Coronavirus in Baden-Württemberg Händler im Land befürchten 6000 Schließungen

Abstand halten – das gilt nicht nur bei Besuch der stationären Geschäfte, sondern auch auf dem Stuttgarter Wochenmarkt. Inzwischen sind praktisch alle Geschäfte wieder geöffnet, doch viele Kunden bleiben aus. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Praktisch alle Geschäfte im Land sind wieder auf – doch ein Großteil der Händler macht dabei Verluste, weil die Fixkosten den Umsatz übersteigen. Ein Segment ist besonders betroffen. Jetzt fordert der Verband von der Landesregierung weitere Hilfen.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Stuttgart - Oft läuft der Stuttgarter City-Manager Sven Hahn derzeit durch die Stuttgarter Innenstadt, um sich selbst ein Bild zu verschaffen, wie es den Händlern in der Corona-Krise ergeht. Die City-Initiative Stuttgart (CIS) umfasst mehr als 200 Mitglieder mit mehr als 500 Geschäften und Filialen aus fast allen Branchen.

 

Doch was Hahn von ihnen sieht und hört, ist gut zwei Wochen nach Wiedereröffnung der kleinen und mittleren und wenige Tage nach Öffnung der über 800 Quadratmeter großen Geschäfte ernüchternd. „Ein Großteil der Händler macht im täglichen Geschäft noch Verluste“, sagt Hahn. „Es ist immer noch ein Abwehrkampf, von einer Normalisierung kann noch lange keine Rede sein.“

Halb so viele Passanten auf der Königstraße

Weil zu wenig potenzielle Kunden kommen, reichten den meisten Händlern die Einnahmen nicht, um Fixkosten wie die hohen Mieten zu decken. Zu Wochenbeginn wurden auf der Königstraße halb so viele Passanten wie vor der Krise gezählt. In den zwei Wochen zuvor seien es noch etwas weniger gewesen.

Wie viele der Passanten tatsächlich einkaufen und wie viel sie ausgeben, wird dabei nicht erfasst. Klar ist, dass auch in der Region die Zahl der Kurzarbeiter stark zugenommen hat. „Wenn man vom Lohn nur noch 60 Prozent Kurzarbeitergeld hat, bleibt für den Konsum weniger übrig“, sagt Hahn.

Wie überall im Land wägen die Verbraucher die Einkäufe stärker als bisher ab, insbesondere wenn die Mieten wie in der Region Stuttgart mitunter sogar die Hälfte des Monatslohns betragen. Und mit Mundschutz und Mindestabstand in einer Schlange zu stehen verbessert das Einkaufserlebnis nicht. „Die Verbraucherstimmung eilt zurzeit von Tiefststand zu Tiefststand“, teilt der Handelsverband Deutschland mit.

Der Umsatz ist um 75 bis 90 Prozent eingebrochen

Der Handelsverband Baden-Württemberg fasst die Stimmung in Zahlen: Demnach haben die Handelsunternehmen im Land in der vergangenen Woche im Schnitt 75 bis 90 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahreszeitraum erzielt. „Gerade der Textil- und Modehandel leidet besonders“, sagt Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Etwas besser verlaufe der Verkauf mit Büchern, Büromaterialien, Fahrrädern, Elektro-, Garten- und Sportartikeln.

Außerdem hätten die Lebensmittel- und Baumärkte und Drogerien bisher die Krise weitgehend ungeschoren überstanden, weil sie in Baden-Württemberg ihre Filialen nicht schließen mussten. Krisen-Gewinner seien sie deshalb nicht, betont Hagmann: Kosten für striktere Hygienemaßnahmen und mehr Personal zur Überwachung der Standards hätten das Umsatzplus oft wieder aufgefressen.

Auch wenn es tendenziell wieder aufwärts geht: Der Verband rechnet auf Jahressicht mit einem gewaltigen Defizit von durchschnittlich 50 Prozent. Und auch im nächsten Jahr werde die Corona-Krise wohl „noch tiefe Spuren hinterlassen“, so Hagmann.

Insgesamt rund 40 000 Einzelhändler gebe es im Südwesten, rund 90 Prozent davon sind kleine oder mittelständische Geschäfte. „Bis 2021 könnte es 6000 Schließungen geben“, glaubt Hagmann. Der Bundesverband befürchtet gar, dass deutschlandweit 50 000 der 450 000 Geschäfte in Insolvenz gehen müssen – insbesondere, weil das Eigenkapital aufgrund hoher Mietforderungen nicht ausreiche.

Der Verband fordert im Südwesten ein Nothilfeprogramm

Im Südwesten fordert der Handelsverband deshalb ein Nothilfeprogramm, wie es Tourismusminister Guido Wolf (CDU) einem Medienbericht zufolge Betrieben aus Gastronomie und Hotellerie in Aussicht gestellt hat. Das Konzept sieht demnach nicht rückzahlbare Hilfen in Höhe von 3000 Euro pro Betrieb und weitere 2000 Euro pro rechnerischer Vollzeitstelle vor. Das Ministerium teilte auf Anfrage mit, die Einzelheiten würden derzeit intensiv in enger Abstimmung mit dem Wirtschaftsministerium erarbeitet.

Außerdem drängt der Verband auf zinslose Kredite, damit Unternehmen Miete, Löhne und neue Ware bezahlen können. Bisher stehe nur ein Kredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit drei Prozent Zinsen zur Verfügung, kritisiert Hagmann. „Ohne die Zwangsschließungen hätte es die Probleme im Handel nicht gegeben. Dass der Staat jetzt mit den Zinsen noch Geschäfte machen und an uns verdienen will, ist ein Skandal.“

Insbesondere der Textilhandel steht unter Druck

Die Schließungen haben vor allem dem Textilhandel zugesetzt, der ohnehin schon seit Jahren kriselt. „Gerade hier könnte es noch vermehrt Insolvenzen geben“, sagte Bernhard Franke, Handelsexperte der Gewerkschaft Verdi. Seit Jahren herrsche im Handel ein Verdrängungswettbewerb: „Die Gefahr besteht, dass jetzt vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus dem Markt gedrängt werden. Falls Angestellte ihren Job verlieren, trifft es im Einzelhandel wegen des geringen Lohns und häufiger Teilzeitarbeit die Schwächsten.“

Auch deshalb appelliert der Stuttgarter City-Manager Hahn an die Verbraucher, mehr vor Ort statt online einzukaufen. Und auch er fordert von der Landespolitik weitere Finanzhilfen für die Händler. Ohne sie würden viele Unternehmen in der Stadt nicht überleben. Die Investitionen würden sich für das Land lohnen, betont Hahn.

Noch zahlten die meisten Händler die Umsatzsteuer vor Ort, viele stellten Lehrlinge ein und engagierten sich für soziale und kulturelle Zwecke, sagt er. Müssten alteingesessene Händler ihre Läden schließen, würden wohl internationale Ketten stärker in die Innenstadt drängen, mahnt Hahn: „Dann würde die Umsatzsteuer wohl in der Regel nicht mehr in Stuttgart kassiert.“

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