Nach 88 Jahren und drei Generationen geht in wenigen Tagen eine Familientradition zu Ende: Bäckermeister Andreas Kiene aus Kuchen hört auf. „Ja, ich gehe es in Zukunft ruhiger an“, sagt er. Dieser Schritt bleibt für die vier Niederlassungen in Gingen und Geislingen sowie die Backstube in Kuchen freilich nicht ohne Folgen.
„Ich werde im Juli 62 Jahre alt und habe mit 17 begonnen zu arbeiten“, erzählt Andreas Kiene. Einige der Mietverträge für die Filialen würden dieser Tage auslaufen; zum Teil hätte der Bäckermeister um fünf weitere Jahre verlängern müssen. „Dann hätte ich bis 67 arbeiten dürfen, das war mit zu lange“, erklärt er seine Entscheidung. Betroffen sind die Backstube in Kuchen (Weberallee), die Filialen in Gingen (Bahnhofstraße) sowie in Geislingen (Wiesensteiger Straße, Karlstraße und in der Helfenstein-Klinik).
Keine Kurzschlussreaktion
Es handle sich nicht um eine Kurzschlussreaktion, betont der 61-Jährige. Seit drei Jahren ist er auf der Suche nach einem Nachfolger für den Gesamtbetrieb. Allerdings habe ihm dabei die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Ein Übernehmer muss für die gesamte Bäckerei eine gewisse Summe aufbringen“, erklärt Andreas Kiene. Dies gelinge nur mit Hilfe einer Bank. „Da wird es schwierig, weil die Umsätze von 2019 und davor dazu nicht herangezogen werden“, ergänzt er. Wegen der zurückgegangenen Corona-Umsätze in den Jahren 2020, 2021 und auch in diesem Jahr erscheine „den Banken das Risiko zu groß“, was verständlich sei.
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Schon im vergangenen Herbst hat Andreas Kiene den Kontakt zu Bäcker-Kollegen gesucht und gefragt, ob sie sich eine Übernahme von Filialen vorstellen könnten. Dass seit der Kontaktaufnahme bis jetzt nichts nach außen gedrungen sei, rechnet der Kuchener seinen Kollegen hoch an. „Alle Angesprochenen haben meine Anfrage sehr vertraulich behandelt.“
Schließlich fand sich in den vergangenen Monaten eine Lösung – allerdings nicht für alle Geschäfte. Geschlossen werden die Filialen an der Geislinger Karlstraße und Wiesensteiger Straße. Das Café Helfenstein in der Geislinger Helfenstein-Klinik wird künftig von der Bäckerei „Mayers“ aus Salach übernommen; in der Gingener Filiale wird die Bäckerei Edinger, ebenfalls aus Salach, ihre Waren anbieten. Letztmals öffnen die Kiene-Niederlassungen am 30. März. Von 1. April an werden die neuen Betreiber die Räume umgestalten. Wann sie wieder öffnen, stehe noch nicht fest.
Alle erhalten ein Übernahmeangebot
Doch nicht nur die anderen Bäckerei-Betreiber bewahrten Stillschweigen, sondern auch die Kiene-Mitarbeiter. Am 19. Februar wurden die Übergabe-Verträge unterschrieben; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfuhren am 21. Februar bei einer Betriebsversammlung von den Plänen. „An diesem Abend waren auch die übernehmenden Betriebe anwesend und haben im Anschluss erste Gespräche mit den Mitarbeitern geführt und Termine für Einzelgespräche vereinbart“, sagt Kiene.
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Wie geht es nun mit den Angestellten weiter? Kiene betont, was ihm und seiner Frau Monika besonders wichtig war: „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen von den weiterführenden Betrieben ein Übernahmeangebot.“ Dies solle sich nicht nur auf die Mitarbeitenden der Filialen, die geöffnet bleiben, beziehen. Das Übernahmeangebot forderte der Bäckermeister auch für alle Angestellten. „Wenn man Mitarbeiter hat, die zwölf, 15, 20 oder 30 Jahre dem Betrieb die Treue gehalten haben, gehört sich das einfach“, sagt der Kuchener. Und was passiert mit der Backstube in Kuchen? „Sie bleibt erhalten“, so Kiene. Der 61-Jährige will dort weiterhin für die Volkshochschulen (VHS) Kuchen und Gingen Backkurse anbieten. Außerdem ist er im Gespräch, das Angebot auf die Geislinger VHS auszuweiten.
Ein weiteres Vorhaben zeigt, dass der Bäckermeister nicht komplett darauf verzichten kann, seine Handwerkskunst auszuüben: Der Kuchener plant, „in regelmäßigen Abständen auf Bestellung unsere Spezialitäten zu backen, die dann bei einem Plausch mit dem Bäckermeister abgeholt werden können oder die ich liefere“.
Unter den 500 besten Bäckereien
Tradition
Die Bäckerstradition der Familie Kiene reicht bis ins Jahr 1934 zurück. Der Großvater von Andreas Kiene, Konditormeister und Bäcker Hermann Kiene, hatte sich im März des genannten Jahres in Wernigerode im Harz selbstständig gemacht. Nach drei Generationen endet, nun zufällig ebenfalls im März, „das Backen in der Familie Kiene“, sagt der Kuchener.
Auszeichnung
Im Jahr 2020 erhielt Bäckermeister Andreas Kiene eine besondere Auszeichnung: Die Zeitschrift „Der Feinschmecker“ wählte die Kuchener Bäckerei unter die 500 besten Bäckereien in ganz Deutschland. So wurden das Holzofen- und Steinofenbrot aus Weizensauerteig im Magazin als „Prachtexemplare der schwäbischen Backkunst“ bezeichnet. Gemundet hatten den Testern dem Magazin zufolge auch die Vollkornbrote, die mit Sonnenblumenkernen gebacken werden, und die Roten Wecken. „Darüber freue ich mich natürlich sehr“, sagte Andreas Kiene damals. Diese Auszeichnung hatte er übrigens bereits zum dritten Mal erhalten. Gleichzeitig lobte er auch die vielen anderen „sehr guten Bäcker“ im Landkreis.