Baden-Württemberg Die Polizei nimmt nicht jeden

Von Arnold Rieger 

Das Land kann wählen, denn der Bewerberansturm hält auch in diesem Jahr an. Doch es mangelt an Ausbildungskapazität.

Platzt aus allen Nähten: die Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen Foto: dpa
Platzt aus allen Nähten: die Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen Foto: dpa

Stuttgart - Der Bewerberansturm bei der baden-württembergischen Polizei hält auch in diesem Jahr an. Nach Auskunft des Stuttgarter Innenministeriums haben sich bis Ende Oktober mehr als 5000 junge Frauen und Männer für das kommende Einstellungsjahr beworben. „Damit haben wir bereits jetzt genügend Bewerbungen vorliegen, um im Hinblick auf die erforderlichen Einstellungen in 2018 eine angemessene Personalauswahl treffen zu können“, sagte Innenminister Thomas Strobl (CDU) unserer Zeitung. Gegenüber dem Vorjahr, als sich rund 6500 Bewerber gemeldet hatten, ist dies zwar ein gewisser Rückgang. Doch rechnet man im Ministerium erfahrungsgemäß mit einem Nachlauf, denn der Stichtag für die Bewerbungen war der 15. November.

Die grün-schwarze Landesregierung hat beschlossen, in den Jahren 2018 und 2019 jeweils 1800 Polizeianwärter einzustellen – 400 mehr als im laufenden Jahr. Laut Strobl ist das „die umfangreichste, noch nie dagewesene Einstellungsoffensive bei der Landespolizei“. Dennoch nimmt das Land nicht jede und jeden in seine Dienste. Zwischen 15 und 20 Prozent der Bewerber werden gar nicht erst zum Einstellungstest eingeladen, weil sie entweder die medizinischen oder sportlichen Voraussetzungen nicht erfüllen, sagt Ministeriumssprecher Renato Gigliotti. Andere werden auf das nächste Einstellungsjahr verwiesen, weil die Klassen, die zum 1. März, 1. Juli und 1. September den Unterricht aufnehmen, bereits voll sind.

Werbung auf Facebook

Abstriche an der Qualität der Kandidaten macht das Land laut Gigliotti nicht: „Die Anforderungen sind seit Jahren unverändert.“ Auch die Resultate des Einstellungstests bewegten sich konstant auf relativ hohem Niveau. Rund 70 Prozent der Bewerber haben Abitur, und nicht wenige von ihnen sind dem Ministerium zufolge auch bereit, ihre Ausbildung im Mittleren Dienst zu beginnen, wenn die Plätze zur Kommissarausbildung im Gehobenen Dienst schon vergeben sind. Dass Baden-Württemberg eine leistungsstarke Polizei habe, bleibe eben nicht unbemerkt und spreche sich herum, erklärt sich Strobl das hohe Interesse. Auf Messen und Jobbörsen, vor allem aber im sozialen Netzwerk Facebook ist die Polizei denn auch ständig präsent. Selbstverständlich ist der Ansturm nicht, denn manche Bundesländer wie etwa Sachsen-Anhalt, Berlin oder Rheinland-Pfalz haben immer wieder Nachwuchssorgen. Im vergangenen Jahr stammten übrigens fast 13 Prozent der Bewerber aus anderen Bundesländern.

Der Zuwachs an Anwärterstellen wirkt sich natürlich auch auf die Ausbildung aus: Das Land sucht händeringend neue Kräfte für die Hochschule, wie die Stellenannoncen zeigen – vom Schießstandwart bis zum Dozenten für Cyberkriminalität. Überhaupt stößt das Land mit der Einstellungsoffensive hart an die Grenze der Ausbildungskapazitäten in seinen Schulen in Villingen-Schwenningen, Biberach, Bruchsal, Lahr und Böblingen. In den nächsten Wochen wird deshalb damit gerechnet, dass die Landesregierung eine deutliche Ausweitung beschließt. Die Wahl ist bereits auf die Standorte Wertheim und Herrenberg gefallen – für welche Unterrichtsbereiche, ob Studium, Ausbildung oder Fortbildung, ist allerdings noch offen. Auch die Frage, ob zusätzliche Standorte notwendig sein werden – im Gespräch sind mehrere oberschwäbische Gemeinden – hat der Innenminister noch nicht beantwortet.

Die Hochschule wächst

Auch in Villingen-Schwenningen, wo die akademische Ausbildung für den gehobenen Dienst läuft, wird man die Entscheidung der Politik spüren. Die maximale Anzahl der Studierenden soll von derzeit 1119 auf 1410 im Jahr 2019 und auf 1700 im Jahr 2021 ansteigen. „Für die Bewältigung der Einstellungsoffensiven werden zusätzlich insgesamt 64 Dozentinnen und Dozenten benötigt“, hat Strobl dieser Tage auf eine Kleine Anfrage der Grünen geantwortet. Auch Seminarräume und Unterkünfte werden in der Schwarzwald-Baar-Stadt dringend gesucht.