Bäckerei in Stuttgart-Vaihingen in Existenznöten 80 000 Euro Umsatzminus – Bäckerei sieht Dauerbaustelle als Grund

, aktualisiert am 27.02.2025 - 16:38 Uhr
Lambrini Karamanli ihrem Mann Kosta Vasilakopoulos. Die beiden führen die Bäckerei Veit hier seit 20 Jahren. Foto: Fritzsche

Seit März 2024 ist die Heerstraße in Stuttgart-Vaihingen aus vielen Gründen eine Riesenbaustelle. Die Folge für die Bäckerei Veit: Die Kunden bleiben aus. Die Betreiberfamilie ist verzweifelt, kämpft ums Überleben. Niemand fühle sich zuständig.

Filderzeitung: Rebecca Anna Fritzsche (fri)

Die Karamanlis sind verzweifelt: Das Ehepaar betreibt seit 20 Jahren die Bäckerei Veit an der Ecke Bachstraße/Heerstraße. Nun droht der fleißig aufgebaute Kleinbetrieb insolvent zu gehen, die beiden haben ihre Ersparnisse aufgebraucht und wissen nicht weiter. Der Grund dafür: Seit Monaten bleiben ihnen die Kunden weg, weil die Heerstraße sich seit Mai 2024 in eine riesige Baustelle verwandelt hat. Zuerst waren die Netze BW mit Gasbauarbeiten dran, seit Januar sind nun die Stuttgart Netze mit Stromarbeiten aktiv, und wenn das erledigt ist, wird das städtische Tiefbauamt Straßen- und Gehwegbeläge neu machen.

 

Die Baustelle vor der Tür hat dazu geführt, dass die Bäckerei Veit so gut wie abgeschnitten von ihren Kunden war. „Die Leute können hier nicht mehr parken, überall sind Gehwege und Straßen aufgerissen“, sagt Lambrini Karamanli, die mit ihrem Mann Kosta Vasilakopoulos seit 20 Jahren die Bäckerei führt. Auch zu Fuß sei man nicht mehr zu ihnen gekommen, zeitweise sei so viel abgesperrt worden, dass nicht mehr ersichtlich gewesen sei, wie man überhaupt zur Bäckerei gelangen konnte. Die Zufahrt über die Bachstraße sei erschwert gewesen, zeitweilig habe dort ein Schild mit der Aufschrift „Wenden nicht möglich“ gestanden: „Die Autofahrer haben gedacht: Da fahre ich gar nicht erst rein.“ Das Ehepaar ist auf die Kunden angewiesen, die auf dem Weg zur Arbeit kurz halten, um sich Kaffee und ein Brötchen für später mitzunehmen.

„Wer kann uns helfen?“

Die Verluste, also den fehlenden Umsatz, beziffern die beiden mittlerweile auf rund 80 000 Euro. Lange können sie das nicht mehr tragen – vor allem, weil die Bauarbeiten noch längst nicht abgeschlossen sind. „Wir haben Angst, dass die Kunden sich angewöhnen, woanders hinzugehen“, sagt Kosta Vasilakopoulos, „und dann auch nicht zurückkommen, wenn die Baustelle weg ist.“

Besonders stört das Ehepaar, dass sie das Gefühl haben, dass sich niemand für ihre Sorgen interessiert. Ein Informationsschreiben für die Anwohner gab es im Mai 2024, danach nicht mehr, sagen sie. Darauf genannte Ansprechpartner bei den Netzen BW hätten nach Aussage der Karamanlis lediglich gesagt, da könne man eben nichts machen oder dass sie das Anliegen weitergeben würden. Geändert hat das bisher nichts. Wochenlang läge die Baustelle zum Teil brach, die Arbeiten gingen nicht voran, erzählen die beiden. Im Sommer vergangenen Jahres hätten ihnen außerdem die Bauarbeiter erzählt, es seien die falschen Rohre bestellt worden, auf die neuen müsse man nun einige Wochen warten. „Wer kann uns helfen?“, fragt Lambrini Karamanli verzweifelt. „Irgendjemand muss doch zuständig sein.“

Zeitweise befand sich dieses große Loch direkt vor der Bäckerei. Foto: z

Wer zuständig ist, ist bei einer großen Baustelle oft eine schwierige Frage. In diesem Fall sind aufgrund der vielen verschiedenen Arbeiten die Netze BW, die Stuttgart Netze und die Stadt Stuttgart beteiligt. Die Gas- und Wasserarbeiten von Mai bis Dezember 2024 standen unter der Ägide der Netze BW, deren Pressestelle aber die Auskunft gibt, man könne sich dazu nicht äußern, da die Netze zum 1. Januar 2025 an die Stuttgart Netze übergeben worden sind. Die dortige Pressestelle äußert sich zu den Stromarbeiten seit Januar, die Ende Februar, Anfang März, abgeschlossen sein sollen. „Ziel der Maßnahmen ist die Erneuerung der dortigen Strominfrastruktur, um die Versorgungssicherheit in Vaihingen zu erhöhen und den steigenden Anforderungen an das Netz im Zuge der Energiewende gerecht zu werden“, erklärt ein Sprecher. „Ein konkretes Beispiel hierfür wäre die Elektromobilität: Allein in diesem Bauabschnitt befinden sich zwei öffentlich zugängliche Ladepunkte, die von der Modernisierung profitieren werden.“

Man bedaure zutiefst, „wenn Gewerbetreibende durch unsere Baumaßnahmen temporäre Einschränkungen erfahren. Gleichzeitig möchten wir betonen, dass ein sicheres und leistungsstarkes Stromnetz eine unverzichtbare Grundlage für das Gewerbe darstellt und langfristig zur Stärkung und Aufwertung des Standorts beiträgt.“ Im konkreten Fall sei aber sichergestellt worden, dass die Zufahrt über die Bachstraße stets gewährleistet ist.

Dass es lediglich im Mai 2024 ein Informationsschreiben für die Anwohner gegeben habe, danach nicht mehr, bestätigen die Stuttgart Netze. Zur Verlängerung der Baumaßnahme im Januar 2025 habe man leider versäumt, nochmals zu informieren. Dies bedaure man sehr: „Wir gehen der Sache nach, um solche vereinzelten Vorfälle künftig zu vermeiden und die Anlieger bei Baumaßnahmen durchgehend informiert zu halten“, sagt der Sprecher.

Was den Ablauf der Bauarbeiten angehe, so werde mit den beauftragten Baufirmen ein Zeitrahmen vereinbart. „Wie in der gesamten Baubranche stehen auch unsere Partner vor Herausforderungen wie Fachkräftemangel, krankheitsbedingten Ausfällen und Lieferschwierigkeiten“, so der Sprecher. „Zudem kann es vorkommen, dass die ohnehin begrenzt verfügbaren Fachkräfte kurzfristig für dringende Arbeiten auf anderen Projekten abgezogen werden müssen.“ Demzufolge könne es zu zeitlichen Verschiebungen kommen und auch dazu, dass zeitweise nichts geschieht auf der Baustelle.


Unklar ist, wie lange die Baustelle noch besteht

Und was nun? Anfang März, so ist der Plan, will das Tiefbauamt die Baustelle übernehmen, sich um Gehwege und Bushaltestellen kümmern. Das soll etwa vier Wochen dauern. Anschließend soll die Straße saniert und auf Höhe Bachstraße ein Zebrastreifen angelegt werden. Wann man damit fertig sein will, kann die Stadt auf Anfrage noch nicht sagen, auch zum Umfang der „verkehrlichen Einschränkungen“ seien noch keine Angaben möglich, so ein Sprecher.

Was die Karamanlis bis dahin machen sollen? „Die Pflicht, baustellenbedingte Beeinträchtigung nach Möglichkeit zu minimieren, gilt auch für den öffentlichen Bauherrn“, heißt es dazu aus der städtischen Pressestelle. Gewerbebetriebe müssten aber Beeinträchtigungen durch den Baustellenbetrieb hinnehmen: „Die Rechtsprechung ordnet derartige Beeinträchtigungen des Geschäftsbetriebs dem allgemeinen wirtschaftlichen Risiko zu, für das der Gewerbetreibende durch Bildung von Rücklagen Vorsorge treffen muss.“

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