Mit schwerem Gerät werden die gesägten Bäume aus dem Wald gezogen. Foto: Simon Granville
In diesen Tagen wird im Forst weithin sicht- und hörbar gearbeitet. Der Blick des Försters gilt vor allem jenen Bäumen, die nicht mehr standsicher sind. Und das sind überraschend viele.
Simon Walz zeigt im Wald auf eine Baumkrone, hoch oben in luftiger Höhe, etwas abgerückt vom Weg. Ganz gesund sieht sie nicht aus, jedenfalls nicht für den Fachmann. Für den Moment gilt daher: „Der Baum fällt nicht morgen um.“ Er fällt nicht morgen um, nicht übermorgen – aber der Revierförster hat ihn weiter unter besonderer Beobachtung.
Winter ist die Zeit für den Holzeinschlag, ehe der Saftfluss der Bäume wieder einsetzt. Derzeit ist der Forstrevierleiter in Korntal-Münchingen unterwegs. Dort ist er für den Seewald und den Witthauwald zuständig. An jenem Tag liegt der Fokus auf dem Witthauwald, konkret auf dem Gebiet östlich der Kallenbergstraße beziehungsweise der Stammheimer Straße. Mit der Motorsäge sind mehrere Arbeiter damit beschäftigt, die bereits gefällten Bäume zu entasten. Mit der Seilwinde werden diese dann auf ausgewiesenen Gassen, den sogenannten Rückegassen, aus dem Wald gezogen. Sie werden später zu Paletten, Möbeln, Brennholz.
Förster nimmt sich bei Fragen gern Zeit für Erklärungen
Der Seilschlepper hinterlässt tiefe Spuren auf dem durch Regen matschigen Waldboden. Spaziergänger schauen fragend, bleiben stehen, kommen mit Walz in ein kurzes Gespräch. Der Förster ist den Menschen zugewandt, erläutert gern, warum die Fällung notwendig ist und dass die Wege hinterher wieder gerichtet werden. „Man muss mehr erklären“, sagt der Förster. Es ist eine Veränderung, die er im Lauf der Jahre beobachtet hat.
Vielleicht wollen die Menschen mehr wissen, vielleicht sind sie auch bewusster unterwegs im Wald – der Wald als Naherholungsgebiet wird geschätzt. Ebenso wahrgenommen wird aber auch, dass die zunehmende Trockenheit den Bäumen zusetzt. Das wiederum fordert die Förster immer stärker – auch und gerade wegen der Verkehrssicherungspflicht.
Gefällte Stämme lagern am Waldrand zur Abholung bereit. Die zerfurchten Waldwege werden anschließend wieder gerichtet. Foto: Simon Granville
Grundsätzlich ist ein Spaziergänger, ein jeder Waldbesucher auf eigene Gefahr im Wald unterwegs. Darauf verweisen sowohl Simon Walz als auch Simon Boden, der Fachbereichsleiter im Landratsamt Ludwigsburg. Gleichwohl hat ein Waldbesitzer, im konkreten Fall die Stadt Korntal-Münchingen, eine besondere Verkehrssicherungspflicht an öffentlichen Straßen, Wegen, Parkplätzen und in der Nähe von Gebäuden oder Erholungseinrichtungen. Bänke entlang von Spazierwegen zum Beispiel seien eine gute Sache, das stellt Walz gar nicht in Abrede. Aber damit erhöhe sich eben auch der Kontrollaufwand, den man personell auch leisten können muss.
Kreis Ludwigsburg: dicht besiedelt – und am wenigsten Wald
Die Korntal-Münchinger haben – anders als etwa die Gerlinger – keine eigenen Waldarbeiter. An diesem Vormittag ist deshalb ein externes, zertifiziertes Privatunternehmen im Wald tätig, das Personal und Maschinen stellt.
Der Landkreis Ludwigsburg zählt zu den am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands und ist zugleich mit einem Waldanteil von rund 18 Prozent der waldärmste Landkreis in Baden-Württemberg. Der Landesdurchschnitt liegt laut dem Landratsamt bei 38 Prozent. Dennoch seien 40 Prozent der Kreisfläche als Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen, „vielleicht, weil umso kostbarer wird, was nicht mehr im Überfluss vorhanden ist“. Im Landkreis gibt es 20 Naturschutzgebiete, 69 Landschaftsschutzgebiete und mehr als 800 Naturdenkmale, „die dafür sorgen, dass Rückzugsgebiete für Mensch und Tier erhalten bleiben“, teilt die Behörde mit.
Im Rückzugsgebiet Wald bereiten den Förstern zunehmend auch Schädlinge Sorgen. Ob es das Eschentriebsterben ist, eine Pilzkrankheit, oder der Eichenprachtkäfer – sie setzen den durch Trockenheit geschwächten, dadurch vorgeschädigten Bäumen zu. „Es gab zu wenig Wasser in den vergangenen zehn Jahren“, sagt der Förster mit Verweis auf den Klimawandel. Selbst gesunde Bäume, die an einem Nordhang stehen und damit nicht den Extremen ausgesetzt sind, müssten kämpfen. „Die Entwicklung zeigt sich dort eben zeitverzögert.“ An Südhängen hingegen ist der Bewuchs lichter, das Wasser verdunstet schneller.
Förster müssen nachweisen können, dass sie alles kontrolliert haben
Wenn die unter der Trockenheit leidenden Bäume dann von einem Schädling befallen werden, ist das bisweilen das Todesurteil – der Pilz etwa höhlt den Stamm aus. Von außen ist das für Laien nicht erkennbar. Gerade deshalb gilt den Flächen an Wegen, an Bebauungen oder auf Spielplätzen ein ganz besondere Augenmerk: Die Flächen werden großräumig gesichert, Eschen fallen. Im Zweifel müssen die Förster vor Gericht nachweisen können, ihrer Pflicht nachgekommen zu sein.
Und doch: Ein Restrisiko bleibt, wenn man sich frei im Wald bewegt. Es könne sein wie bei den Menschen, sagt Walz. Gestern kontrolliert und heute fällt er um – das gebe es auch bei Bäumen. „Ein Restrisiko bleibt.“