Jochen Baier erinnert sich genau, wie Fayaray Touray das erste Mal zum Schnuppern in seine Backstube kam. „Ich habe gesehen, wie er den Teig anfasst. Das hat mich so verzaubert“, sagt der Bäcker, der den Herrenberger Betrieb in sechster Generation führt. Und so zögerte er damals nicht und nahm den minderjährigen geflüchteten Gambier, der in seiner Heimat nur ein Jahr lang die Schule besucht hatte und kein Wort Deutsch sprach, unter seine Fittiche. „Ich habe gesagt: Wir machen aus ihm einen deutschen Bäckergesellen.“
Die Enttäuschung ist groß
Für dieses Engagement ist Jochen Baier für den „Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg“ nominiert worden, den Caritas und Diakonie gemeinsam mit dem Landesministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus vergangene Woche zum 17. Mal verliehen haben. 263 Unternehmen hatten sich darum beworben, 15 waren nominiert worden, darunter der Herrenberger Bäcker. Ausgezeichnet hat Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut in der Kategorie 20 bis 149 Mitarbeitende letztlich aber die Firma Focus Energie aus Freiburg, die sich für nachhaltigen Klimaschutz einsetzt.
Jochen Baier sitzt auch ein paar Tage danach noch „die Enttäuschung in den Knochen“, wie er sagt. Doch er freut sich auch, unter den Nominierten gewesen zu sein. „Dies ist für uns Bestätigung, Anerkennung und Ansporn, unseren Weg mit Herz und Verstand weiterzugehen“, sagt er. Die Jury hatte die Entscheidung, Baier in die Endrunde aufzunehmen, mit seinem Mut, neue Wege zu gehen, begründet. Die Integration des geflüchteten Gambiers ins Bäckerteam habe eine neue Unternehmenskultur angestoßen. „Dahinter steht die Überzeugung: kulturelle Vielfalt bereichert!“, so die Jury. „Heute denkt die Bäckerei Ausbildung und Arbeit neu. Menschen, gleich welcher Herkunft und Bildung, erhalten ihre Chance.“
Nachhilfe vom ganzen Betrieb
Jochen Baier bestätigt, dass Fayaray Touray das Team bunter gemacht hat. „Er hat uns die Angst vor Fremdem genommen“, sagt Baier. Zwar habe es beim Bäckerbetrieb Baier, den seine Vorfahren 1835 gegründet haben, schon lange Mitarbeiter aus anderen Ländern gegeben. Jemand aus Schwarzafrika, der noch dazu vor einer so großen Sprachbarriere stand, war noch nie dabei.
Inzwischen seien Menschen aus 20 Nationen im Betrieb beschäftigt. Mit Fayaray Touray habe man sich auf den Weg gemacht, zu schauen, wie Menschen anderer Herkunft besser und qualifizierter ins Unternehmen eingebunden werden können. Seine Herzlichkeit und sein Talent hätten es allen einfach gemacht. Einige Kollegen hätten dem Gambier dreimal pro Woche Nachhilfe in Fächern wie Wirtschaftskunde und Mathematik gegeben, damit er die Gesellenprüfung schafft. Es habe ein paar Anläufe gebraucht, doch nach vier Jahren habe er bestanden. „Er ist jetzt voll integrierter Steuerzahler, der stolz ist auf sein Handwerk“, sagt Baier.
Ein moderner Betrieb mit Tradition
Bäcker
Seit fast 200 Jahren gibt es den Bäcker Baier in Herrenberg. 1835 gründete der Urururgroßvater des heutigen Inhabers Jochen Baier den Betrieb. Vor sieben Jahren baute Baier eine Backstube in Gültstein. Es gibt drei Fachgeschäfte in Herrenberg sowie einen Verkauf in der Stuttgarter Markthalle.
Leidenschaft
Für Baier ist das Backhandwerk mehr als nur sein Broterwerb. „Seit 200 Jahren sind wir getrieben von Exzellenz und Passion“, sagt der Bäcker. „Wir wollen nicht nur die Unterlage fürs Brot sein, sondern das beste Brot backen.“ Der Antrieb seiner Vorfahren sei immer gewesen, es noch besser zu machen, „basierend auf den schwäbischen Urwerten Fleiß und Cleverness, aber auch Sparsamkeit und Bescheidenheit“.
Bio
Seit Baier den Betrieb vor 20 Jahren übernommen hat, arbeitet er mit Bauern der schwäbischen Alb zusammen. Ihm ist wichtig, die Backwaren so natürlich und rein wie möglich zu machen. „Bio ist grade gut genug“, sagt Baier, der das Siegel nicht im Betriebsnamen führt.