Bäume im Hitzestress Der alte Wald wird bald verschwinden
Hitze und fehlender Regen setzen den Bäumen dramatisch zu – viele Forstexperten sprechen von einer ernsthaften Krise. Sicher ist: Künftig wird der Wald anders aussehen.
Hitze und fehlender Regen setzen den Bäumen dramatisch zu – viele Forstexperten sprechen von einer ernsthaften Krise. Sicher ist: Künftig wird der Wald anders aussehen.
Stuttgart - Über die Gefahren für den Wald in Zeiten des Klimawandels wird schon lange diskutiert – doch seit vor wenigen Tagen die neuen Prognosen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg erschienen sind, hat dieses Thema eine ungeahnte Dramatik erfahren. Jetzt sprechen Waldexperten und Politiker offen von „Krise“, von „sehr gravierenden Veränderungen“ und von einer „hochproblematischen Situation“. Klar ist: Viele Bäume sterben schon heute durch Trockenstress, Borkenkäfer und Stürme ab, das Aussehen des Waldes wird sich stark wandeln. Mancherorts werden sich die Menschen künftig vorkommen wie in lichten Wäldern am Mittelmeer, mit Kiefern, Flaumeichen und womöglich gar Zedern.
Forstminister Peter Hauk (CDU) hat dieser Tage die Lage für die Buche dargestellt. Im ersten Halbjahr 2019 sei bei dieser Baumart mehr als 50 000 Kubikmeter mehr „Dürre- und Insektenschadholz“ angefallen als im gesamten Jahr 2004, dem Zeitraum nach dem Jahrhundertsommer. Diese Zahl werde sich noch deutlich erhöhen. Sehr starke Schäden seien entlang des Oberrheingrabens, im Neckarland, im südlichen Schwarzwald und im Alpenvorland zu verzeichnen.
Die FVA hat nun zwei Szenarien entwickelt und deren Auswirkungen bis 2100 berechnet. Nach dem einen Modell erhöht sich die Jahresdurchschnittstemperatur nur um 1,2 Grad; dessen Wahrscheinlichkeit ist aber gering, da die Menschen dann viel klimafreundlicher leben müssten. Im zweiten Modell sind es 2,6 Grad. Hinzudenken muss man jeweils den bisherigen Temperaturanstieg von rund einem Grad in jüngster Zeit.
Die Erkenntnis ist nun: Selbst im optimistischen Szenario wird die Fichte auf der Hälfte der heutigen Waldfläche verschwinden, im pessimistischen Fall dürfte sie nur in den Hochlagen des Schwarzwalds überleben. Dazu kommt, dass auch alle anderen wichtigen Baumarten schwächeln – die Buche könnte sich auf der Hälfte der Fläche schwertun, Tanne und Eiche sogar auf drei Vierteln. Konstantin von Teuffel, der Chef der FVA, bilanziert: „Auf 119 000 Hektar Wald ist die Gefährdung hoch, ein Waldumbau dringend erforderlich.“ Das entspricht zehn Prozent der Waldfläche. Minister Hauk malt ein gespenstisches Bild: „Wenn wir nichts tun, wird es im Nationalpark irgendwann kaum noch Bäume geben, da alle Fichten absterben.“
Einigkeit besteht unter den Forstleuten darin, dass der Nadelholzanteil und vor allem die Monokultur sinken muss. Darin ist man schon ein Stück vorangekommen: 1987 waren 64 Prozent aller Bäume im Südwesten Nadelbäume, bei der letzten Waldinventur 2012 waren es noch 53 Prozent. Daneben müssten verstärkt neue Baumarten gepflanzt werden. Dazu könnten heimische Arten wie der Ahorn gehören, aber auch Nadelbäume wie Douglasie (heimisch in Nordamerika), Schwarzkiefer (Mittelmeer) oder Zeder (Kleinasien), ebenso Laubbäume wie Flaumeiche (Mittelmeer), Robinie (ursprünglich Nordamerika) oder Tulpenbaum (Nordamerika). Doch welche ökonomischen und ökologischen Folgen könnte ein solcher Umbau haben?
Wirtschaftlich könnte eine kritische Situation entstehen. Konstantin von Teuffel spricht von einer künftig geringeren Produktivität des Waldes in der Größenordnung von fünf bis zehn Prozent. Und nach Hitzesommern wie 2018 fällt regelmäßig viel Holz an, was ein Überangebot schafft – Folge sind fallende Preise. Der Landesbetrieb Forst BW veröffentlicht Marktzahlen nur einmal im Jahr; in Bayern gibt es quartalsweise Preisberichte. Derzeit liegt dort der Preis für Fichtenholz in einer bestimmten Qualität zwischen 68 und 80 Euro, Ende 2017 waren es noch 82 bis 93 Euro. Das ist ein Minus von 13 Prozent. Für die Waldbesitzer ist das alles andere als eine gute Entwicklung – nur die Sägewerke freuen sich.
Wie sich die Tier- und Pflanzenwelt im Wald verändern wird, wenn neue Baumarten verstärkt angepflanzt werden, kann im Moment noch niemand sagen. Der Nabu-Landeschef Johannes Enssle spricht aber von einem „totalen Experimentierkasten“. Er plädiert dafür, den Wald weniger zu durchforsten, so dass mehr Bäume und auch mehr Unterholz stehen bleiben. „Dichtere Wälder sind kühler und halten der Trockenheit besser stand“, sagt Enssle. Dass neue Arten kommen müssen, hält aber auch er für richtig.
Mittlerweile gibt es sogar Baumschulen, die sich auf diese neuen Arten spezialisiert haben. Die Inhaber sprechen davon, dass es auch positive Folgen gebe: So produziere die Robinie viel Nektar, was gut für die Bienen sei.
Wie auch immer, Jerg Hilt, der Geschäftsführer der Forstkammer, fordert ein finanziell stärkeres Engagement des Landes, um mehr Forschung und Versuche zu ermöglichen; viele Detailfragen seien noch offen: „Das Land hat das Problem erkannt, aber wir sind bei den Ergebnissen nicht da, wo wir gerne wären.“ Auch die FVA hält es für dringlich, ungelöste Fragen „durch solide wissenschaftliche Forschungsarbeit zeitnah“ anzugehen.
Der Deutsche Forstwirtschaftsrat fordert den Aufbau eines bundesweiten Krisenmanagements, denn der Aufwand für das Anpflanzen neuer Sorten „überschreitet das Normalmaß um ein Vielfaches und überfordert die Waldbesitzenden und Forstleute auf Jahre hinaus“, heißt es in einer Erklärung. Trotz der ernsten Lage betont von Teuffel aber auch: „Wir haben Konzepte, um den Auswirkungen des Klimawandels im Wald zu begegnen.“ Man spreche nicht von einer Katastrophe.