Bäckerei Schurr macht zu Das Aus nach 97 Jahren am Daimlerplatz

Von Sebastian Steegmüller 

Zum Entsetzen zahlreicher Kunden schließt die Bäckerei Schurr am kommenden Samstag. Der Familienbetrieb hat seit 97 Jahren am Daimlerplatz frische Brötchen und Brezeln gebacken. Die Nachfolge übernimmt Brezel-Frank.

Sorgen seit Jahrzehnten für frisches Brot und Brezeln am Daimlerplatz: Mitarbeiter Heinz Münch, Ankica Schurr, Sabrina Krist, Brigitte Schurr und Bäckermeister Hermann Schurr (von links).Foto: Sebastian Steegmüller

Bad Cannstatt - Ab jetzt ist immer Montag“, ist in einem kleinen Buch, das auf der Theke der Bäckerei Schurr ausliegt, zu lesen. Zahlreiche Stammkunden haben sich darin in den vergangen Tagen verewigt und jeder von ihnen weiß, was mit diesem Satz gemeint ist. Denn ab der kommenden Woche wird der Familienbetrieb nicht nur am Montag Ruhetag haben. Am Samstag, 4. August, wird er das letzte Mal geöffnet haben.

„Ich bin maßlos traurig. Wo sollen die Schulkinder, die oft nur für wenige Cent etwas einkaufen, so nett und mit so viel Zuwendung behandelt werden, wie dort?“, fragt sich eine Mutter, die quasi täglich mit ihrem sechsjährigen Sohn zu Gast ist. „Was wird aus den köstlichen Kokosschnecken?“ Es sei wirklich schade. „Für mich und für viele andere ist die Bäckerei eine kleine Oase. So freundlich, geduldig und professionell ist bei weitem kein anderer Bäcker in Bad Cannstatt.“

Schlangen bis zur Ampel raus

Seit 1921 sorgen die Schurrs – mittlerweile in zweiter beziehungsweise dritter Generation – am Daimlerplatz für frische Brötchen, Brezeln und vieles mehr. „Wir hätten die 100 Jahre auch gerne vollgemacht“, sagt Bäckermeister Hermann Schurr. „Aber es geht einfach nicht mehr.“ Das Aus kommt nicht aus finanziellen Gründen. Ganz im Gegenteil: Man habe nie über das Geschäft klagen können. „An Samstagen reihen sich die Kunden bis zur Ampel raus.“

Den Auslöser habe das Ausscheiden von Mitarbeiter Heinz Münch dargestellt, der seit 21 Jahre zusammen mit dem Chef in der Backstube steht. „Er hat aus gesundheitlichen Gründen gekündigt. Uns ist es in den vergangenen Monaten nicht gelungen, einen Nachfolger zu finden.“ Schichten von 2 Uhr nachts bis spät in den Nachmittag schrecken wohl potenzielle Bewerber ab. Die Folge: Die Arbeitsbelastung für Hermann Schurr, der in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, wurde einfach zu groß. „Man wird nicht jünger. Da wir alles frisch machen, ist das Backen körperlich wirklich anstrengend. Meine Eltern haben es bis zum bitteren Ende durchgezogen. Ich höre lieber auf, solange ich noch einigermaßen fit bin und dann anschließend noch etwas davon habe.“

Schritt reiflich überlegt

Doch nicht nur in der Backstube habe es an Personal gefehlt, auch seine Frau Ankica, die ebenfalls gesundheitliche Probleme hat, seine Schwester Brigitte Schurr und seine Tochter Sabrina Krist seien an oder sogar über der Belastungsgrenze. „Wir hätten mindestens zwei Bäcker gebraucht und eigentlich fast eine komplette zweite Besetzung“, so der 55-Jährige. „Wenn wir weitermachen, bis es nicht mehr geht, stehen wir irgendwann mit leeren Händen da.“ Deshalb habe man sich über Jahre Gedanken gemacht und schließlich zu dem Schritt entschieden.

Und dennoch fiel der Abschied von den Stammkunden, die sich unter anderem mit Blumen für die schöne Zeit bedankten, tränenreich aus. „Viele von ihnen haben wir aufwachsen sehen.“ Eine gute Nachricht haben die Schurrs für sie dennoch: Auch künftig werden sie am Daimlerplatz wieder frische Backwaren kaufen können. Denn schon am 1. September wird Brezel-Frank, ebenfalls ein Cannstatter Unternehmen, die Nachfolge a m Daimlerplatz antreten.

Was Hermann und Ankica Schurr, die sich übrigens während ihre Lehre bei der Bäckerei Sailer kennenlernten, künftig machen, ist offen. „Wir haben noch keine Pläne, wollen erst einmal durchschnaufen und uns dann inspirieren lassen.“ Brigitte Schurr geht es ähnlich an. „Es kommt, wie es kommt.“ Nur Sabrina Krist hat sich schon festgelegt. „Im August geht es zunächst in den Urlaub, anschließend fange ich bei der Metro in Korntal an, sagt die gelernte Bäckereifachverkäuferin. Dort hoffe sie vor allem auf geregelte Arbeitszeiten.