Schulreformen in Baden-Württemberg Das sind Theresa Schoppers Pläne
Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper will auch bei knappen Kassen Reformen anschieben. Im Interview verrät sie, welche Projekte Vorrang haben.
Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper will auch bei knappen Kassen Reformen anschieben. Im Interview verrät sie, welche Projekte Vorrang haben.
Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hat einiges vor. Sie will trotz des engen Finanzkorsetts, welches ihr der Landeshaushalt vorgibt, Schulreformen auf den Weg bringen.
Frau Schopper, in fünf Wochen geht Ihr erstes Schuljahr als Kultusministerin zu Ende. Wie zufrieden sind Sie mit sich?
Das war schon ein hartes Jahr für mich und die Schulen, weil es wegen Corona die ganze Zeit um Krisenmanagement ging. Das Wichtigste war, Schulschließungen zu verhindern. Ich bin froh, dass das gelungen ist. Wir wissen aus den Erfahrungen vom Vorjahr, dass geschlossene Schulen Gift für die Entwicklung der Kinder sind.
Bisher hat das Coronamanagement Sie komplett in Beschlag genommen. Haben Sie jetzt Luft, um schulpolitische Akzente zu setzen?
Gott sei Dank sind wir in einer anderen pandemischen Lage, und die aktuelle Variante hat im Wesentlichen milde Verläufe. Wenn das so bleibt und wir es nicht noch mit einer „Killermutante“ à la Lauterbach zu tun bekommen, können die Schulen mit der Pandemie zurechtkommen. Die Aufgabe, ukrainische Schüler zu integrieren, stellt sich jetzt noch einmal intensiver, weil viele Flüchtlinge doch länger hierbleiben werden, als sie es sich zunächst vorstellen wollten. Das bedeutet, dass wir zusätzliche Klassen bilden. Heute haben wir für Schulkinder fast 400 Vorbereitungsklassen und knapp hundert Klassen zur Vorqualifizierung von Jugendlichen für den Beruf. Aber natürlich sind die Hausaufgaben damit noch nicht vom Tisch.
Also wieder keine Zeit für schulpolitische Akzente?
Doch, doch. Wir starten jetzt den Schulversuch, den Grüne und CDU vereinbart haben, und wir probieren Alternativen zur Leistungsbemessung durch Noten an den Grundschulen aus. Nach den Sommerferien soll es mit 39 Schulen losgehen. Sie werden von der ersten bis zur vierten Klasse ohne Noten arbeiten. Dieser Modellversuch läuft einige Jahre und wird natürlich evaluiert. Am Ende wollen wir vergleichen, wie es um die Unterrichtsqualität und die Leistungen der Schüler bestellt ist, wenn in der Grundschule alle vier Jahre ohne Noten gelernt wird.
Sie sind aktuell die einzige grüne Kultusministerin Deutschlands.
Wahrscheinlich bleibe ich es auch, nach allem was man von der Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein hört.
Damit sind Sie ein Solitär in der Bildungslandschaft. Sicher wollen Sie zeigen: So geht grüne Schulpolitik. Ist der Schulversuch zur Grundschule ohne Noten dieses Signal?
Das ist nur ein Teil. Es gibt das Phänomen des „bulimischen Lernens“, wo für den Test gepaukt und danach alles wieder vergessen wird. Damit ist kein Bildungsziel erreicht, und das verstehe ich auch nicht unter Qualität. Deshalb ist der Schulversuch wichtig. Mein Hauptziel ist, mehr soziale Gerechtigkeit zu ermöglichen. Dafür wollen wir auch ambitionierte Projekte aus dem Koalitionsvertrag umsetzen – etwa einen Modellversuch mit multiprofessionellen Teams.
Die großen Brocken kommen noch, wenn es bei den Chefgesprächen mit Finanzminister Bayaz über den Haushalt ernst wird. Er fordert angesichts der schwierigen Kassenlage zur Prioritätensetzung auf. Was ist Ihre?
Ich habe die Rückendeckung des Ministerpräsidenten und der beiden Fraktionschefs: Bildung insgesamt hat Priorität. Das ist ein Wort, auf das ich in den Etatgesprächen zurückkommen werde. Weil die Spielräume eng geworden sind, können wir zwar keine großen Sprünge machen. Trotzdem ist es eine absolute Pflichtaufgabe, bei steigenden Schülerzahlen durch die demografische Entwicklung und durch neu hinzukommende ukrainische Kinder die Schulen gut auszustatten.
Können Sie zusätzliche Lehrer einstellen? Wie viele brauchen Sie?
Die Lehrereinstellung läuft seit Ende November. Allmählich zahlt es sich aus, dass wir mehr Grundschullehrer in Baden-Württemberg ausbilden. Da entspannt sich die Personalnot zumindest etwas. Bei den Sonderpädagogen sind die Probleme nach wie vor groß. Die beiden Studiengänge in Heidelberg und Ludwigsburg werden deshalb jetzt um einen neuen Standort in Freiburg ergänzt, den wir gerade beschlossen haben.
Können Sie denn alle Stellen besetzen?
Wir haben 98 Prozent unserer Stellen besetzt, damit liegen wir gar nicht so schlecht. Trotzdem gibt es Problemzonen zum Beispiel in ländlichen Regionen oder in der Region Stuttgart, wo Berufseinsteiger nicht unbedingt hinwollen. In Gymnasien ist die Versorgung am besten, da haben wir aber Probleme in Informatik und Physik und Kunst. In den Realschulen haben wir einen Versorgungsgrad nahe hundert Prozent, bei den Beruflern wird die Lage allmählich besser.
Trotzdem nennt jede Umfrage unter Rektoren Lehrermangel und Krankenreserve als Problem Nummer eins.
Ja, denn uns fallen auch durchschnittlich drei bis vier Prozent der Lehrkräfte wegen Schwangerschaft und Krankheit aus. Bei der Krankheitsreserve sind wir mittlerweile zwar fast bei den ursprünglich vereinbarten 2000 Stellen. Aber in der Realität ist die Reserve an vielen Schulen schon im Normalbetrieb eingesetzt. Das ist das Problem, mit dem die Schulleiter zu kämpfen haben.
Denken Sie, um auf einen besseren Stand zu kommen, auch an unpopuläre Dinge wie die Erhöhung des Klassenteilers?
Der Klassenteiler ist aktuell so etwas wie die letzte Patrone. Nach dem ganzen Corona-stress will ich jetzt nicht sagen: Wir stopfen die Klassen voll. Allerdings ist mir klar, dass es ziemliche Ungerechtigkeiten gibt. Wir haben kleine Grundschulen, die mit dem Klassenteiler nie in Berührung kommen, während in Städten wie Mannheim oder Stuttgart Klassen aus allen Nähten platzen.
Wie viele kleine Grundschulen gibt es in Baden-Württemberg?
Wir haben fast 800 Grundschulen mit weniger als hundert Schülern.
Das ist jede dritte. Ich nehme an, Schulschließungen sind die zweitletzte Patrone in Ihrem Arsenal?
Nein, wir haben keine Handhabe, um Grundschulstandorte zu schließen. Aber wenn wir den Anspruch auf ganztägige Betreuung für Grundschüler von 2026 an umsetzen, müssen die Träger prüfen, wo man diese Angebote macht. Auch die Frage, ob und wo ein Ganztagsschulangebot eingerichtet wird, muss man überlegen. Das wird es nicht an jeder Schule mit zwölf Kindern pro Klasse geben können.