Baden-Württemberg im Wandel zum E-Mobilitätsland Das Elektroladenetz ist seine Mission

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Der Energieversorger EnBW ist im Umbruch: Alte Unternehmensbereiche schrumpfen, neue entstehen. Einer davon ist die Elektromobilität, den der Konzern als Wachstumsfeld erkoren hat. Dass sich hier etwas tut, ist unter anderem Verdienst des Betriebsingenieurs Michael Walliser.

Mit dem dieselgetriebenen VW-Bus an die E-Ladesäule: Für den Betriebsingenieur der Netze BW Michael Walliser ist das Alltag. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Mit dem dieselgetriebenen VW-Bus an die E-Ladesäule: Für den Betriebsingenieur der Netze BW Michael Walliser ist das Alltag. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Autos seien für ihn Mittel, um von A nach B zu kommen, sagt Michael Walliser. Nicht mehr, nicht weniger. Aber wenn der Elektroingenieur von einem Tesla spricht, kommen doch Emotionen ins Spiel. Durch die Batterien im Boden liege der Elektroedelschlitten aus den USA wie ein Brett auf der Straße. Und da das Drehmoment bei einem Elektromotor sofort einsetze, „geht das Auto ab wie ein Düsenjet.“ Wallisers blaue Augen leuchten.

Dabei fährt der Mann eher selten elektrisch. In der Regel noch nicht einmal dienstlich. Da ist er mit einem dieselbetriebenen VW-Bus unterwegs. „Mit einem Elektro-Transporter hätte ich eine zu geringe Reichweite. Gerade auf dem Land, wo Ladesäulen rar sind, ist das ein Problem.“ Walliser tourt durchs ganze Land mit der Mission, dem gerade eben von ihm selbst angebrachten Argument die Grundlage zu entziehen. Oder einfacher gesagt: Michael Walliser hilft dabei mit, dass die Lücken im Ladenetz immer kleiner werden.

Wallisers Laufbahn steht für den Umbruch bei der EnBW

Innerhalb der EnBW zählt der 51-jährige Stuttgarter damit zu den Pionieren, die einen völlig neuen Bereich im Konzern aufbauen. Und seine eigene Laufbahn steht ein wenig auch für den Umbruch im 20 000-Mitarbeiter-Koloss EnBW, für dessen Tochter Netze BW Walliser arbeitet.

Denn Walliser, der nach einer Lehre als Elektroinstallateur die Hochschulreife nachgeholt und Elektrotechnik studiert hat, hatte beim EnBW-Vorgänger Neckarwerke zunächst einen ganz anderen Job: Als Techniker im Mittel- und Hochspannungsnetz fing er an und stieg schnell zum Leiter des Niederspannungsnetzbetriebs für die Stadt Stuttgart auf. Er sorgte also dafür, dass alle Kunden verlässlich den Atom- und Kohlestrom geliefert bekamen, der Ende der neunziger, Anfang der Nullerjahre noch überwiegend durch die Leitungen floss. Etwa 30 Mitarbeiter führte Walliser damals. Heute existiert sein damaliger Job so nicht mehr – die Sparmaßnahmen der vergangenen 15 Jahre haben auch im Netzbereich ihre Spuren hinterlassen.

Die Rückkehr zur Natur und Technik

Doch Walliser orientierte sich schon vorher neu. 2010 machte die EnBW erste Gehversuche mit der Elektromobilität und stellte dazu unter anderem Beschäftigten der Stadt Stuttgart Elektromofas zur Verfügung. Deren Übergabe fand medienwirksam vor dem Rathaus statt – einer der Überbringer: Michael Walliser. Ein EnBW-E-Bike steht bis heute in seiner Garage. Derzeit allerdings nicht fahrtauglich. „Ein kleiner Defekt. Das krieg ich wieder hin.“

Etwa zur gleichen Zeit entschlossen er und seine Familie sich, auf einen Hof aus dem 17. Jahrhundert nach Horb zu ziehen, ihn mit natürlichen Baustoffen zu renovieren und auf Selbstversorgung umzusatteln. „Ich bin eher ökologisch eingestellt“, sagt Walliser, der in Horb Pferde und Hühner hält und mit Holz und Sonnenenergie heizt. „Eines Tages kam mir zu Ohren, dass bei der Ladeinfrastruktur dringend jemand gesucht wird, der das verantwortlich koordiniert.“ Und da Walliser ohnehin fand, er sitze zu viel am Computer und arbeite zu wenig technisch, ergriff er die Chance.

Der Bereich Elektromobilität ist noch im Entstehen

Nicht jeder seiner Kollegen verstand das. Wenn sich einer für eine Dienstfahrt aus dem Fuhrpark ein E-Mobil reservierte, fand sich immer einer, der „viel Glück“ für die elektrische Fahrt wünschte, erinnert sich der Elektroingenieur. Und in der Tat wusste auch er nicht, wie langfristig sein Engagement für die Elektromobilität sein würde – „eine Weile war durchaus nicht klar, ob die EnBW das weiter verfolgt“. Gedanken über seine Zukunft hat er sich dennoch nie gemacht. „Ich wusste, dass ich in der EnBW eine andere Aufgabe finde.“

Damals umfasste das Ladenetz der Netze BW rund 300 Säulen, die vor allem an der Rheinschiene und im Großraum Stuttgart/Esslingen standen. Heute sind es etwa 530 Stück. „Im Vergleich zu unserem restlichen Netz ist das immer noch wenig“, sagt Walliser, „auch wenn das Tempo wächst.“ Entsprechend ist auch der Bereich Elektromobilität im Konzern eher im Entstehen, und auch Wallisers Tätigkeit changiert.

Auch an der konzerneigenen Ladesäule mitgearbeitet

Anfangs erledigte der 51-Jährige noch selbst den Service an den Säulen und fuhr an Ort und Stelle, wenn eine Stromtankstelle umgefahren worden war. Zeitweise lieh Netze BW Walliser an die Konzernmutter aus. Dort arbeitete er an der Entwicklung der Ladesäule Smight und einer Montageanleitung für die Wallbox mit – eine Wandladestation die die EnBW ihren e-mobilen Kunden anbietet. Mittlerweile arbeitet Walliser wieder mehr, als ihm lieb ist, am Schreibtisch, um etwa die Montage von Ladesäulen zu standardisieren. Oft schult er auch Kollegen in Aufbau und Wartung der Infrastruktur.

Noch ist die Elektromobilität bei der Netze BW kein eigener Bereich, sondern als Projekt organisiert, an das aus verschiedenen Abteilungen entsprechende Spezialisten wie Walliser entliehen sind. Die Zeiten, in denen Elektroautofahrer den Monteuren eine Cola ausgaben, weil sie sich über die neue Ladesäule freuten, wie es Walliser einmal in Denkendorf passierte, sind auf der anderen Seite aber auch vorbei.

Noch sind viele Fragen ungelöst

Dennoch liegen noch viele Aufgaben vor Walliser, viele Fragen sind noch ungelöst. Beispielsweise lässt sich zwar per App die nächste freie Ladesäule finden – ob aber auch der Parkplatz davor frei ist, zeigt sich erst vor Ort. Oder das Problem, wie man Ladeplätze bei Unternehmen sinnvoll auslasten kann, ohne dass die Mitarbeiter umparken müssen. An den Lösungen solcher Probleme denkt Walliser mit.

Überhaupt, findet er, wird Elektromobilität noch viel zu sehr vom Auto her gedacht und viel zu wenig von der Infrastruktur. Das fange schon beim Ziel der Bundesregierung an, bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutsche Straßen bringen zu wollen. „Das war wie ein Weihnachtswunsch.“ Oft scheitere der Kauf eines E-Mobils ja gar nicht an der Anschaffung, sondern an der Angst, damit liegen zu bleiben. „Die muss man den Leuten nehmen.“ Mit dem Ausbau der Ladeinfrastruktur. Michael Walliser arbeitet daran.