Baden-Württembergische Literaturtage Gelesen wird auch im Recyclingwerk

Viel Prominenz der Literaturszene kommt zum Festival in die Region: zum Beispiel der aus dem Fernsehen bekannte Literaturkritiker Denis Scheck. Foto: Günter Schwiering 4 Bilder
Viel Prominenz der Literaturszene kommt zum Festival in die Region: zum Beispiel der aus dem Fernsehen bekannte Literaturkritiker Denis Scheck. Foto: Günter Schwiering

Die beiden Städte Böblingen und Sindelfingen richten gemeinsam mit der Volkshochschule die 34. Baden-Württembergischen Literaturtage aus. Namhafte Schriftsteller aus dem Land sowie lokale Autoren gestalten mehr als 100 Veranstaltungen.

Böblingen: Gerlinde Wicke-Naber (wi)

Böblingen/Sindelfingen - Nach Böblingen pendeln viele Auswärtige zur Arbeit: zu IBM, zu Hewlett-Packard, zum Anlagenbauer Eisenmann, ins Softwarezentrum auf der Hulb. Nach Sindelfingen zieht es nicht nur die Mitarbeiter des Mercedes-Benz-Werks. Die Stadt ist weltweit bekannt für ihre Autos, die viele Kunden persönlich im Kundencenter abholen. Der Literatur wegen hat es bisher noch niemanden in die Region gezogen. Die Betonung liegt hier auf bisher. Denn im Herbst soll sich das ändern. Die beiden Städte richten gemeinsam mit der Volkshochschule Böblingen-Sindelfingen die Baden-Württembergischen Literaturtage aus. Dabei hoffen die Veranstalter nicht nur auf viel Publikum aus den Städten, sondern auch auf jede Menge Gäste aus dem gesamten Land.

„SchreibArbeit“ lautet das Motto

Zweideutig ist das Motto „SchreibArbeit“ der vierwöchigen Reihe mit mehr als 100 Veranstaltungen. „Wir knüpfen damit an das Thema Wirtschaftsstarker Raum und Arbeitsplätze an, das unsere Städte bestimmt“, erklärte es der Sindelfinger Kulturamtsleiter Horst Zecha. „Aber auch, dass Schreiben Arbeit ist.“

Es war die Arbeit, die viele Südländer aus ihrer Heimat nach Böblingen und Sindelfingen lockte. Davon berichtet am 14. Oktober Bernardino Di Croce, der vor mehr als 50 Jahren als einer der ersten italienischen Gastarbeiter nach Sindelfingen kam. Seine Erinnerungen und die vieler Landsleute hat er in einem Buch ­zusammengefasst, das an diesem Abend präsentiert wird. Einen direkten Bezug zum größten Arbeitgeber vor Ort gibt es beim Abschlussabend am 5. November, der im Kundencenter des Mercedes-Benz-Werks stattfindet. Dort werden die Preise für die Sieger des Schreibwettbewerbs mit dem Motto „SchreibArbeit“ vergeben.

Eingebunden in die Literaturtage sind nicht nur viele lokale Autoren und Akteure – Vereine, Kirchen, Theatergruppen, soziokulturelle Zentren, Unternehmen und Gastronomen. Auch große zugkräftige Namen der Literaturszene konnten die Veranstalter gewinnen. So wird das Festival am 9. Oktober vom mehrfach preisgekrönten Schriftsteller Michael Kleeberg eröffnet, der seine Jugend in Böblingen verbracht hat. Weitere prominente Gäste sind die Fernsehmoderatorin Thea Dorn, der Stuttgarter Krimiautor Heinrich Steinfest, der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger, der schwäbische Lyriker Walle Sayer und der aus dem Fernsehen bekannte Literaturkritiker Denis Scheck.

Bewerbung war vor elf Jahren

Zum 34. Mal werden die Baden-Württembergischen Literaturtage ausgetragen, jedes Jahr sind sie in einer anderen Stadt. Elf Jahre ist es her, dass der damals frischgebackene Böblinger Kulturamtschef Peter Conzelmann beim Kulturministerium die Bewerbung abgab. „Damals sagte man mir: ‚Da müssen sie sich hinten anstellen. Der nächste freie Termin ist in elf Jahren.‘“ Conzelmann war überzeugt, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Böblingen zu sein. Er irrte sich. Nun richtet er gemeinsam mit seinem Sindelfinger Kollegen Horst Zecha das Festival aus. Denn wenn es auch sonst oft knirscht zwischen den Nachbarstädten, bei der Kultur versteht man sich. Bestes Beispiel ist die jährliche gemeinsame Lange Kulturnacht.

Bewusst habe man die Programmgestaltung am Runden Tisch gemacht, so Conzelmann. „Wir wollten möglichst viele Gruppen einbinden. Allerdings gab es klare Vorgaben: Die Autoren müssen einen Bezug zu Baden-Württemberg haben.“ Auch auf eine gewisse Qualität habe man Wert gelegt.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, sind die meisten Veranstaltungen, darunter auch viele Workshops für Schüler, kostenlos. Dass Literatur nicht nur etwas für Kulturbeflissene in Bibliotheken ist, sondern in den Alltag gehört, das zeigen Lesungen an besonderen Orten: im Wald, in Kneipen und im Recyclingwerk.




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