Baden in Stuttgart Warum sind die Hallenbäder im Sommer geschlossen?
Seit zwei Jahren haben die Hallenbäder in der Landeshauptstadt den Sommer über geschlossen. Dagegen regt sich Widerstand. Die Hintergründe.
Seit zwei Jahren haben die Hallenbäder in der Landeshauptstadt den Sommer über geschlossen. Dagegen regt sich Widerstand. Die Hintergründe.
Die knallroten Postkarten sind nicht zu übersehen. Mehr als 300 dieser von Bürgern unterzeichneten Protestschreiben hat die SPD Stuttgart-Ost nun offiziell an die Verwaltung im Stuttgarter Rathaus übergeben. „Wahrscheinlich sind es aber bis zu 500, da viele Bürger diese auch persönlich verschickt haben“, betont die Vorsitzende Anja Dargatz. Der Ortsverein kämpft mit der Aktion gegen die sommerliche Schließung der Hallenbäder in der Stadt, insbesondere dem Leo-Vetter-Bad an der Landhausstraße.
Keine neue Forderung. Bereits im Bäderentwicklungsplan der Stadt wurde die Möglichkeit von Schließungen angedeutet. Die Coronakrise hat die Situation noch verschärft. Denn während sich das überdachte Leo-Vetter-Bad mit seiner Liegewiese noch bis 2019 auch den Sommer über großer Beliebtheit erfreute, herrscht seit zwei Jahren gähnende Leere – ebenso wie in den Hallenbädern in Zuffenhausen und Heslach. Die Schließung in Sonnenberg erfolgte bereits ein Jahr zuvor.
„Nie wieder Sommer ohne Leo“ ist auf den Karten zu lesen. Die Schließung des Leo-Vetter-Bads dürfe sich kommendes Jahr nicht wiederholen. Die Aktion ist dabei nur der Schlusspunkt der Proteste. Anträge gibt es bereits aus dem Bezirksbeirat Ost und der SPD-Gemeinderatsfraktion. Die Forderungen sind eindeutig: „Schwimmen muss ganzjährig wohnortnah möglich sein. Vor allem Schulen, Vereine und die günstigeren städtischen Schwimmkurse müssen Vorrang haben“, sagt Dargatz. Das sei besonders wichtig im Hinblick darauf, dass immer mehr Kinder in Stuttgart nicht richtig schwimmen lernen und „die Bugwelle durch Corona noch deutlich größer geworden ist“.
Mindestens genauso wichtig seien öffentliche Badezeiten „als sozialer Treffpunkt“. Für junge und ältere Menschen müssten wohnortnah niederschwellige Angebote für Bewegung und Begegnung geschaffen werden, „sonst entsteht in schwierigen Krisenzeiten noch mehr sozialer Sprengstoff“. Natürlich dürfe die Energiekrise nicht außer acht gelassen werden, könne aber nicht als Totschlagargument dienen. „Hallenbäder sind kein Luxusgut, sondern ein wichtiges Grundangebot“, betont Dargatz.
„Wir wissen um die Wünsche“, betont Jens Böhm, der Pressesprecher der Stuttgarter Bäderbetriebe. Diese würden auch durch Kunden an den Eigenbetrieb herangetragen. „Uns wäre auch am liebsten, alle Bäder offen zu haben.“ Es fehle aber an Mitarbeitern. Der akute Fachkräftemangel ist keine Stuttgarter Besonderheit, sondern ein bundesweites Phänomen. In Hamburg würden etliche Hallenbäder bereits zwei Tage in der Woche geschlossen. Von derartigen Schließungen sei man in Stuttgart noch weit entfernt, „aber wir müssen Prioritäten setzen“, erklärt Böhm. Eine doppelte Belegung von Hallen- und Freibädern von Mai bis September sei nicht zu stemmen. Im Fokus stünden daher die Einrichtungen mit den höchsten Besucherzahlen.
„Das Ziel kann nur sein, so vielen Gästen wie möglich Schwimmzeiten anzubieten“. Im Sommer seien das unumwunden die fünf Stuttgarter Frei- und die drei Thermalbäder, so Böhm und belegt dies mit Zahlen: Bei der letzten Sommeröffnung im Leo-Vetter-Bad von Mai bis September 2019 wurden 37 575 Gäste gezählt. Damit rangiert man stadtweit aber nur auf Platz vier der Hallenbäder. Dennoch ist der Ansturm der Wasserflächen unter freiem Himmel ungleich größer. Allein in der Saison 2022 wurden in den fünf Freibädern 840 000 Badegäste begrüßt. „Wir müssen die bestmögliche Entscheidung für alle treffen“, betont Böhm. Wenn das auch bedeute, die Hallenbäder – so lange nicht weiteres Personal gewonnen werden könnte – über den Sommer schließen zu müssen.
Gleiches gelte auch für die städtischen Schwimmkurse, die wegen des Personalmangels nicht angeboten werden können. „Insofern greifen wir lieber auf private Anbieter zurück, bevor es keine gibt.“