Bahn feiert „Bergfest“ Bon voyage Stuttgart 21!

Ingenieurskunst: Kelchstützen im neuen Tiefbahnhof. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Anlässlich der „Betonage“ der 14. von 28 Kelchstützen für den neuen Tiefbahnhof bemerkt Lokalchef Jan Sellner: das Jahrhundertprojekt ist auch in sprachlicher Hinsicht eine Herausforderung.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Für diesen Samstag hat die Bahn zu einem besonderen Pressetermin geladen: Im künftigen Tiefbahnhof Stuttgart 21 wird die 14. von 28 monumentalen Kelchstützen in Beton gegossen. „Bergfest“, nennt das die Bahn, weil die Hälfte der Arbeit geschafft ist. „Kellerfest“ würde es topografisch besser treffen. Jedenfalls sehen die Bauherren allen Grund zu feiern.

 

Ihre Freude darüber schlägt sich auch sprachlich nieder. Auf der S-21-Baustelle wird nämlich nicht einfach nur Zement und Wasser angerührt und damit – welch banausenhafte Vorstellung! – ein weiterer oller Pfeiler betoniert. Bei dem Vorgang handelt es sich vielmehr um eine „Betonage“. Also um formvollendetes Handwerk, ja mehr noch: um Betonkunst! Und tatsächlich setzen die mit jeweils 11 000 vielfach gekrümmten Betonstahlstäben bewehrten Kelchstützen des Tiefbahnhofes in Form, Farbe und Aufbau neue Maßstäbe. Jede einzelne ein Unikat! Entfernt fühlt man sich an Gerhard Polt und seine herrlich komischen Ausführungen zum Bau einer Garage erinnert, die ihrerseits Maßstäbe setzte. Mit dem Vorhaben betraute der Kabarettist in seinem Sketch nicht irgendeinen Garagenbauer, sondern einen international anerkannten „Garagisten“ oder auf Französisch: einen „Garagier“. Wenn schon, denn schon. Der Garagier der Bahn ist S-21-Architekt Christoph Ingenhoven.

Künstlerisch wertvolle Lichtkuppeln

„Ich bau in meinem Leben bloß noch einmal eine Garage“, lässt Gerhard Polt den Bauherrn sagen: „Aber wenn ich eine Garage baue, dann ist das auch eine Garage!“ Ähnlich dürfte die Deutsche Bahn erklären: Wir bauen im Leben bloß einmal Stuttgart 21. Und das mit einer „Betonage“, die sich gewaschen hat! Immerhin verzichtet sie, anders als Polt bei seinem Garagenprojekt, auf den Einbau korinthischer Säulen und damit auf „eine Synthese von antik und postmodern“. Stuttgart 21 ist in dieser Hinsicht Moderne pur.

Um beim Thema „Betonage“ im Stile einer Vernissage noch etwas in die Tiefe zu gehen: Die Pfeiler des neuen Bahnhofs erfüllen ja nicht nur eine tragende Funktion. Die künstlerisch wertvollen Lichtkuppeln aus Glas und Weißbeton wurden vom Garagier bewusst als Lichtfänger konzipiert. In Fortführung der Betonage spricht der Kenner von „coupoles d’éclairage“! Diese bilden eine Art Corsage für das Toit de la salle, das lichtdurchflutete Bahnhofsdach von S 21, oder wie der Schwabe sagen würde: für die Decke von Stuagert 21. Und dass keiner auf den Gedanken kommt, die für die Betonage notwendige, von CNC-Robotern in höchster Präzision gefräste Schalungskonstruktion als Stellage zu bezeichnen! Das gilt auch für jene, die steif und fest behaupten, bei Stuttgart 21 ging’s in Wahrheit doch nur um Beletagen, Apanagen und Courtagen. Man kann’s mit Französisch nämlich auch übertreiben. Bei aller Courage!

Montage ohne Karambolage

Solchermaßen sprachlich sensibilisiert sehen wir der anstehenden Betonage erwartungsvoll entgegen. Die Redner, allen voran der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper, werden mutmaßlich eine Hommage auf die Montage halten, die bisher ohne Karambolage abgegangen ist, was sich als Textpassage dann auch in einer Reportage niederschlagen wird. Und irgendwann einmal, wenn das heutige Festival de la Montagne in den Tiefen der Baugrube längst Geschichte sein wird, wird es am Stuttgarter Tiefbahnhof vielleicht auch einmal heißen: „Bon voyage!“

jan.sellner@stzn.de

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