Bademode im Wandel Wie der Bauchnabel frei gelegt wurde

Ja nicht zu viel Haut, bitteschön! Züchtig war die Bademode in den 30er Jahren. Männer trugen Badeanzüge und Frauen Badekleider. Foto: Hulton Archive 12 Bilder
Ja nicht zu viel Haut, bitteschön! Züchtig war die Bademode in den 30er Jahren. Männer trugen Badeanzüge und Frauen Badekleider. Foto: Hulton Archive

Viel Wirbel um ein bisschen Stoff: ähnlich wie der Minirock gilt der Bikini als modischer Befreiungsschlag. Auch die Herrenbademode wagte manches in den vergangenen Jahrzehnten – nicht selten an der ästhetischen Schmerzgrenze.

Leben: Simone Höhn (sdr)
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Stuttgart - „Ein hübsches Nichts, das Sie da beinahe anhaben“, fand James Bond alias Sean Connery beim Anblick der Schmugglerin Tiffany Case (Jill St. John) im Bikini. Das Zitat aus dem Bond-Streifen „Diamantenfieber“ von 1971 zeigt, wie es um die Bademode in den Siebziger Jahren bestellt war. Während der 68er-Bewegung hatte sich der Bikini neben dem Minirock zum modischen Haben-Muss entwickelt. Der Zeitgeist stand auf kurz und knapp, bedeckt war nur das Nötigste und der (String-)Tanga wurde zum It-Piece. Schon ein paar Jahre zuvor hatte der Modedesigner Rudi Gernreich für Wirbel gesorgt als er 1964 den extravaganten Monokini präsentierte. Dieser bestand aus einer kurzen, äußerst knappen Hose, die bis unter die Rippen reichte und zwei Trägern, die sich vor der Brust kreuzten, wodurch die Brüste zunächst unbedeckt waren. Skandal!

Wer im 19. Jahrhundert baden gehen wollte, hatte es nicht leicht

Ein paar Jahrzehnte zuvor wäre das noch undenkbar gewesen. Wer früher baden gehen wollte, hatte es buchstäblich nicht leicht. Die Wasserkostüme der Damen waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch aus Flanell und legten im nassen Zustand gut und gerne fünf Kilogramm zu. Die Damen waren solche Erschwernisse allerdings gewohnt, denn in die Badekleider waren ohnehin Gewichte eingenäht, damit sie auch unter Wasser nicht etwa aufschwammen und zu viel Haut zeigten.

Sittenwächter verordneten den „Zwickelerlass“

Mit der Zeit änderten sich Materialien, Farben und Schnitte, vor allem aber wurden die Badekleider kürzer – sehr zum Ärger der Sittenwächter. Um 1910 trugen die Damen zum Schwimmen bereits eng anliegende Trikots. Die australische Schwimmerin Annette Kellermann wurde 1907 wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ in Boston verhaftet, weil sie einen der neuen einteiligen Badeanzüge im Wettkampf trug. So konnte das mit der Bademode auf gar keinen Fall weitergehen, meinten die deutschen Moralwächter, und verordneten 1932 den sogenannten „Zwickelerlass“: Damit weniger nackte Haut zu sehen war, mussten Badeanzüge von Frauen und Männern in der Naht im Schritt durch ein zusätzliches, keilförmiges Stück Stoff – einen Zwickel – ergänzt werden. Männer durften in öffentlichen Bädern keine Badehosen, sondern nur noch Badeanzüge tragen und die Damenanzüge mussten züchtig geschlossen sein. Bei den Herren damals angesagt: der Matrosen-Look.

Eine Nackttänzerin präsentiert den Bikini

Zu Beginn der Nachkriegszeit folgte der nächste Skandal: der Franzose Louis Réard ließ sich 1946 den zweiteiligen Bikini patentieren. Seinen „Badeanzug“ benennt Réard nach dem Bikini-Atoll, wo die USA am 1. Juli 1946 eine Atombombe testen. Die Bilder des Atompilzes gehen um die Welt, und Réard landet mit seinem Werbeslogan einen Coup: „Der Bikini: die erste anatomische Bombe“. Obwohl das Prinzip des zweiteiligen Badeanzugs auch damals nicht neu ist – römische Mosaiken dokumentieren bereits in der Antike Frauen im Zweiteiler –, postuliert Réard: „Der Bikini zeigt zum ersten Mal, was die Frauen bislang nicht zu zeigen wagten – den Bauchnabel.“ Da sich die Mannequins weigerten, das neue knappe Kleidungsstück öffentlich zu präsentieren, engagierte Réard die Nackttänzerin Micheline Bernardini. Seinen Siegeszug trat der Bikini aber erst an, nachdem ihn Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Raquel Welch, Ursula Andress und andere berühmte Schönheiten gesellschaftsfähig gemacht hatten.

Schrille Prints auf Tangas

Der neuen Freizügigkeit folgten auch die Herren: immer öfter sah man in den Vierziger Jahren enganliegende, kurze Badehosen, etwa mit einem angedeuteten Gürtel oder einer Schnalle. Ein Jahrzehnt später hatte sich die Badehose etabliert, wurde aber etwas länger. In den 60ern waren schrille Prints angesagt, die später in den 70ern auf wenigen Zentimetern Stoff (Stichwort Tanga) spazieren getragen wurden. So viel Fleisch und Haut wollte irgendwann niemand mehr sehen, weswegen in den folgenden Jahrzehnten vor allem längere und weiter geschnittene Badeshorts in Mode kamen.

Schlabberlook in Neonfarben

Abgesehen von ein paar hartnäckigen Verfechtern des expliziten, hautengen Kurz-Badeslips, etablierte sich in den 80ern der Schlabberlook in Neonfarben. Ein schräger Ableger davon war die Fußballerhose aus glänzendem Kunststoff, mit der manch ein Proll mit dem Hintern voraus direkt vom Feld ins Becken bombte. Beinahe ästhetisch mutete da die legendäre, alarmsignalrote Baywatch-Shorts am Rumpf des jungen David Hasselhoff in den 90ern an.

Ein Badehosen-Moment für die Ewigkeit

Einen Badehosen-Moment für die Ewigkeit schuf ebenfalls ein James Bond: wie Daniel Craig 2006 in „Casino Royale“ im knappen blauen Höschen aus den Fluten schreitet, möchte man ihm zuhauchen: „Ein hübsches Nichts, das Sie da beinahe anhaben“!




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