Baden-Württemberg Die Mafia fühlt sich hier heimisch

Von SIR/dpa 

In keinem Land leben so viele Mafiosi wie in Baden-Württemberg. Bei den Ermittlungen ist die Polizei auf Tipps aus der Bevölkerung angewiesen. Die gibt es aber nur äußerst selten.

Wer die Mafia nur in Italien sucht, wird eines Besseren belehrt. Laut Sigurd Jäger vom Landeskriminalamt leben von bundesweit 450 Personen mit mutmaßlichem Bezug zur Mafia rund 150 im Südwesten. (Symbolfoto) Foto: dpa
Wer die Mafia nur in Italien sucht, wird eines Besseren belehrt. Laut Sigurd Jäger vom Landeskriminalamt leben von bundesweit 450 Personen mit mutmaßlichem Bezug zur Mafia rund 150 im Südwesten. (Symbolfoto) Foto: dpa

In keinem Land leben so viele Mafiosi wie in Baden-Württemberg. Bei den Ermittlungen ist die Polizei auf Tipps aus der Bevölkerung angewiesen. Die gibt es aber nur äußerst selten.

Stuttgart - Baden-Württemberg ist bei Mafia-Angehörigen besonders beliebt. Von bundesweit rund 450 mutmaßlichen Personen mit Bezügen zur italienischen organisierten Kriminalität lebten etwa 150 im Südwesten, wie Sigurd Jäger vom Landeskriminalamt am Mittwoch in Stuttgart mitteilte. Das Bundesland sei sowohl Rückzugs- als auch Betätigungsfeld für die verschiedenen Organisationen. Hier im Land gebe es eine starke italienische Gemeinschaft. Rund ein Viertel der italienischen Bevölkerung in Deutschland lebe im Südwesten.

Camorra, ‚Ndrangheta und die Cosa Nostra seien beispielsweise im Bereich Waffen- und Rauschgiftkriminalität aktiv. Aktivitäten gebe es auch beim Thema Betrug und Falschgeld. Jäger beklagte, dass die hier lebenden Italiener nur äußerst selten mit der Polizei kooperierten. Im vergangenen Jahr habe es einen leichten Rückgang im Bereich der gesamten Organisierten Kriminalität gegeben. Aber die Fälle im Bereich mit italienischen Bezügen hätten leicht zugenommen. Konkrete Zahlen nannte Jäger nicht.

2013 zwei mutmaßliche Mafia-Mitglieder festgenommen

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke forderte Innenminister Reinhold Gall (SPD) auf, sich des Themas verstärkt zu widmen. „Der Innenminister ist so beschäftigt mit seiner Polizeireform, dass solche Dinge zu kurz kommen“, sagte Rülke. Gleichzeitig forderte er eine intensivere internationale Kooperation zwischen den deutschen und italienischen Behörden.

LKA-Ermittler Jäger sprach von „einem guten Informationsaustausch“. Seriösen Schätzungen zufolge erwirtschafte die Mafia weltweit 50 Milliarden Euro im Jahr. Das illegale Geld werde dann normal investiert.

Die italienische Mafia mischt vor allem in Nordrhein-Westfalens Baugewerbe kräftig mit. Die vertrauliche Analyse des dortigen Landeskriminalamts liegt einem Rechercheverbund aus „Spiegel“, WDR und Funke-Mediengruppe vor. Süditaliener mit Bezügen zur Cosa Nostra würden an Rhein und Ruhr weiterhin Schwarzarbeiterkolonnen steuern.

Mafia-Zugehörigkeit kein Straftatbestand

Der Chef des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, Dieter Schneider, brachte im Südwestrundfunk eine Verschärfung der Gesetze ins Spiel. „Die Politik muss sich sicherlich überlegen, ob unser Strafrecht und unser Strafprozessrecht ausreichend ist, um wirksamer gegen die Mafia vorzugehen.“ Die schlichte Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung stellt in Baden-Württemberg laut Schneider keinen Straftatbestand dar - im Gegensatz zum italienischen Recht.

Im Südwesten wurden im vergangenen Jahr zwei in Italien gesuchte mutmaßliche Mafia-Mitglieder festgenommen. Die Festnahmen erfolgten in Metzingen und in Singen. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Thomas Blenke, sagte, der Südwesten dürfe als wirtschaftsstarkes Land nicht weiter Zielscheibe mafiöser Strukturen und schwerer Kriminalität sein. „Diesen Sumpf darf der Innenminister nicht weiter dulden, sondern muss ihn zügig trockenlegen.“

Die Ermittlungsverfahren im Bereich der Organisierten Kriminalität sind langwierig. Im Durchschnitt dauerten sie 18 Monate, erklärte Jäger.