mich erschreckt, wie wenig die Serie übertreibt, wie nah sie an der Realität ist. Das finde ich schon irre. Social Media ist für mich letztlich eine Art berufliche Casting-Plattform. In der Branche, in der ich arbeite, wird Popularität auch über die Zahl der Follower auf Instagram gemessen. Da kann es schon mal heißen: Erst ab so und so vielen Followern, bist du in der Position, dass du für gewisse Rollen in Betracht gezogen wirst oder es dir leisten kannst, über deine Gage zu verhandeln. Drunter musst du mit dem zufrieden sein, das dir angeboten wird.
Heißt das, als Schauspielerin und Schauspieler muss man nicht nur Angst davor haben, dass einen die KI in Filmen ersetzt, sondern auch, dass einem erfolgreiche Influencer die Rollen wegschnappen – selbst wenn die gar nicht schauspielern können?
Absolut! Ein Abschluss oder ein Diplom an einer staatlichen Schauspielschule ist keine Jobgarantie. Ich will aber nicht so elitär klingen und sagen: Alle müssen eine Schauspielausbildung abgeschlossen haben. Es gibt fantastische Leute, die nie auf der Schauspielschule waren. Aber ich finde es problematisch, wenn Sender, Redaktionen oder Produktionsfirmen glauben, dass eine Person allein schon deshalb für eine Rolle geeignet ist, weil sie sich auf Social Media erfolgreich vermarktet.
Bei Instagram und Co. geht es immer darum, eine Marke zu sein. Donna wird zum Beispiel von ihrem Ex-Freund als feministisches Riot-Girl inszeniert.
Ja, das ist ein Geschäft. Echte Gefühle, echte Verletzungen sind auf diesem Marktplatz nur dann etwas wert, wenn man Geld damit machen kann.
Passen Feminismus und Social Media zusammen?
Ich habe das Gefühl, auf der einen Seite gibt es durchaus Leute, die es schaffen, in kurzer Zeit komplexe Inhalte zu formulieren und rüberzubringen. Aber die sind die Ausnahme. Auf der anderen Seite wird ganz viel Quatsch erzählt. Bei Social Media geht es per Definition um Oberfläche. So wahnsinnig viel Dreidimensionalität kann man da nicht erwarten. Und Feminismus ist nur interessant, wenn er als Marke verkauft werden kann, wie bei dieser Dior-Kampagne, bei der weiße T-Shirts mit dem Slogan „We should all be feminists!“ bedruckt wurden. Das ist ja das Herausfordernde, Fatale, Widerspenstige am Kapitalismus in unserer heutigen Form: Der Kapitalismus kann alles verkaufen, sogar Antikapitalismus. Alles kann zur Marke werden.
In „Bad Influencer“ versuchen mehrere Menschen Donna zur Marke zu machen und überreden sie zu einem freizügigem Fotoshooting.
Dem Markt ist egal, ob sich eine Frau damit wohlfühlt, sich in Unterwäsche oder nackt zu zeigen oder nicht. Ich kenne Kolleginnen, die Fotoshootings gemacht haben, bei denen sie zwar nicht nackt waren, aber total retouchiert und aufgemotzt wurden. Die waren dann ganz verzweifelt, weil sie gesagt haben: Das bin nicht ich! Doch das passiert immer wieder und fängt oft damit an, dass ein PR-Manager einem einredet: Das ist super! Mach das mal! Das ist toll für dich!
Sind Sie selbst bei Filmrollen schon einmal in so eine unbehagliche Situation geraten?
Ich hatte bisher ziemlich Glück. Ich wusste immer vorab, worauf ich mich einlasse. Zum Beispiel bei der Serie „Eldorado KaDeWe“. Da stand schon im Castingtext, dass es explizite Sexszenen zwischen den beiden weiblichen Figuren geben wird. Und die waren inhaltlich gut begründet. Ich finde, Sexualität als narrative Kraft zu nutzen, ist total sinnvoll. Seitdem ich in dem Beruf arbeite, habe ich immer den Eindruck gehabt, dass sehr behutsam mit solchen Szenen umgegangen wurde. Selbst dann, wenn es wie bei „Eldorado KaDeWe“ keinen Intimitätskoordinator gab.
Das Erste hatte die Serie „Eldorado KaDeWe“, in der es um eine queere Lovestory im Berlin der 1920er Jahre geht, 2021 zur besten Sendezeit an Weihnachten ausgestrahlt. Das wäre früher wahrscheinlich undenkbar gewesen.
Ja, ich glaube, da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Doch die Tatsache, dass es besser geworden ist, heißt nicht, dass so etwas selbstverständlich ist. Der „Eldorado KaDeWe“-Regisseurin Julia von Heinz wurden Interviews mit dem Argument abgesagt, die Serie sei unzumutbar. Darum kann es gar nicht genug queere Rollen in Filmen und Serien geben. Es muss diverser werden – die Lebenswelten queerer Menschen sollten wir ebenso abbilden wie die Erfahrungen von People of Color. Ich habe gerade angefangen, „Schwarze Früchte“ zu schauen und freue mich total darüber, dass es diese Serie gibt.
Sie haben mit Valerie Stoll ein Fotobuch veröffentlicht, das entstand, während Sie in Budapest „Eldorado KaDeWe“ gedreht haben. „Hurry Up And Wait“ stellt queere deutsche Fiktion der queeren ungarischen Realität gegenüber.
Als ich erfahren habe, dass wir in Ungarn drehen, dachte ich: Wie kann das denn sein! Das kann ich nicht unkommentiert lassen.
Weil dort 2021 ein Gesetz erlassen wurde, das die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen stark einschränkt?
Ja. Ich dachte, aus diesem Konflikt muss etwas Künstlerisches entstehen. Und so ist die Idee zu dem Fotobuch entstanden. Auch weil mir erst vor Ort auffiel, wie wichtig für unsere queeren Crewmitglieder aus Ungarn dieses Projekt war. Man würde den Leuten keinen Gefallen tun, wenn man sagen würde, wir drehen wegen Viktor Orbáns Politik keine queeren Geschichten mehr in Ungarn. Trotzdem bleibt abzuwägen, wo man dreht, gerade bei öffentlich-rechtlichen Produktionen, die aus Steuergeldern finanziert sind.
Ungarn ist aber nicht das einzige Land, das sich mit Diversität schwertut.
Absolut. Überall auf der Welt werden gerade wieder grundsätzliche demokratischen Werte und Menschenrecht infrage gestellt. Ich finde das erschütternd. Und dass die Rechten überall weiter erstarken – auch hier in Deutschland – beunruhigt mich sehr.
Person
Lia von Blarer (31) ist Deutsch-Schweizerin. 2019 war sie zum Beispiel in Stuttgart in Klemens Hegens „Platonow“-Inszenierung zu sehen, und sie hat in den Serien „MaPa“ (2020), „Eldorado KaDeWe“ (2021) oder „Kafka“ (2024) mitgespielt.
Serie
Die achtteilige Comedyserie „Bad Influencer“ von Lilli Tautfest und Melanie Waeldeer ist seit Freitag, 8. November, in der ARD-Mediathek verfügbar und wird am 15. November ab 0:15 Uhr im SWR ausgestrahlt.