Baden-Württemberg Neuer Vorschlag für Lösung im Schulstreit
Kocht der alte Streit über Schulstrukturen wieder hoch, oder gibt es eine Chance auf Beilegung? Was Forscher und Schulpraktiker als Lösung vorschlagen.
Kocht der alte Streit über Schulstrukturen wieder hoch, oder gibt es eine Chance auf Beilegung? Was Forscher und Schulpraktiker als Lösung vorschlagen.
Gut zwei Jahre ist es her, dass eine lagerübergreifende Bildungsallianz im Land gescheitert ist, obwohl davor fast alle im Landtag vertretenen Parteien dafür waren. Seither ist der Bedarf an Schulstrukturreformen im Land nicht kleiner geworden. Doch im Wahlkampf sind die alten Schützengräben zwischen den Befürwortern des gegliederten Schulwesens und den Anwälten der Gemeinschaftsschule wieder tiefer geworden.
Umso bemerkenswerter ist, dass eine Gruppe von zehn Bildungsforschern und Schulpraktikern aus dem Land ihr Konzept für eine neue Sekundarschule weiter ausgefeilt hat. Ihr Anspruch ist hoch: Erstens wollen sie eine konkrete Antwort auf die drängendsten Schulprobleme im Südwesten geben und nicht einfach ein bildungspolitisches Ideal propagieren. Zweitens wollen sie Stärken aller tradierten Schularten unter dem neuen Dach vereinen. Drittens sollen der ideologische Streit außen vor und wissenschaftliche Erkenntnisse „leitend sein“ für die Gestaltung der neuen Schulart. Das hebt Thorsten Bohl, Bildungsforscher, Leiter der Tübinger School of Education und einer der Autoren, hervor.
Es ist nicht nur so dahin gesagt ist, dass die neue Schulart sich von allen Vorgängern eine Scheibe abschneiden soll. „Für uns steht im Vordergrund, alle Schularten mitzunehmen“, macht Thorsten Bohl klar. Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen sollen Elemente ihrer angestammten Methoden in der neuen Schulart wiederfinden.
„Aus der Hauptschulpädagogik haben wir neben der Berufsorientierung die starke Gewichtung der Basiskompetenzen übernommen“, erläutert Bohl. „Die Hauptschulen hatten traditionell Schülerinnen und Schüler, die aufgrund von Lebens- und Verhaltensschwierigkeiten nicht so richtig zum Lernen gekommen sind“. Sie wieder in Lernprozesse zu bringen, ist in seinen Augen „eine große pädagogische Leistung der Hauptschulen immer gewesen“. Da viele Kinder heute in der Grundschule nicht ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen lernten, sei die Fähigkeit, Basiskompetenzen auch ab der fünften Klasse zu vermitteln, umso wichtiger.
Auch der Einfluss der Realschulen ist nach Bohls Erläuterungen prägend für das Konzept. „Beim Stichwort Berufsorientierung haben natürlich auch die Realschulen Pate gestanden, von denen wir außerdem die starke fachliche Orientierung übernommen haben“, erklärt er. Erste Angebote zur beruflichen Orientierung soll es ab der fünften Klasse geben, in den oberen Klassenstufen sollen Praktika Standard sein und nach der zehnten Klasse ein Übergangsjahr zur Berufsorientierung möglich werden. Die hohen Anforderungen in den Fächern, wie sie in den Realschulen Tradition ist, bleibt laut Bohl ebenfalls zentral, „um die Anschlussfähigkeit an das Gymnasium aufrecht zu erhalten“. Direkte Wege zum Abitur sollen in dem neuen Konzept ebenfalls Standard sein.
Von den Gemeinschaftsschulen abgekupfert werden laut Bohl die Fähigkeiten, den Unterricht auf verschiedene Leistungsniveaus auszurichten und Konzepte zum Umgang mit Heterogenität. „Konzeptionell können die Gemeinschaftsschulen relativ geschmeidig weitermachen“, setzt er hinzu. Hausaufgaben für diese Schulart nennt Bohl aber auch: „Die Qualität muss gerade bei Konzepten, die in starkem Maße individualisiert sind, stimmen, sonst funktionieren sie nicht“, mahnt er. „Wenn das fehlt, sind gerade benachteiligte Kinder in individualisierten Lernprozessen ziemlich verloren.“
Nicht vorgegeben wird von den Initiatoren der Sekundarschule die Didaktik, wie mit heterogenen Schülern umzugehen ist. „Es müssen weder alle Schulen die Individualisierungskonzepte aus den Gemeinschaftsschulen praktizieren, noch müssen sie unterschiedliche Leistungsgruppen bilden, wie es im dreigliedrigen Schulsystem einmal Standard war.“ Bei diesem Thema gilt laut Bohl für die Schulen ab Klasse 7 Wahlfreiheit. Diese Offenheit sei „anschlussfähig“ an die Praxis der Real- und der Gemeinschaftsschulen. „Wichtig ist, dass die Schulen einen geeigneten Weg suchen und diesen immer wieder überprüfen.“
Aktuell sieht Bohl kaum Chancen, alle Parteien für das Projekt zu gewinnen. Tatsächlich lassen CDU und Grüne, ohne die nach der Wahl keine Regierung gebildet werden kann, im Wahlkampf erkennen, dass sie absehbar keine Schulstrukturreformen anpacken wollen. „Aber die Zeit arbeitet für das Konzept. Langfristig sehen wir dazu keine Alternative“. Bohl nennt dafür eine ganze Reihe von Gründen: Viele Viertklässler-Eltern verstehen die Unterschiede zwischen Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschule nicht mehr. Die Bildungsforscher können die Schularten auch nicht mehr sauber unterscheiden, weil die Schnittmengen – bei Auftrag, Abschlüssen und Schülerschaft – zu groß geworden sind. „Im Grunde ist das ein einziges Chaos, das Unsicherheit stiftet“, bilanziert Bohl.
Außerdem gebe es im Land schon jetzt zu viele kleine Haupt-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen. „Wir müssen uns auf sinkende Schülerzahlen einstellen.“ Es werde immer schwerer, an Kleinschulen den Lehrerbedarf zu decken und ein breites Fächerangebot zu gewährleisten. Bohls Fazit: „Baden-Württemberg braucht den Mut, für die kleinen Schulen neue Konzepte zu denken.“
Verbände
Zuletzt haben Verbände der Real- und Gymnasiallehrer noch einmal für die „bewährten und profilierten“ Haupt- und Werkreal-, Real- und Berufsschulen und Gymnasien getrommelt. Sie fordern, dass es zu einer Stärkung des Schularten kommen soll. Das Problem: In der tradierten Form existieren Haupt-, Werkreal- und Realschulen im Land seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Beide Schularten unterrichten inzwischen Schüler aller Begabungsklassen und führen sowohl zum Haupt- als auch zum Realschulabschluss.
Unterstützer
Neben Thorsten Bohl zählen auch die Heidelberger Bildungsforscherinnen Havva Engin und Anne Sliwka sowie der Ludwigsburger Professor Albrecht Wacker zu den Autoren. Neben den Wissenschaftlern haben auch Schulpraktiker – Rektoren von Real-, Gemeinschafts- und Berufsschulen und ein Schulbürgermeister – daran mitgearbeitet. Auch der Berufsschullehrerverband begrüßt die aktuelle Debatte um die Weiterentwicklung der Sekundarstufe I ausdrücklich: „Jede Reform, die das Ziel verfolgt, Schülerinnen und Schüler besser zu fördern, Leistungsfähigkeit zu sichern und Bildungswege durchlässig zu gestalten, verdient eine sachliche und konstruktive Diskussion“, erklärte der Verband.
Korrektur
In einer vorherigen Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, die Berufsschullehrer hätten sich für die Bewahrung der bestehenden Schularten ausgesprochen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. luß