Bahn Wird Sigmaringen "Dieseloase"?

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Der Landkreis fordert die Elektrifizierung der Zollernalbbahn, denn die Neigetechnik-Triebwagen dürfen nicht in S 21 einfahren.

Der Dieseltriebwagen fährt von Sigmaringen über Tübingen nach Stuttgart. Mit Stuttgart 21 muss die Strecke elektrifiziert sein, sonst heißt es umsteigen in Tübingen. Foto: Stuttgarter Zeitung online
Der Dieseltriebwagen fährt von Sigmaringen über Tübingen nach Stuttgart. Mit Stuttgart 21 muss die Strecke elektrifiziert sein, sonst heißt es umsteigen in Tübingen. Foto: Stuttgarter Zeitung online

Sigmaringen - Der Zeitpunkt löste - vorsichtig formuliert - Irritationen aus. Just am Tag nach der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 am 27. November wurde den Kreisräten im Landratsamt Sigmaringen ein Gutachten zur Elektrifizierung der Zollern-Alb-Bahn vorgestellt. Die Realisierung, so stellte sich heraus, würde viel Geld kosten, aber keinen spürbaren Zeit- und Komfortgewinn bringen.

Wenn die Strecke dagegen nicht für mit Strom betriebene Züge und Triebwagen aufgerüstet wird, werden die Komforteinbußen nach der Realisierung des Stuttgarter Bahnhofsprojekts beträchtlich sein. Denn Dieseltriebwagen wie die jetzt eingesetzten Neigetechnik-Züge der DB dürfen nun einmal nicht in den neuen Tiefbahnhof einfahren. Das hieße für die Fahrgäste aus Sigmaringen, dass sie ohne die aktuelle zweistündliche Direktverbindung umsteigen müssten, und zwar mutmaßlich in Tübingen.

Elektrifizierung "volkswirtschaftlich sinnvoll"

Aus dem vom Landkreis Sigmaringen und dem Zollernalbkreis finanzierten Gutachten der Karlsruher PTV AG lässt sich freilich nicht herauslesen, dass eine Elektrifizierung unsinnig wäre. Das gilt zumindest für die gesamte Strecke von Tübingen über Sigmaringen bis Hechingen-Balingen-Albstadt-Ebingen-Sigmaringen-Herbertingen-Aulendorf. Die Kosten für die Aufrüstung der gesamten 131 Kilometer lange Strecke wurden mit 129,4 Millionen Euro ermittelt. Je nach Streckenabschnitt und entsprechender Topografie verschlingt ein Kilometer Elektrifizierung zwischen einer halben und 1,8 Millionen Euro.

Der Spitzenwert wird auf der Strecke zwischen Sigmaringen und Herbertingen erreicht. Und so wird die Elektrifizierung allein im Kreis Sigmaringen mit mehr als 50 Millionen Euro veranschlagt. Und dabei ist den Kreisräten durchaus bewusst, dass sich die Kommunen an so einem Projekt beteiligen müssen. Die Rede ist von 20 Prozent der Kosten.

Trotz dieser Summen kommt das Gutachten zu dem Schluss, dass die Elektrifizierung der Zollern-Alb-Bahn "volkswirtschaftlich sinnvoll" ist. Dabei werden Kosten und Nutzen gegeneinander abgewogen werden. Laut Adrian Schiefer, Leiter des Verkehrsamtes im Zollernalbkreis, fließen ganz verschiedene Aspekte in die Nutzenrechnung ein. Der Umweltschutz gehört dazu, die Beschaffung, Unterhalt wie Energieverbrauch der Fahrzeuge oder auch eine Steigerung der Fahrgastzahlen.

Initiative "El Naldo"

Bei einem Verhältnis 1:1 halten sich Kosten und Nutzen die Waage, im konkreten Fall der Elektrifizierung Tübingen-Aulendorf kam ein Wert von 1,53 heraus, der Nutzen überwiegt somit die Kosten, das Projekt wird somit förderfähig. Aus dem PTV-Gutachten geht freilich auch hervor, dass sich letztlich nur der Abschnitt Tübingen-Albstadt "hinsichtlich der Förderfähigkeit positiv darstellt".

Also gilt dies für die Strecke Albstadt-Sigmaringen-Aulendorf für sich alleine genommen nicht. Deswegen trachten die vier Landkreise Tübingen, Reutlingen, Zollernalbkreis und Sigmaringen mit ihrer Initiative "El Naldo" danach, dass die Elektrifizierung der gesamten Strecke als Einheit betrachtet wird. Unterschiede werden sich ergeben. Denn die Regionalstadtbahn Neckar-Alb, deren Planung fortschreitet, sieht eine Elektrifizierung genau bis Albstadt vor.

Im Sommer 2012 wird es bei dem Projekt um eine neue gefasste "standardisierte Bewertung" gehen, die jeder Förderung von Land und Bund vorausgehen muss. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sendet positive Signale: "Die neue Landesregierung hat sich im Koalitionsvertrag für eine Elektrifizierung der Zollernbahn wie auch anderer Strecken ausgesprochen, die nicht mehr zeitgemäß mit Dieselloks befahren werden". Der Minister weist aber darauf hin, dass die dazu notwendigen Ausbaumittel des Bundes nicht gesichert sind.

131 Kilometer - 129 Millionen Euro

Der Landkreis Sigmaringen führt nicht nur rein ökonomische Gesichtspunkte für diesen Streckenausbau an: "Es kann nicht sein, dass letztlich dieser Teil des ländlichen Raums als ,Dieseloase' übrig bleibt, was zusätzliche Umstiege und damit eine schlechtere Anbindung an Flughafen und Landeshaupstadt mit sich bringen würde."

Der Termin direkt nach der Volksabstimmung wurde mit einer Änderung im Sitzungskalender des Kreistags erklärt. Das Gutachten liegt schon seit Monaten vor. Zollern-Alb-Bahn Diese Bahnlinie führt auf einer Länge von 131 Kilometern von Tübingen über Hechingen, Balingen, Albstadt-Ebingen, Sigmaringen und Herbertingen bis nach Aulendorf. Die Baukosten für die Elektrifizierung werden auf 129 Millionen Euro veranschlagt.

Fahrzeiten Der IRE von Tübingen-Aulendorf benötigt 1:45Stunden. Weil die Strecke eingleisig ist und die Züge an Kreuzungsbahnhöfen aufeinander warten müssen, bleiben die Fahrzeiten auch nach einer Elektrifizierung der Strecke nahezu gleich. Nebenstrecke Die Elektrifizierung der als "Zollern-Alb-Bahn2" bezeichneten 50 Kilometer langen Verbindung Hechingen-Gammertingen-Sigmaringen wird von den Gutachtern der Karlsruher PTV AG als "volkswirtschaftlich nicht sinnvoll" eingestuft.