Baden-württembergische Kommunalpolitik Sind Frauenlisten noch zeitgemäß?

Von Carolin Klinger 

In Baden-Württemberg wollen kommunale Frauenlisten dafür sorgen, dass der Frauenanteil in den politischen Gremien zunimmt. Doch während man in Herrenberg keine Nachwuchssorgen hat, lösen sich andere Frauenlisten auf.

Vor 100 Jahren durften die Frauen in Deutschland erstmals wählen – doch nach wie vor sind Frauen in politischen Gremien unterrepräsentiert. Foto:dpa Foto:  
Vor 100 Jahren durften die Frauen in Deutschland erstmals wählen – doch nach wie vor sind Frauen in politischen Gremien unterrepräsentiert. Foto:dpa

Nufringen/Herrenberg - Sie wollten die Altherrenriege aufmischen, frischen Wind in den Gemeinderat bringen: Als sich die Frauenliste in Nufringen gründete, war es das Ziel der Kandidatinnen, mehr Frauen in die Politik zu bringen. „Damals gab es nur eine Gemeinderätin in Nufringen“, sagt Gabriele Zwirner. Die Frauenliste sei das Mittel zum Zweck gewesen, um das zu ändern.

20 Jahre später löst sich die Nufringer Frauenliste auf. Allerdings nicht, weil das Ziel erreicht ist und nun ohnehin genügend Frauen von anderen Fraktionen in den Gemeinderat drängen. Ganz im Gegenteil: Die Gemeinderätinnen Gabriele Zwirner und Christa Reiber wollen bei der Gemeinderatswahl im Mai nicht mehr antreten – doch es fehlen junge Frauen, die nachrücken und das Zepter übernehmen wollen. „Es war schon bei der letzten Kommunalwahl extrem schwierig, die Liste vollzukriegen“, erläutert Christa Reiber. Zehn Jahre hatte sich die heute 60-Jährige im Gemeinderat eingebracht. „Es wird nun Zeit für etwas Neues“, findet sie. Auch Gabriele Zwirner hat nach 13 Jahren genug.

Baden-Württemberg ist Schlusslicht

Damit stehen die politisch engagierten Frauen in Nufringen vor einem Problem, das auch andere Kommunen teilen. „Es ist generell schwierig geworden, Kandidaten zu finden, nicht nur bei den Frauen“, sagt Susanne Berger, die Präsidentin des Dachverbands Frauenlisten Baden-Württemberg. „Dabei ist das doch eine tolle Möglichkeit, etwas zu bewirken.“ Sie glaubt jedoch nicht, dass Frauenlisten im Land generell im Begriff sind zu verschwinden: „Es gründen sich auch immer mal wieder neue.“ Doch sie gehe davon aus, dass mehr aufhören. So werden auch die Frauenlisten in Kirchheim/Teck, Kehl und Friedrichshafen nicht mehr antreten.

Dabei seien die Frauenlisten nach wie vor wichtig. „Wir sind in Baden-Württemberg das Schlusslicht beim Frauenanteil unter den Landtagsabgeordneten“, sagt Berger. „Ich will nicht noch einmal 100 Jahre darauf warten, dass die Frauen mit den Männern gleichziehen“, ergänzt sie in Anspielung auf das Frauenwahlrecht, das vor 100 Jahren eingeführt wurde.

Frauenliste überzeugt – nicht nur mit Frauenthemen

Dabei haben die Kandidatinnen der Frauenlisten schon viel erreicht – auch in Nufringen. „Als die Liste gegründet wurde, bekamen auf Anhieb zwei Kandidatinnen ein Mandat. Es hat also funktioniert“, sagt Christa Reiber. Im Jahr 2009 kam die Frauenliste sogar auf drei Sitze. „Damals hatten wir das Ziel fast erreicht, einen Frauenanteil von 50 Prozent im Gemeinderat zu bekommen, wenn man unsere damalige Bürgermeisterin dazurechnet“, erinnert sich Reiber. Auch sei man inzwischen von den Bürgern akzeptiert worden. „Euch kann man wählen – das sagen viele Leute zu uns. Und zwar auch Männer“, ergänzt Zwirner.

Das sei nicht von Anfang an so gewesen. „Wir wurden sofort in die Emanzen-Ecke gestellt. Und wenn wir im Gemeinderat das Wort ergriffen, haben sich andere Gemeinderäte miteinander unterhalten“, erzählt die 52-Jährige. Damals sei sie auch gefragt worden, wie sie sich als dreifache Mutter politisch engagieren könne. „Einen Mann würde man sowas nie fragen“, sagt die Sozialarbeiterin voller Empörung.

Inzwischen hat die Frauenliste aber längst überzeugt – und zwar nicht nur mit Themen wie Kinderbetreuung und Spielplatzbau, die klassisch den Frauen zugerechnet werden. „Das Tolle an der Gemeinderatsarbeit ist ja, dass man sich mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzen kann“, sagt Zwirner. Sie hofft, dass sich künftig wieder junge Frauen dafür begeistern können.

Frauenlisten strahlen auf andere Fraktionen ab

So wie in Herrenberg. Dort hat man zurzeit nicht die geringsten Probleme, genügend Kandidatinnen zu finden. „Wir haben keine Nachwuchssorgen, unsere Liste ist so voll wie noch nie“, sagt Eva Schäfer-Weber, die Fraktionssprecherin der Frauenliste im Gemeinderat von Herrenberg.

Doch das war auch schon anders: „Vor Jahren haben wir auch gebangt, ob wir genügend Kandidatinnen zusammenbekommen. Aber ans Aufgeben haben wir nie gedacht“, betont sie. Seit 25 Jahren gibt es die Frauenliste in Herrenberg, seitdem hat sich viel verändert. „Dort, wo es eine Frauenliste gibt, strahlt das auch auf die anderen Fraktionen ab“, sagt Schäfer-Weber. In Herrenberg seien die Frauen jedenfalls ein fester Bestandteil des Gemeinderats. „Wenn wir uns engagieren, dann richtig. Frauen wollen keine Mitläufer sein und melden sich öfter zu Wort als die Männer“, hat Schäfer-Weber beobachtet. Die Frauenliste auflösen wolle sie erst, wenn der Gemeinderat ganz selbstverständlich zu 50 Prozent aus Frauen bestehe.




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