Badenweiler Wo Tschechow seinen letzten Atemzug tat

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Ein neu gestaltetes Literaturmuseum erinnert in Badenweiler an den russischen Dichter. Der wollte in dem Kurort seine Tuberkulose kurieren, dann starb er dort nur einen Monat nach seiner Ankunft.

Der Slawist Heinz Setzer ist Leiter des    Museums, er organisiert aber auch Kongresse zu Tschechow in Badenweiler. Foto: Heinz Siebold
Der Slawist Heinz Setzer ist Leiter des Museums, er organisiert aber auch Kongresse zu Tschechow in Badenweiler. Foto: Heinz Siebold

Badenweiler - Der Kurort Badenweiler, 30 Kilometer südlich von Freiburg, eröffnet am Freitag, 17. Julli, mit internationalen Gästen sein neuestes Schmuckstück: Das komplett neu gestaltete Literaturmuseum, das früher als „Tschechow-Salon“ eher etwas abseits im Kurhaus angesiedelt war. Das neue Literaturmuseum ist nun mitten im 4000 Einwohner zählenden Ort, gegenüber dem Thermalbad, im Untergeschoss des Rathauses untergebracht.

Die Gemeinde hat fast 200 000 Euro ausgegeben, gestaltet hat es der Designer Kurt Ranger aus Stuttgart. Er ist mit seinem Büro zur Stelle, wenn es um die didaktisch wertvolle Präsentation von Dichtern oder historischen Ereignissen wie das Konstanzer Konzil geht, oder auch um die Erlebniswelt eines FC Bayern in der Allianz Arena.

Das fachliche Plazet für das Literaturmuseum in Badenweiler hat die Arbeitsstelle für literarische Museen im Deutschen Literaturarchiv in Marbach gegeben, ein Zuschuss von 30 000 Euro ist damit verbunden. Im 120 Quadratmeter großen Kabinett sind jetzt neben Tschechow 24 andere namhafte Literaten gewürdigt, die in Badenweiler gelebt oder gewirkt haben, zumeist durch kurze biografische Angaben. Manche hätten ein eigenes Museum verdient, René Schickele in erster Linie, denn er hat dort ein Jahrzehnt gelebt und geschrieben, sein Haus wird von einer Verehrerin sorgsam behütet und bewohnt.

Der berühmte Dichter wollte seine Tuberkulose kurieren

Das Literaturmuseum im Ortskern widmet sich Anton Pawlowitsch Tschechow, der am 28. Januar 1860 in Taganrog, nahe Rostow an der Don-Mündung, geboren wurde und 1904 in Badenweiler starb. Nur knapp einen Monat war das Ehepaar Tschechow in Deutschland, der Dichter wollte endlich seine Tuberkulose kurieren, die ihn seit Jahren plagte.

In Badenweiler, die neben Baden-Baden berühmteste deutsche Sommerresidenz der Reichen und Berühmten, praktizierten die besten Lungenärzte der damaligen Zeit. Doch auch sie konnten den Patienten nicht retten, er starb kurz nach Mitternacht am 15. Juli im Zimmer des „Parkhotels Sommer“ neben dem Rathaus an Herzschwäche. Am Fenster des Sterbezimmers ist eine große Bronze-Plakette angebracht, am Balkon bereits seit 1908 eine Marmortafel, der Platz heißt natürlich Anton-Tschechow-Platz.

Viel Ehre für einen Schriftsteller, der rein zufällig in Badenweiler gestorben ist. Heinz Setzer, der Museumsleiter lächelt. „Erstens hat er es als Schriftsteller verdient, er hat das moderne Theater maßgeblich geprägt“, sagt er. Er sei Gesellschaftskritiker, aber kein Revolutionär gewesen. „Er war unideologisch“, betont der Slawist Setzer, der früher an der Universität Tübingen arbeitete, wo das Erbe Tschechows besonders behütet wird. Mit dem Literaturprofessor Rolf-Dieter Kluge, hat Setzer bereits drei Tschechow-Kongresse organisiert, sie führen die Deutsche Tschechow-Gesellschaft.

Das erste Denkmal für einen russischen Schriftsteller

Auch wenn Tschechow politisch nicht eindeutig positioniert war, so wurde sein Gedenken auch immer wieder politisch geprägt. Dass Badenweiler 1806 das erste Denkmal für einen russischen Schriftsteller in Westeuropa bekam, war diplomatische Beziehungspflege zwischen dem russischen und dem badisch-großherzoglichen Hof.

Tschechows zehnter Todestag kurz vor der Kriegserklärung im Sommer 1914 war noch von beiden Seiten hochrangig besucht, doch der Erste Weltkrieg tilgte die Erinnerungskultur auch im Wortsinn: Die Bronzeskulptur wurde noch 1918 für Kriegsmaterial eingeschmolzen.

Erst Mitte der 1950er Jahre ergriffen kluge Badenweiler Bürgermeister wie Ernst Eisenlohr und Karl-Friedrich von Siebold wieder die Chance, etwas für die Aussöhnung der einstigen Kriegsgegner und für das Renommee des Kurortes zu tun. Ihre Nachfolger haben diese Tradition fortgesetzt und so sind Kongresse und Besuche von Wissenschaftlern in Sachen Tschechow neben den Kuraufenthalten von Russen und anderen Osteuropäern für lange Zeit Normalität geworden.

Nun aber sind die deutsch-russischen Beziehungen wieder belastet, sodass die Gästeliste für die Festveranstaltung zum Politikum wird. Aus Berlin wird der Botschafter der Russischen Föderation anreisen, aus Moskau der Generaldirektor des Staatlichen Literaturmuseums und aus der Tschechow-Geburtsstadt der Oberbürgermeister Wladimir. Der deutsche Russlandbeauftragte und Kuratoriumsvorsitzende der Tschechow-Gesellschaft, Gernot Erler, SPD-Abgeordneter aus Freiburg, wird genügend interessante Gesprächspartner vorfinden.