Badekultur rund um Leonberg Keine Bikinis, kein Lärm – und bloß kein Alkohol
Gebadet wurde schon immer: In Weil der Stadt sprang man in die Würm, in Renningen ab den 1930er-Jahren ins kommunale Freibad. An den Badeplätzen herrschten strenge Regeln.
Gebadet wurde schon immer: In Weil der Stadt sprang man in die Würm, in Renningen ab den 1930er-Jahren ins kommunale Freibad. An den Badeplätzen herrschten strenge Regeln.
Heiß wurde es im Sommer schon immer. Während sich der Klimawandel inzwischen durch eine Vielzahl von Extremwetterereignissen erkennbar macht, schwitzte man im Ländle in mancher Hitzewelle auch schon vor 100 Jahren. 1911 beispielsweise, als in ganz Mitteleuropa der Regen ausblieb – und die Menschen eben nach einer anderen Form der Abkühlung suchten.
In Weil der Stadt sah das etwa so aus: Mangels anderer Badegewässer hüpften die Menschen damals einfach in die Würm. Beliebt waren wohl besonders zwei Badeplätze, einer bei der Lohmühle in Richtung Schafhausen, der andere bei der Planmühle Richtung Malmsheim. Das geht, so schrieb es 2022 der Weiler Stadtarchivar Matthias Graner in einer Abhandlung über historisches Badevergnügen, aus „mündlichen Überlieferungen sowie diversen Fotografien“ hervor. Schon 1888 wurde offenkundig hier gebadet, denn damals wurde laut Aktenbestand die Reinigung des Badeplatzes bei der Planmühle veranlasst.
1911, im Jahr des trockenen Sommers, war es auch, dass die Stadt die zweite Ausgabe – die erste war zwei Jahre zuvor erschienen – einer öffentlichen Badeordnung für den Badeplatz an der Lohmühle erließ. Diese liest sich ein wenig strenger, als man es heute gewohnt ist. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herrschte in den Badeanstalten des Landes noch eine strikte Geschlechtertrennung. Doch weil man nicht so einfach eine Wand an der Würm ziehen konnte, lies man sich im Weiler Rathaus im Jahr 1911 eben etwas anderes einfallen.
Nämlich getrennte Badezeiten: Männliche Personen über 14 Jahre und „schulpflichtige Knaben“ durften den Badeplatz bei der Lohmühle täglich benutzen, außer am Dienstag und am Donnerstag – dann waren die „Frauen und Mädchen“ dran. „Während der Benutzung des Badeplatzes durch weibliche Personen ist das Betreten desselben männlichen Personen bei Strafe verboten“, mahnt die im Archiv noch erhaltene Badeordnung an. Badehosen oder Badeanzüge waren in Sachen Mode Pflicht, damals aber noch nicht aus sportlichem Kunststoff, sondern eher aus Baumwolle.
Ebenso ein No-Go: Den Badeplatz unbekleidet oder nur teilweise bekleidet zu verlassen. „Vor dem Verlassen des Badeplatzes ist die Kleidung vollständig in Ordnung zu bringen“, heißt es in der rathäuslichen Vorgabe. Die Badeordnung von 1930 legt da noch einen drauf: Hier wird ausgeführt, dass es außerdem verboten ist, anderswo in der Würm zu baden – denn da könnte man ja von Passanten in Badebekleidung gesehen werden.
Gebadet wird heutzutage in der Würm eher nicht mehr, als offizielles Badegewässer ist der Fluss vom Landratsamt jedenfalls nicht freigegeben. In den späten 1950er-Jahren kam in der Keplerstadt wohl der Wunsch nach einem Freibad auf, sogar Spenden wurden dafür gesammelt, wie einige erhaltene Spendenbescheinigungen aus dem Stadtarchiv belegen. Daraus geworden ist aber nie etwas. Stattdessen wurde 1965 der Beschluss für den Bau eines Hallenbads gefasst. Dort wird noch immer geplanscht.
Und anderswo? In Leonberg könnten sich viele Alt-Leonberger noch an ein Bad im Eppinger See erinnern, schreibt die Archivarin Anke Steck auf Nachfrage unserer Zeitung. Auch in Gebersheim gab es einst ein Schwimmbad, das aber abgerissen wurden. 1928 eröffnete ein Freibad in Höfingen, nach einigen Umbauten das heutige Bädle. Und 1938 zog man in Eltingen mit dem damaligen Eltinger Freibad nach, an dessen Stelle 1990 schließlich das Leobad eröffnet wurde.
Die Eröffnung des einstigen Eltinger Freibads wird auch in einem Artikel unserer Zeitung aus dem Jahr 1938 erwähnt – nämlich als wenige Wochen später, im Juli, das Renninger Freibad seine Tore öffnete. Das war damals nicht unbedingt ein Selbstläufer: Denn an seiner Stelle befand sich in den Jahrzehnten zuvor eigentlich eine Latrinengrube für die Stuttgarter. Als man in der nahen Großstadt Anfang des 20. Jahrhunderts die Kanalisation ausbaute, nahmen die Latrinenlieferungen allerdings stetig ab – den Bauern, die wegen des Düngers auf die Latrinengrube angewiesen waren, war das allerdings ein Dorn im Auge. Auch im Gemeinderat gab es Protest.
Auf das Freibad einigte man sich dann doch, 1936 wurde es fertig – aber erst zwei Jahre später eröffnet. Das Becken war undicht und musste mehrfach repariert werden, die Maul- und Klauenseuche verzögerte die Einweihung noch einmal. Als die Renninger 1938 endlich in ihr Freibad konnten, schaukelten sich Antisemitismus und Gewalt gegen politisch Andersdenkende immer weiter hoch. Auch deshalb ist die Badeordnung aus dem Eröffnungsjahr ein trauriges Zeugnis der Zeit: Juden war der Eintritt verboten.
Strenge Regeln gab es für die erlaubten Badegäste zudem. Etwa in Sachen Mode: Zweiteiler und „Dreiecksbadehosen“ waren verboten, heißt es in einer Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum des Freibads. Die Badebekleidung hatte den „Forderungen von Sitte und Anstand“ zu genügen. Ungebührlicher Lärm, Untertauchen oder Baden ohne vorheriges Abduschen waren ebenso untersagt. Und es galt ein allgemeines Alkoholverbot: Wer betrunken war, musste draußen bleiben.
Einige der Regelungen aus den 1930er-Jahren gelten noch immer. Wer etwa „unter dem Einfluss berauschender Mittel“ steht, ist vom Baden im Renninger Freibad auch gemäß aktueller Badeordnung ausgeschlossen, es braucht außerdem „übliche Badebekleidung“. Und auch einen Paragrafen zum Abbrausen vor dem Sprung ins Becken findet sich nach wie vor im Regelwerk. Die Preise haben derweil nichts mehr gemein mit früher: 1938 zahlte man 20 Pfennig für die Tageskarte, 50 Pfennig, wer eine Einzelkabine mit Schlüssel haben wollte. Heutzutage wären das – mit allgemeiner Wertentwicklung hochgerechnet – ein Euro beziehungsweise 2,50 Euro, also richtige Schnapper. Real kostet der Eintritt jetzt 4 Euro.