Baden-Württemberg hinkt hinterher Minister setzt auf Ganztagsschulen

Von  

Mit der neuen Studie rennt die Bertelsmann Stiftung beim baden-württembergischen Kultusminister offene Türen ein. Alle wollen mehr Chancengleichheit für die Schüler. Da ist in Baden-Württemberg wie in allen Bundesländern noch viel zu tun.

Die Schule muss für mehr Chancengerechtigkeit sorgen. Foto: dpa
Die Schule muss für mehr Chancengerechtigkeit sorgen. Foto: dpa

Stuttgart - Die Bildungsforscher stoßen beim baden-württembergischen Kultusminister Andreas Stoch (SPD) offene Türen auf. Man wolle mehr soziale Gerechtigkeit erreichen, der Bildungserfolg dürfe nicht mehr vom sozialen Hintergrund der Schüler abhängen, erklärte ein Sprecher des Ministeriums in der Reaktion auf den Chancenspiegel, den die Bertelsmann Stiftung gestern vorgestellt hat. Als wichtigen Schritt wertet der Minister wie die Bildungsforscher den Ausbau der Ganztagsschulen. Dabei hinkt Baden-Württemberg jedoch weit hinterher. Laut Studie ist der Anteil der Ganztagsschüler sogar zurückgegangen: Von 25, 6 Prozent 2009 auf 15, 7 Prozent im Jahr 2010.

So mag das Ministerium das nicht auf sich sitzen lassen. Der schleppende Ausbau liege an der alten Landesregierung, nun gehe es voran, 2011 seien es schon 17,2 Prozent gewesen, 2012 gar 18,9. Allerdings lag der bundesweite Durchschnitt laut Studie schon 2011 bei 28,1 Prozent. Überhaupt ist das Land im Bereich Integration aus dem Mittelfeld in die Schlussgruppe abgestiegen. Fünf Prozent aller Schüler besuchen Förderschulen (2009: 4,9 Prozent), das sind 0,2 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt, an der Spitze der Inklusion liegen Berlin, Bremen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein mit etwa 3,5 Prozent Förderschülern.

Abiturientenanteil steigt

Verbessert hat sich der Südwesten im Chancenspiegel dagegen beim Anteil der Abiturienten von 51 Prozent im Jahr 2009 auf 57 Prozent im Jahr 2011. Gleichzeitig ist der Prozentsatz der Schulabbrecher, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen haben, von 5,5 auf 5,1 Prozent gesunken. Mit diesen Werten steht der Südwesten jeweils deutlich besser da als der Bundesdurchschnitt. Dieser liegt bei den Abbrechern bei 6,2 Prozent, bei den Absolventen mit Hochschulreife bei 51,1 Prozent.

Sehen lassen kann sich auch die Kompetenzförderung. Die Viertklässler kommen insgesamt mit 505 Punkten zwar nur knapp über den Bundesdurchschnitt von 500 Punkten hinaus. Die besten zehn Prozent kratzen mit 621 Punkten am bundesweiten Spitzenniveau von 624 Kompetenzpunkten, aber bei den Schwächsten zeigt sich die Leistung der Lehrer: Die Leistungen der unteren zehn Prozent im Land übersteigen den Bundesdurchschnitt von 370 Punkten deutlich. Sie erreichen 386 Punkte und die Spanne zwischen den besten und den schlechtesten ist nicht so groß wie in anderen Ländern.

Soziale Herkunft entscheidet

Allerdings ist auch im Südwesten der Bildungserfolg nach wie vor an die soziale Herkunft gekoppelt. Wie im bundesdeutschen Durchschnitt haben auch in Baden-Württemberg Schüler aus sozial schwächeren Familien mit 82 Punkten fast ein Schuljahr Rückstand auf Schüler aus privilegierten Elternhäusern. Noch größer ist der Abstand in Bayern, Bremen, Hamburg und Hessen.

Als ein Gerechtigkeitskriterium ziehen die Bildungsforscher die Durchlässigkeit der Schulsysteme heran. Dabei kommt der Südwesten auf einen Mittelplatz. Bei den Übergangsquoten der Grundschüler auf das Gymnasium liegt der Südwesten mit 40,1 Prozent in der Schlussgruppe, der Zuwachs um 0,5 Prozent ist gering. Allerdings schlägt bei der Durchlässigkeit auch der Wechsel zwischen den Schularten in den höheren Klassen zu Buche. Hierbei kommt es auf das Verhältnis der Aufsteiger zu den Absteigern an. Da schafft es der Südwesten in die Spitzengruppe und verzeichnet eine Verbesserung. Kamen 2009 noch 3,1 Absteiger von einer höheren auf eine niedrigere Schulart auf einen Aufsteiger, so sind es 2011 noch 2,2. „Das Risiko in der Mittelstufe in eine niedrigere Schulart wechseln zu müssen ist in Berlin, Bremen, Hessen und Niedersachsen viermal so hoch wie in Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern“, heißt es in der Studie. Auch die Gefahr sitzen zu bleiben, ist im Südwesten so gering wie in kaum einem anderen Bundesland: die Quote betrug 2011 im Land 1,5 Prozent (gegenüber 1,6 im Jahr 2009), bundesweit waren es 2,7 Prozent.

Schlechte Chancen für Hauptschulabsolventen

Überraschend schlecht sind die Chancen der Hauptschulabsolventen in Baden-Württemberg auf eine Lehrstelle. Können sich in Bayern, Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern und Sachsen 51,2 Prozent der Hauptschulabsolventen Hoffnung auf eine Lehrstelle machen, so waren es 2011 hierzulande nur 35,6 Prozent. Das sind sogar noch weniger als im Jahr 2009, als 36,2 Prozent der Hauptschulabsolventen einen Platz im dualen System bekamen. Nun gehört der Südwesten bei den Berufseinstiegschancen für Hauptschulabsolventen zu den Schlusslichtern im Bund, so wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Unsere Empfehlung für Sie